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Universität Basel

Emotionen als Schlüssel im Nahost-Konflikt.

Text: Stephanie Kirchmayr

Der Konflikt zwischen Israel und Palästina gilt als unlösbar. Der Politikwissenschaftler und Sozialpsychologe Oliver Fink untersucht, welche Rolle Gefühle wie Erniedrigung und Empathie dabei spielen. Für sein Projekt hat er drei Jahre lang in Jerusalem gelebt und geforscht.

Die Altstadt von Jerusalem gesehen durch Rollen von Stacheldraht.
Das Heilige Land kennt eine lange Geschichte der Teilung und des Konflikts: Die Altstadt von Jerusalem mit dem Felsendom. (Bild: Oliver Fink)

Ein halbes Dutzend Kriege und endlose Friedensverhandlungen – der Streit zwischen Israel und Palästina ist einer der kompliziertesten und langwierigsten Konflikte im Nahen Osten. «Würde ich eine Strassenumfrage zu einer sich endlos hinziehenden Auseinandersetzung machen, der Streit zwischen Israel und Palästina würde wahrscheinlich als Erstes genannt werden», sagt Oliver Fink, Doktorand und Politikwissenschaftler am Departement für Gesellschaftswissenschaften der Universität Basel.

Die verhärteten Fronten zwischen Israel und Palästina beruhen weniger auf realen Meinungsverschiedenheiten als vielmehr auf gegensätzlichen Ideologien und Werten. Das macht den Konflikt sehr emotional. Oliver Fink will diese Emotionen mit seiner Forschung besser verstehen. In seinem Dissertationsprojekt untersucht er, wie die palästinensische Bevölkerung konfliktgeladene Ereignisse wahrnimmt und wie Gefühle gewalttätige Handlungstendenzen beeinflussen.

Erniedrigung auf der Weltbühne

Eine Person wird nicht grundlos zum Gewalttäter. Der eigene Vater wurde verhaftet, der Bruder erschossen – am Anfang einer Radikalisierung steht häufig ein prägendes Erlebnis von politischer Gewalt. «Darauf folgen oft Hass und Rachegefühle», erklärt Fink. Mittels quantitativer Umfragen untersuchte er den Einfluss von negativ geladenen Emotionen. Das Ergebnis: Neben Hass und Wut erhöhen vor allem Gefühle der Erniedrigung die Gewaltbereitschaft.

Demütigende Erfahrungen sind Teil des täglichen Lebens in der Konfliktzone und spielen sich oft im Kleinen ab. Das Anstehen und die Schikane bei einem Checkpoint können die Betroffenen als Erniedrigung empfinden. Oder wenn feindliche Soldaten den Zugang zu den eigenen Olivenbäumen verwehren, obwohl die Haine sich schon seit Jahrhunderten im Besitz der Familie befinden. «Diese Erlebnisse sind sehr unangenehm, aber in einem gewissen Masse noch ertragbar», erläutert Fink.

«Gewalttätige Tendenzen verstärken sich vor allem dann, wenn die Demütigung im öffentlichen Raum als gezielte Degradierung empfunden wird oder sich gar auf der Weltbühne abspielt.» Gezeigt hat sich dies beispielsweise, als die Regierung der USA ihre Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegte und die Stadt somit implizit als alleinige israelische Hauptstadt anerkannte. Fink erinnert sich noch gut daran: «Unmittelbar darauf gab es heftige Demonstrationen quer durch das ganze Westjordanland.»

Leben zwischen zwei Kulturen

Der Politikwissenschaftler kennt die Region gut. Drei Jahre lang hat er mit seiner Familie in einer israelischen Ortschaft direkt an der Grenze zum Westjordanland gelebt. Die morgendliche Fahrt über den Checkpoint gehörte zum Familienalltag: Fink arbeitete in Israel, seine Frau in Palästina, die Kinder besuchten dort eine deutsch-palästinensische Auslandschule. Die Familie setzte sich bewusst diesen beiden sonst so getrennten Lebenswelten und Kulturen aus. Für Fink war dies ein zentraler, partizipativ-beobachtender Bestandteil seiner Feldforschung: «Ich wollte sowohl die Einschränkungen auf palästinensischer Seite wie auch die Furcht und das Misstrauen auf israelischer Seite erleben und verstehen. Nur so konnte ich die Forschungsergebnisse auch richtig einordnen.»

Die Kontakte in Palästina erleichterten auch den Zugang zu wichtigen Forschungsdaten. Denn anders als Israel verfügt Palästina nicht über die erforderliche elektronische Infrastruktur, um in kurzer Zeit grosse Mengen an Daten zu erheben. Ein Forschender muss von Haustür zu Haustür ziehen, um seine Umfragen durchzuführen. Vor allem bei einem so sensiblen Thema wie Gewalt und Emotionen ist dies kein einfaches Unterfangen. «Die Kontakte zur Schule und zur palästinensischen Bevölkerung waren da zum Glück sehr hilfreich», so Fink.

Angesichts der schwierigen Datenlage war es ein glücklicher Zufall, als Fink und seine Forschungsgruppe bei ihrer Recherche auf bereits verschriftlichte Interviews mit ehemals gewalttätigen Palästinensern stiessen. Die Interviewten schilderten in den Dokumenten einen grundlegenden Sinneswandel, der schlussendlich dazu führte, dass sie sich gemeinsam mit Israelis in «Joint Activism»-Projekten für den Frieden einsetzten.

Auch hier spielen Emotionen eine zentrale Rolle. Finks Analyse der Aufzeichnungen ergab, dass vor allem eine empathische Begegnung eine Deradikalisierung auslöst. Ahmad, dessen Name wir geändert haben, freundete sich beispielsweise im Gefängnis mit einem israelischen Gefängniswärter an. Und Yousef schilderte, wie er sich den Film «Schindlers Liste» anschaute und die Juden darin erstmals in einer Opferrolle sah. Solche Erfahrungen oder Begegnungen können einen tiefgreifenden Perspektivenwechsel hervorrufen. «Dann wird ihnen plötzlich klar: Die erleben ja das gleiche wie ich», betont Fink. «Gemeinsame Verlusterfahrungen können die festgefahrene Spirale von Hass und Rache unterbrechen.»

Empathie als zentraler Faktor

Das Problem dabei ist: Wenn das Gegenüber nicht will, ist es enorm schwierig, Empathie auszulösen. Meist ist sie eine Folge von zufälligen Begegnungen. Eine genaue Analyse solcher Ereignisse könnte künftig jedoch helfen, den Kontakt zwischen den zwei Bevölkerungsgruppen mittels Mediationen und Workshops zu fördern und zu verbessern.

Die Frage nach dem besten Weg zu einem dauerhaften Frieden ist eine sehr schwierige und kann mit Finks Untersuchungen allein nicht beantwortet werden. Seine Forschung zeigt jedoch, welch wichtige Rolle psychologische Faktoren im Nahost-Konflikt spielen, sowohl bei der Entstehung von Gewalt wie auch bei der Förderung friedlicher Lösungen. «Ein Friedensvertrag kann noch so gut sein – wenn beide Parteien sich gegenseitig misstrauen und kein Verständnis füreinander haben ist das Abkommen übermorgen Makulatur.»

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