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Universität Basel

«Stress ist eine Volkskrankheit.»

Interview: Christoph Dieffenbacher

Der Neurowissenschaftler Pasquale Calabrese über ein weitverbreitetes Gesundheitsproblem, seine körperlichen und psychischen Aspekte und darüber, wie Menschen Bedrohungen unterschiedlich bewerten.

Prof. Pasquale Calabrese. (Foto: Universität Basel, Christian Flierl)
Prof. Pasquale Calabrese. (Foto: Universität Basel, Christian Flierl)

UNI NOVA: Herr Calabrese, waren Sie bisher einmal besonders gestresst?

PASQUALE CALABRESE: Ja, das war vor einigen Jahren, als ich nach Basel umgezogen bin, nachdem ich hier einen neuen Job angenommen hatte. Meine Lebenssituation hat sich damals komplett verändert. Ich konnte die Umstände noch nicht einschätzen, die Lage war für mich ungewiss. Das ist typisch: Menschen empfinden Stress, wenn sie eine Situation nicht kontrollieren können. Wenn sie vor Anforderungen stehen, bei denen sie nicht wissen, ob die eigenen Ressourcen genügen, um sie zu bewältigen. Als Neurowissenschaftler formuliere ich es noch etwas anders: Stress entsteht, wenn Reize auf einen Organismus eintreffen, die als bedrohlich erlebt und interpretiert werden – denen der Organismus nicht ausweichen kann. Je unkontrollierbarer die Lage, desto eher wird sie als stressig empfunden.

UNI NOVA: Was passiert bei Stress genau im Körper?

CALABRESE: Von der Hirnforschung weiss man, dass sich in unserem Gehirn noch Strukturen erhalten haben, deren Alarmsysteme für unsere Vorfahren wichtig fürs Überleben waren – etwa wenn plötzlich ein potenzieller Fressfeind, zum Beispiel ein Säbelzahntiger, vor einem stand. Diese Netzwerke haben über Jahrmillionen überlebt, weil sie sich im Lauf der Evolution bewährt und unser Überleben garantiert haben. In diesen biologischen Systemen war extrem rasches Handeln entscheidend – «flüchten oder kämpfen», lautete die Devise. Körperlich wird die Bedrohung zunächst vom Thalamus im Zwischenhirn registriert, der den Reiz im Gehirn an andere Schaltstellen weiterleitet. Nun folgen zunächst eine entwicklungsgeschichtlich «alte», schnellere sowie eine «neuere», langsamere Reizverarbeitung. Die erste Route verarbeitet den Reiz nur grob, dafür aber schnell, dagegen erfolgt die Reizverarbeitung in der entwicklungsgeschichtlich jüngeren Route langsamer, aber genauer und detaillierter. Bei der ersten wird der Mandelkern, die Amygdala, aktiviert, die Signale an den Hypothalamus leitet, der wiederum bestimmte Steuerhormone freisetzt. Diese gelangen zur Hypophyse, wo sogenannte glandotrope Hormone gebildet werden, worauf aus den Nebennieren Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin ausgeschüttet werden. Der Blutdruck steigt, die Bronchien erweitern sich, sodass mehr Sauerstoff in die Muskeln gelangt. Das Immunsystem und das Schmerzempfinden werden zeitweise unterdrückt. Diese Aktivierung der Stressachse, wie wir sie nennen, findet innert Sekundenbruchteilen statt.

UNI NOVA: Und die langsame Reizverarbeitung?

CALABRESE: Nun, im Lauf der Evolution hat sich später beim Menschen die Hirnrinde, der zerebrale Kortex, entwickelt und ausdifferenziert. Dadurch sind wir in der Lage, komplexe Informationen zu verarbeiten. Dies hat unter anderem dazu geführt, dass wir nicht nur Bedrohungen wahrnehmen, die unmittelbar vor uns auftauchen. Der Mensch kann auch weiter entfernte, auch nur potenzielle Gefahrenquellen erfassen. Wir haben also die Möglichkeit, uns eine bestimmte Situation vorzustellen und bereits darauf zu reagieren ...

UNI NOVA: ... und uns womöglich auch durch Gefahren, die wir uns nur einbilden, unter Stress setzen zu lassen?

CALABRESE: Genau. Durch unser weiter entwickeltes Gehirn haben wir die Möglichkeit, durch Assoziationen und Antizipieren potenzielle Gefahren wahrzunehmen. Dies bedeutet, dass allein die Vorstellung einer zu erwartenden oder bereits erlebten Gefahrensituation dieselben körperlichen Reaktionen auslösen kann wie die reale Bedrohung: Herzklopfen, Schweissausbrüche, hoher Blutdruck, höhere Muskelspannung. Auch bei der langsameren Reizverarbeitung wird im Wesentlichen dieselbe Stressachse angekurbelt wie bei der schnelleren. Aber: Ob und wie stark wir auf eine Situation mit Stress reagieren, hängt vor allem davon ab, wie wir die Situation bewerten.

UNI NOVA: Sind manche Menschen also anfälliger auf Stress?

CALABRESE: Grundsätzlich kann man sagen, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, Stress zu bewältigen. Da gibt es grob gesagt einmal den Typ des Kämpfers, der sich der Situation stellt und seine Ressourcen aufbietet. Dann gibt es den, der flüchtet, also die bedrohliche Lage vermeidet, und schliesslich jenen, der sich totstellt und so tut, als ob nichts wäre. Bei der Einschätzung der Situation spielt es eine Rolle, wie man sie kognitiv bewertet. Strategien zur Bewältigung von Stress sind beim Menschen weitgehend erlernt. Aus der Hirnforschung weiss man aber auch, dass Stress schon im Mutterleib übertragen werden kann: Wenn die Mutter starken Belastungen ausgesetzt ist, kann es bereits im Gehirn des Kindes zu einer Fehlprogrammierung kommen – mit möglichen späteren Folgen wie Aufmerksamkeitsstörungen, ADHS oder Lernschwierigkeiten.

UNI NOVA: Lässt sich Stress messen?

CALABRESE: Ja. Stress hat eine psychologische, eine physiologisch-endokrinologische und eine verhaltensbezogene Dimension. Die erste können wir zum Beispiel durch Fragebögen und psychometrische Tests erfassen, die zweite durch Messungen etwa von Hormonkonzentrationen, Gehirnströmen oder Herztätigkeit. Die dritte Dimension lässt sich indirekt durch Beobachtungen erschliessen, zum Beispiel wenn jemand plötzlich mit hoher oder mit brüchiger Stimme redet. Es gibt also eine Reihe von direkten und indirekten Methoden, den Stresszustand einer Person zu registrieren.

UNI NOVA: Die Begriffe Stress und Burnout führen heute sogar Kinder in ihrem aktiven Wortschatz. Ist Stress tatsächlich zu einer Volkskrankheit geworden, wie Sie kürzlich in einem Vortrag sagten?

CALABRESE: Auf Stress sind zahlreiche gesundheitliche Probleme wie Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes und Übergewicht zurückzuführen. Der Volkswirtschaft gehen wegen stressverursachten Arbeitsausfällen sehr hohe Summen verloren. Für viele bedeutet Stress auch psychische und soziale Belastungen. Gesundheitliche Phänomene, die so weit verbreitet sind, dass sie derart riesige volkswirtschaftliche Folgen nach sich ziehen, nennen wir Volkskrankheiten. Das ist hier klar der Fall.

UNI NOVA: Warum nehmen Stress und die mit ihm zusammenhängenden Krankheiten zu, mindestens in den westlichen Gesellschaften?

CALABRESE: Meiner Meinung nach hängt das damit zusammen, dass die Flut an Daten, die wir im täglichen Leben verarbeiten müssen, immer mehr wächst. Die Menschen sind heute sehr viel mehr mit Informationen verschiedenster Art konfrontiert als früher. Unsere Umwelt ist komplexer geworden. So hat man heute in fast allen Berufen und Tätigkeiten ständig Neues dazuzulernen. Zugleich steigen der Leistungsdruck und die Arbeitsverdichtung. Doch viel Information heisst nicht unbedingt auch bessere Information – ständig hat man zu prüfen und abzuwägen, was wichtig und nützlich ist und was nicht. Das kann bei vielen Menschen zu Stress führen. Dazu ist aber zu sagen, dass kurzfristiger und vorübergehender Stress auch positive Wirkungen hat: Bei diesem «guten» Stress – dem Eustress im Gegensatz zum Dystress – nimmt die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit vorübergehend zu. Er kann als Herausforderung empfunden werden.

UNI NOVA: Das grosse Problem ist wohl aber der Dauerstress, der viele nicht zur Ruhe kommen lässt ...

CALABRESE: Richtig. Stress – das Wort kommt eigentlich aus der Mechanik und bedeutete ursprünglich die Abnutzung eines Materials – kann tödliche Folgen haben. Das betrifft nicht nur die Häufung der genannten Zivilisationskrankheiten. Auch die Auswirkungen auf das Gehirn sind nicht zu übersehen: Wenn der Druck und die Anforderungen an den einzelnen anhalten, kommt es zu einer chronischen Belastung. So wird der Hippocampus – eine Hirnstruktur, die eigentlich für Lern- und Gedächtnisprozesse äusserst wichtig ist und in einer Rückmeldeschleife die Stresshormon-Produktion dämpfen kann – unter Dauerstressbedingungen vom Hormon Cortisol überflutet. Die Nervenenden erleiden Schädigungen, die Verbindungen zwischen den Nervenzellen gehen zurück. Mittelfristige Folgen davon sind veränderte Gehirnfunktionen: Die Konzentrationsfähigkeit nimmt ab, die Betroffenen haben Probleme, Informationen abzurufen. Stress wirkt sich auch bei anderen Erkrankungen negativ aus: So verschlimmert er etwa das Befinden bei Patienten mit Multipler Sklerose oder Demenzkrankheiten, aber auch bei affektiven Störungen zusätzlich.

UNI NOVA: Stressbedingte Erkrankungen und Beschwerden sind schwer zu therapieren – wie sehen die Möglichkeiten dafür aus?

CALABRESE: Eine optimale Therapie von Stress muss zweigleisig fahren. Einerseits gilt es, bei den Patienten die körperlichen Reaktionen in der Stressachse zu dämpfen. Dies kann beispielsweise mit Medikamenten erfolgen, die dämpfend wirken, bei gleichzeitiger Vermeidung oder Reduktion von Stimulanzien wie Koffein oder Alkohol. Anderseits und komplementär dazu sollten Methoden des Coachings – oder im Fall von krankheitswertigen Folgen auch bestimmte Formen der Psychotherapie – angewendet werden. So können die Betroffenen lernen, bestimmte Situationen umzuwerten bzw. neu zu bewerten. Präventiv wirken kann auch, wenn man bewusst beschliesst, kürzerzutreten, oder lernt, mehr Nein zu sagen und seine Ressourcen sinnvoller und ökonomischer einzusetzen.

UNI NOVA: Was halten Sie von den Angeboten der Alternativmedizin auf dem Gesundheitsmarkt?

CALABRESE: Statt Alternativmedizin würde ich lieber von Komplementärmedizin sprechen. Auch solche Methoden als Ergänzung zur Schulmedizin können bei Therapien gegen Stress helfen. Wie wir wissen, zeigt der Einbezug von Aspekten wie Bewegung, Ernährung, Coaching, Resilienztraining, Meditation und Achtsamkeit gute Erfolge. Dabei ist es immer wichtig, die Betroffenen auch dafür zu sensibilisieren. Oft kommen Stressgeplagte viel zu spät zu den Fachleuten, nämlich erst dann, wenn bei ihnen der Stress bereits zum Dauerzustand geworden ist.

UNI NOVA: Welches sind derzeit die wichtigsten offenen Forschungsfragen?

CALABRESE: Nach wie vor ist beispielsweise unklar, welche Rolle Stress bei der Entwicklung von affektiven Störungen spielt, etwa bei Depressionen. Auch beim Ausbruch und dem Verlauf bestimmter neuroimmunologischer Erkrankungen, zum Beispiel Multipler Sklerose, ist der negative Effekt der hochregulierten Stressachse zwar erkannt. Aber es gilt auch hier, das Verhältnis von Ursache und Wirkung näher zu beleuchten. Schliesslich muss in all diesen Beispielen – ganz nach dem biopsychosozialen Modell – davon ausgegangen werden, dass sowohl anlagebedingte Faktoren – also bestimmte individuelle genetische Voraussetzungen – als auch Umwelteinflüsse zusammenwirken. Diese führen zusammen mit bestimmten sozialen Gegebenheiten zu einer organischen «Entsteuerung», die wir als stressassoziierte Erkrankung erleben. Hier gibt es noch viel zu erforschen.

UNI NOVA: Zurück zu Ihrer früheren Stresserfahrung, als Sie nach Basel kamen: Wie haben Sie ihren damaligen Stress bewältigt?

CALABRESE: Zum einen hat mir damals das soziale Umfeld geholfen und die Tatsache, dass ich mich an meinem neuen Arbeitsplatz in Basel wohlfühlte. Meine Familie ist später nachgezogen, und meine Frau hat hier ebenfalls eine Stelle gefunden. Die soziale und die kommunikative Komponente sind bei Stress sehr wichtig – der Mensch ist schliesslich ein soziales Wesen, und sein Gehirn ist ein soziales Gehirn.

Pasquale Calabrese ist Professor für Neurowissenschaften an der Fakultät für Psychologie der Universität Basel und leitet hier die Gruppe Neuropsychologie und Verhaltensneurologie an der Transfakultären Forschungsplattform Molekulare und Kognitive Neurowissenschaften. Dabei ist er auch klinisch tätig und forscht unter anderem über neuropsychiatrische Aspekte bei Multipler Sklerose, Parkinson, Demenz, Depressionen, Stress und Wahrnehmung.

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