x
Loading
+ -

Universität Basel

«Osteuropa» – Geschichte und Gegenwart eines Konzepts

Prof. Thomas Grob

So handlich der Begriff, so unscharf die Bedeutung: «Osteuropa» ist ein Konzept, das immer wieder neu ausgestaltet wird.

Undatierte Karte aus dem 18. Jahrhundert Die in Amsterdam gedruckte Karte zeigt den Schauplatz der Russisch- Türkischen Kriege, in deren Verlauf Russland die Halbinsel Krim eroberte und einen Zugang zum Schwarzen Meer gewann. (Bild: Universitätsbibliothek Bern)
Undatierte Karte aus dem 18. Jahrhundert Die in Amsterdam gedruckte Karte zeigt den Schauplatz der Russisch-Türkischen Kriege, in deren Verlauf Russland die Halbinsel Krim eroberte und einen Zugang zum Schwarzen Meer gewann. (Bild: Universitätsbibliothek Bern)

Gibt es «Osteuropa» überhaupt? Und wenn ja – wo beginnt, wo endet es? Warum sind Prag, Ljubljana und Zagreb für uns meist «Osten», obwohl sie westlicher als Wien, geschweige denn als Athen liegen, so wie Serbien westlicher liegt als Finnland? Und warum klingt «Osteuropa» so gar nicht wie eine neutrale symmetrische Ergänzung zu «Westeuropa»? Diese Fragen betreff en Kernelemente des europäischen Selbstverständnisses. Denn die Mental Maps, die Geografien in unseren Köpfen, haben einen enormen Einfluss in weiten Feldern von der Kultur über die Ökonomie und die Wissenschaft bis hin zur realen Politik.

Die heutige Vorstellung von «Osteuropa» ist geprägt vom Kalten Krieg und vom «Eisernen Vorhang», den Churchill 1945 rhetorisch auf den nun von der Sowjetunion abhängigen «Block» bezog. Von innen gesehen war dieser «Ostblock» aber immer ein vielfältigerer Raum als in westlichen Augen, die höchstens im blockfreien Jugoslawien Titos eine gewisse Ausnahme erkannten.

Wie plural diese Räume trotz aller realsozialistischer Patina waren, wurde nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 richtig sichtbar. Als sich die Fixierung der westlichen Wahrnehmung auf den «Kommunismus» lockerte, wurde allerdings auch erkennbar, dass es im Bild eines «Osteuropa» noch deutlich ältere Wurzeln gibt als die Nachkriegsordnung.

Kulturelle Achsendrehung

«Osteuropa» suggeriert eine geschlossene Welt verwandter Regionen. Dies ist eine Fiktion, deren Herkunft einigermassen präzise rekonstruierbar ist. Ihre Entstehung mag auf älteren Russlandbildern aufbauen, doch geht sie vor allem auf die französische Aufklärung zurück.

Vorher war als kulturell-politische Achse jahrhundertelang nur die Nord-Süd-Differenz relevant gewesen. Seit der Renaissance versuchten die «barbarischen» Regionen nördlich der Alpen, politisch und kulturell das Erbe des römischen Reiches anzutreten, und es entwickelten sich – parallel zum Kolonialismus – konkurrierende Konzepte, in denen man sich als Zentrum der «zivilisierten» Welt darstellte.

Die kulturelle Achsendrehung nach West-Ost ging um die Mitte des 18. Jahrhunderts von Paris aus, als die französischen Aufklärer den Orient – in dem sich der geografische Osten mit der Nähe zum «Orient» verbindet – zu derjenigen Region erklärten, die noch nicht von der französischen bzw. europäischen Aufklärung erschlossen war. Bei Voltaire etwa taucht der Begriff des «Orient de l’Europe» auf, das Konzept einer Zwischenzone, die geografisch zu Europa gehörte, die aber noch darauf wartete, von der neuen Philosophie beglückt zu werden.

Die Wahrnehmung der Differenzen innerhalb Europas erhielt damit einen Vektor. In seinem Buch «Inventing Eastern Europe» (1994) zeigte der Historiker Larry Wolff, wie sehr das nachpetrinische, sich europäisierende Russland zu einem Raum wurde, den man wie eine weisse Fläche mit Einflussfantasien überziehen konnte.

Die Ost-West-Achse bezeichnete eine Abstufung vom Zentrum der aufgeklärten Zivilisation in immer weniger zivilisierte Zonen. Der Weg nach Osten wurde von Reisenden, mit der vermeintlichen Schwelle Polens, Ungarns oder dann Galiziens, zum Gang in immer asiatischere Zonen. Dabei passte sich die Wahrnehmung manchmal höchst fantasievoll der vorgefassten Erwartung an, eine zurückgebliebene Kulturstufe anzutreffen. Das Barbarische fand sich nun im Osten.

Erst dieses Konzept schmiedete Osteuropa im Blick von aussen zur Einheit zusammen. Die Definitionshoheit über den Zivilisationsstand der Regionen nahm dabei der «Westen» für sich in Anspruch, und Europa definierte sich zunehmend selbst in Abgrenzung zu seinem Osten. Dass auch die westlicher gelegenen Regionen nicht nur aus den urbanen Zentren der Modernisierung und aus kultiviertem Verhalten bestanden, konnte da leicht übersehen werden.

Die entstehende Skala führte auch zu einem Wettstreit, wo dieser Osten denn beginnt. Bis heute kann man eine wundersame Grenzverschiebung beobachten: Etwas zugespitzt formuliert, beginnt der Osten für die Berliner an der polnischen Grenze, für die Westpolen in Warschau, für die Ostpolen und Slowaken in Weissrussland und der Ukraine, für die Westukrainer östlich von Kiew, für die Kroaten in Serbien. Und die Tschechen wehren sich ohnehin vehement dagegen, «Osteuropa» zu sein: Prags 1348 gegründete Universität ist ein gutes Argument, sich im Herzen Europas zu fühlen. Begründet werden diese Grenzziehungen einmal historisch, dann konfessionell, dann kulturell, dann geografisch. Dies reflektiert präzise die Unsicherheiten des Europaverständnisses überhaupt.

Das andere Europa und das Andere Europas

Nach 1991 stellten auch die Osteuropaspezialisten erstaunt fest, dass ihre Geografie «Osteuropas» regional keineswegs hinreichend differenziert war. Die Frage barg einige Brisanz: Gewisse Gesprächspartner weigerten sich, zu Osteuropa gezählt zu werden, und aus dem Zusammenbruch Jugoslawiens tauchte das noch stärker kontaminierte Wort «Balkan» wieder auf. Die Frage des «Ostens» betraf die Legitimierung der Osteuropaforschung insgesamt. Im Westen schien zudem das Problem des Kalten Krieges überwunden, und dass man im neuen Europa dessen «östliche» Kulturen auch universitär erst recht nicht ignorieren konnte, war nicht für jedermann sofort einsichtig.

Die neue Geografie zwang die beteiligten Fächer, ihre Tätigkeit zu überdenken. Wie organisiert man «Osteuropa-Studien» angesichts der neuen Verhältnisse? Einige Universitäten, soweit sie sich nicht ohnehin nur mit Russland beschäftigen, gehen den Weg der Aufspaltung nach Sprachgebieten, Basel zum Beispiel denjenigen der überregionalen Forschung. Wichtiger war für die Forschenden aber, dass mit den Umwälzungen eine Vielzahl neuer und neu zu formulierender Fragestellungen von hoher Aktualität entstanden. Dazu gehören die europäischen Verbindungen, die transnationalen Traditionen, die Gedächtniskultur, das jüdische Erbe, die Nationenbildung, die Bezüge zwischen Kultur und Macht und vieles andere mehr. Das Feld ehemaliger wirklicher und vermeintlicher Peripherien wurde, ganz im Sinne des Kulturtheoretikers Jurij Lotman, zu Zonen der lebendigen Veränderung, des Neuen, der Kreativität. Dies aus wissenschaftlicher Distanz begleitend zu beobachten, bietet ein enormes Feld an Möglichkeiten.

‹Osteuropa› war immer zugleich das andere Europa wie das Andere Europas.

«Osteuropa» war immer zugleich das andere Europa wie das Andere Europas, und in diesem Sinne abhängig von den im Westen erzeugten Bildern. Auch die neu zur EU gehörenden Länder hatten Schwierigkeiten, das Image des «armen Verwandten» zu überwinden. So kann es Osteuropa in einem objektiven Sinn nicht geben. Der Begriff macht nur Sinn, wenn man ihn wertfrei verwendet und seine Vielfalt berücksichtigt.

Die Erfahrung zeigt, dass es schwer sein kann, für einen wissenschaftlichen Band zu verschiedenen «osteuropäischen» Regionen einen adäquaten regionalen Titel zu finden. Es ist aber keineswegs schwierig, die vergleichende Forschung an sich zu begründen, wenn man sie als Teil eines gesamteuropäischen Rahmens versteht. Diese Regionen, so unterschiedlich sie sind, verbindet vieles: frühere Zugehörigkeiten zu imperialen Grossgebilden, eine ethnisch- kulturell plurale Vergangenheit, andere Wege der Nationenbildung, kommunistische und postkommunistische Prägungen, im Falle der slawischen Kulturen auch eine sprachliche Nähe und alte, wenn auch immer umstrittene kulturelle Verbindungen untereinander, schliesslich auch andere Wege der Modernisierung, die den an sich vorbildhaften «Westen» auch relativieren. So hat die heutige Osteuropaforschung mit ihrem Namen wohl mehr Probleme als mit ihrem Gegenstand.

Jede und jeder Osteuropa-Reisende weiss, dass es so etwas wie den europäischen «Osten» gibt. Dieser Osten mit seinen Problemen wie mit seinem inneren Reichtum ist immer wieder different, und manchmal auch überraschend gleich. Diese Regionen – Russland inklusive – sind tief in Europa eingewoben und auf ihre Weise europäisch. Europa wäre ohne diesen Osten nicht nur um vieles ärmer, es ist ohne ihn auch nicht mehr zu verstehen. In Europa kann man ohne seine Kenntnis auch ökonomisch und politisch nicht mehr agieren. Was man dabei genau «Osten» nennt, was «Mitte» oder «östliche Mitte», das wird ebenso wie die Konkurrenz dieser Länder, möglichst auch Westen zu sein, an Relevanz verlieren – spätestens, wenn sich die Vorstellung auflöst, der «Westen» habe ein Monopol auf die europäische Zivilisation.

nach oben