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Universität Basel

Osteuropa – Von Kostümen, Konflikten und Kulturräumen (02/2015)

Dem Städtewandel auf der Spur

Olivia Poisson

Städte verändern sich ständig. Mechtild Widrich schaut sich diesen Wandel genau an und weiss, was er für die Öffentlichkeit bedeutet.

Mechtild Widrich lässt sich nicht so einfach einordnen. Die Kunsthistorikerin und Bildwissenschaftlerin mit Promotion am MIT forscht an der Schnittstelle von Kunst, Architektur und Geschichte. Angesiedelt zwischen diesen Fachbereichen widmet sich ihre Arbeit den komplexen Fragestellungen rund um Bilder, Gebäude und dem öffentlichen Raum. Die beiden Begriffe Stadt und Bild fallen bei ihr häufig und ergeben zusammen das zentrale Thema ihrer Forschung – das Stadtbild.

Die Bildkritik steht seit 2005 bei eikones, dem Nationalen Forschungsschwerpunkt Bildkritik der Universität Basel, im Zentrum. Mechtild Widrich stiess 2013 als Postdoctoral Fellow zum Modul «Cities on the Move» dazu, welches sich mit dem Verhältnis von Bild und Stadt in Kunst, Architektur und Städtebau beschäftigt – eine Konstellation, geradezu geschaffen für die junge Forscherin.

Das umkämpfte Stadtbild

Städte erzeugen Bilder. Diese Stadtbilder sind schon lange nicht mehr nur dem Besucher vor Ort vorbehalten, sondern sind mediatisiert auf der ganzen Welt zugänglich. Wie dieses Stadtbild aussieht und was es aussagt, ist oft von politischem und nationalem Interesse. Es erstaunt also nicht, dass einzelne Gruppen bewusst versuchen, das Stadtbild durch Architektur oder Kunst zu beeinflussen. Als Resultat entstehen mehrere widersprüchliche Stadtbilder, die in den Medien zirkulieren und bestimmte Wahrnehmungen formen. «Das Bild ist nichts Fixes, sondern höchst strittig», so Widrich.

Dieser Tatsache widmete sich Widrich in ihrem Forschungsprojekt «Histories on the Move: The Nationalisation of Global Art», welches sich mit dem Zusammenhang zwischen nationaler Selbstdarstellung und der Konstruktion von Nationalbildern mithilfe von Kunst beschäftigt.

Nationalgalerie Singapur Eine Decke aus Glas und Metall verbindet zwei Kolonialgebäude zur neuen Nationalgalerie.
Nationalgalerie Singapur: Eine Decke aus Glas und Metall verbindet zwei Kolonialgebäude zur neuen Nationalgalerie. © Darren Soh

Sehr eindrücklich zeigt sich dieses politische Stadtbild im Falle Singapurs. Hier forschte Widrich unter anderem zur neuen Nationalgalerie zeitgenössischer Kunst, die Ende 2015 eröffnet werden soll. «Singapur versucht durch architektonische Projekte, wie der Nationalgalerie, und durch die Präsentation moderner und zeitgenössischer Kunst, sein eigenes Stadtbild aktiv zu formen», das Museum soll also nicht nur der eigenen Bevölkerung einen Zugang zu Kunst bieten, sondern es soll auch ein bestimmtes Image auf einer globalen Ebene darstellen.

Künstliche Kunstszene

Konkret hat Singapur, ganz offiziell und transparent, eine sogenannte Renaissance Singapur ausgerufen. Erklärtes strategisches Ziel ist es, zu dem neuen kreativen Zentrum Südostasiens zu werden. Zu diesem Zweck sind Initiativen wie beispielsweise die Singapurer Biennale oder eben die neue Nationalgalerie entstanden. «Man versucht hier top down eine Kunstszene zu modulieren, die sich dann im Idealfall in einem veränderten Bild von Singapur in unseren Köpfen niederschlägt.» Dahinter stecken ökonomische Interessen – Singapur ist ein reiches Land und will das auch bleiben.

So viel zur Theorie: «Ist man vor Ort, stellt man aber fest, dass alles viel komplexer ist.» Zwar gibt es viele gut ausgebildete Künstler, Kuratoren und Theoretiker in Singapur, als solche sind sie aber auch durchaus kritisch und hinterfragen die nationalen Interessen, so Widrich. «Viele verwenden das System, um es gleichzeitig subversiv umzuwerten oder zu hinterfragen und so entstehen Gegenbewegungen zur offiziellen Stossrichtung.»

Widrich will in ihrer Forschung bewusst keinen Status quo analysieren. «Für mich wird es gerade dort spannend, wo widersprüchliche Dynamiken im Stadtbild sichtbar werden. Mich interessiert, wie diese geformt werden, welche Beeinflussungen es von den verschiedenen sozialen Gruppierungen gibt und welche Ebenen der Rezeption entstehen. Ich halte diese Untersuchungen für gesellschaftlich und politisch wesentlich, um lokale, nationale und globale Repräsentationsmechanismen gemeinsam verstehen zu können.»

Mechtild Widrich studierte Kunstgeschichte an der Universität Wien und Kunst- und Architekturgeschichte am MIT, wo sie 2009 promovierte. Nach ein paar Jahren als freie Kuratorin war sie von 2011 bis 2013 Postdoktorandin und Dozentin am Lehrstuhl für Kunst- und Architekturgeschichte der ETH Zürich. 2013 wechselte sie zu eikones, dem Nationalen Forschungsschwerpunkt für Bildkritik an der Universität Basel. Seit Mai 2015 ist Widrich Assistant Professor of Art History, Theory and Criticism an der School of the Art Institute of Chicago.

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