«Blended Learning» im Medizinstudium – Ist das die Zukunft?
«Blended Learning», also die Kombination aus digitaler und analoger Wissensvermittlung, ist eine mögliche Antwort auf aktuelle Herausforderungen im Medizinstudium. Die Universität Basel hat ein neu entwickeltes «E-Learning» mit Bachelorstudierenden erfolgreich getestet. Zwei Medizinstudentinnen erzählen, wie sich solche digitalen Ergänzungen auf ihren Alltag im Studium auswirken.
Neu geschaffene Studienplätze kommen der Nachfrage nach mehr Gesundheitsfachpersonal und dem Studien- und Berufswunsch von vielen Studieninteressierten entgegen. Wenn mehr Ärzt*innen ausgebildet werden, heisst das aber auch, dass bisherige Lern- und Lehrmethoden an ihre Grenzen stossen; es mangelt beispielsweise an räumlichen Ressourcen. Auch Studierende wünschen sich eine flexiblere Lehre, die sich mit den Herausforderungen des Alltags, wie einem Nebenjob, und dem hohen Mass an Lerninhalten vereinbaren lässt.
Hier setzt das Blended Learning an, das in einer 2024 durchgeführten Pilotstudie mit Medizinstudierenden an der Universität Basel getestet wurde. Bei diesem Ansatz werden herkömmliche analoge Präsenzkurse mit digitalen Formaten kombiniert. So soll die Lehre zeitgemässer und effektiver werden – für die Studierenden, aber auch die Hochschulen. Und die Studienergebnisse von Sebastian Gross und seinen Mitforschenden bestätigen: Das «E-Learning», ein neu ausgearbeiteter Online-Kurs zum Selbststudium, wirkt sich nicht nur positiv auf die Effizienz und Qualität der Wissensvermittlung aus, sondern steigert zudem auch die Zufriedenheit der Studierenden.
Durch die Initiative von Prof. Dr. Sabina Hunziker und ihrem Team wird das E-Learning bereits im Modul «Medizinische Kommunikation» eingesetzt und soll in Zukunft noch weiter ausgebaut werden. Die praxisnahen Präsenzveranstaltungen, wie Vorlesungen und Kleingruppenübungen mit Simulationspatient*innen, bleiben bestehen, werden aber durch das digitale Angebot ergänzt.
Die erste Generation des Blended-Learning-Ansatzes
Matilda Bäni und Lea Jeger gehören zu den ersten Tester*innen des Blended Learnings als Unterrichtsmethode. Beide haben vor kurzem die Bachelorprüfungen gemeistert und befinden sich nun im ersten Jahr des Masterstudiums. Die beiden Studentinnen berichten, dass alle aus ihrem Jahrgang neben dem Vollzeitstudium noch arbeiten. Auch sie. «Es ist nicht möglich, sich mit einem Job das Studium zu finanzieren, wenn die Vorlesungen nicht aufgezeichnet werden», so Lea. «Bei mir ist auch deswegen vieles bereits sehr digital, da ich die Vorlesungen immer am Laptop nachschaue. Ich bin so konzentrierter und kann das Studium besser mit der Arbeit und meinen Hobbys kombinieren.»
Matilda hingegen versucht so viele Vorlesungen wie möglich in Präsenz zu besuchen. Die Vorstellungen von der optimalen Gestaltung der Lehrformate sind individuell unterschiedlich. Trotzdem ist für die beiden angehenden Ärztinnen der Wunsch nach digitalen Formaten als Ergänzung gross. «Es braucht beide Unterrichtsformen. Digital ermöglicht es, im eigenen Tempo zu lernen. Aber nur das würde nicht reichen, denn in der Medizin ist der direkte Kontakt zentral», sagt Matilda.
Die Begegnung mit Patient*innen braucht Übung
Dieser menschliche Kontakt mit Patient*innen wird seit dem Beginn des Studiums im Modul «Medizinische Kommunikation» aufbauend gelehrt. Dabei wird das Bewusstsein für eine empathische Begegnung auf Augenhöhe gestärkt. Matilda sagt: «Wenn ich heute Grey’s Anatomy schaue, dann cringe ich oft bei unrealistischen Situationen. Man würde beispielsweise Patient*innen nicht bewusst anlügen und auch das Setting für eine schwierige Nachricht wird im Vorfeld durchdacht.»
Im Bachelorstudium lernten die Studentinnen die Grundlagen der medizinischen Kommunikation kennen. Und konnten schrittweise so auch Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufbauen. Lea weiss: «Der Arzt-Patient*innen-Unterricht hilft dabei, sich sicherer zu fühlen beim Auftritt im Patient*innen-Zimmer, weil man in Rollenspielen diverse Kommunikationstechniken immer wieder übt.»
E-Learning ermöglicht spielerisches Ausprobieren vor dem Ernstfall
Als Ergänzung können diese Gesprächssituationen spielerisch und ohne direkten menschlichen Kontakt auch im E-Learning geübt werden, das Matildas und Leas Jahrgang als erster testen durfte. Das Fazit ist klar: Die digitale Lernmethode überzeugt sowohl inhaltlich als Ergänzung zur Vorlesung in der Vermittlung der Theorie als auch in der Gestaltung. Es sei kurzweilig, abwechslungsreich und biete sogar einen gewissen Spassfaktor. Lea meint: «Ich war positiv überrascht und hätte mir mehr davon gewünscht. Ich hatte das Gefühl, dass ich vom E-Learning sehr viel mitnehmen konnte.»
Es werden verschiedene Lernmethoden und Medien kombiniert, sei es ein interaktives Video oder auch mal einen Text. Matilda sagt: «Das E-Learning ist logisch strukturiert und gibt dir einen roten Faden. Die Videos geben dir verschiedene Optionen, wie du in einer Situation reagieren kannst. Je nachdem, was du anwählst, setzt sich das Video anders fort.» Lea lacht: «Spannend ist es auch, mal eine unpassende Antwort auszuwählen, um zu schauen, was dann passiert. Kurze Texte erklären dann, warum deine Wahl gut oder weniger gut wäre.» Die einzige richtige Antwort gäbe es allerdings nicht.
Dasselbe gilt wohl für den Aufbau des Medizinstudiums. Das Blended Learning verbindet den direkten Kontakt mit flexiblen digitalen Lernmethoden, stärkt den Lernerfolg und begegnet den aktuellen Herausforderungen des Medizinstudiums und des Lebens als Student*in. Der neue Ansatz scheint damit in eine gute Richtung zu steuern. Wie ein zukunftsfähiges Medizinstudium aussehen muss, wird sich zeigen. Klar ist: Das Medizinstudium ist im Wandel.
