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Universität Basel

Wenn das Fieber auf den Appetit schlägt.

Text: Michelle Isler

Dass Mangelernährung schlechte Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf hat, ist in den Spitälern schon länger bekannt. Studien über die Rolle der Ernährungsmedizin gab es bisher jedoch erstaunlich wenig. Nun liegt eine neue Untersuchung mit 2000 Patientinnen und Patienten vor.

Tablett mit Mahlzeit in einem Spital. (Bild: Kantonsspital Aarau)
Bei bis zu einem Drittel der Patientinnen und Patienten mit chronischen Krankheiten besteht die Gefahr von Mangelernährung. (Bild: Kantonsspital Aarau)

Schwindsucht nannte man früher die Tuberkulose, und heute spricht man zum Beispiel bei der ungewollten Gewichtsabnahme bei Aids von «Wasting». Diese Bezeichnungen kommen vom Appetitsverlust, der durch solche chronischen Krankheiten ausgelöst wird. Bereits bei einer akuten Grippe kann es passieren, dass das Fieber auf den Appetit schlägt. Dies ist für Menschen mit einem gesunden Grundzustand unproblematisch. Doch für Patientinnen und Patienten mit chronischen Krankheiten wird der damit verbundene Gewichtsverlust potenziell lebensbedrohlich.

Der Körper wehrt sich

«Bei bis zu einem Drittel unserer hospitalisierten Patientinnen und Patienten mit chronischen Krankheiten besteht die Gefahr von Mangelernährung», erklärt Prof. Dr. Philipp Schuetz. Er ist SNF-Förderungsprofessor an der Universität Basel und Chefarzt der Inneren und Notfallmedizin am Kantonsspital Aarau. Er weiss auch, dass diese Mangelernährung eng mit dem Sterblichkeitsrisiko der Betroffenen zusammenhängt. «Das ist eigentlich eine uralte Erkenntnis – schon Hippokrates hat das gewusst!»

Warum der Hunger schwindet, hat eine biologische Begründung: Der Körper aktiviert zur Bekämpfung der Krankheit eine Entzündungsreaktion und baut die körpereigenen Eiweisse ab, die nicht mehr richtig funktionieren. Damit dieser Prozess der Zellentgiftung vorwärtsgeht, kämpft der Organismus zudem gegen die Nahrungsaufnahme an: Die Erkrankten verlieren den Appetit. Obwohl das Thema nicht neu ist, zählt Schuetz zu den Ersten, die sich in einer grossangelegten Studie mit der Rolle der Ernährungsmedizin auseinandersetzen.

«Wie ein Glaubenskrieg»

Ob und wie man mit dem Appetitsverlust von hospitalisierten Patientinnen und Patienten umgehen soll, sei nämlich bisher unklar gewesen, sagt der Forscher. Es gab zwar Hinweise darauf, dass gezielte Ernährungsmassnahmen eine Besserung der Situation herbeiführen könnten, aber evidenzbasierte Studien dazu fehlten. Die Diskussionen darüber hätten sogar einem «Glaubenskrieg» geglichen.

So glaubten einige, man solle die Behandlung der Grundkrankheit in den Vordergrund rücken, dann kehre auch der Hunger wieder zurück. Andere waren der Meinung, die Ernährung spiele eine sehr wichtige Rolle im Heilungsprozess und man solle sich auf diese konzentrieren. Doch vor allem in den letzten Jahren stellten Medizinerinnen und Mediziner auch fest, dass zu viele zusätzliche Kalorien zu einer erheblichen Verschlechterung führen können, insbesondere bei akut kranken Personen auf der Intensivstation. «Insgesamt eine widersprüchliche Situation», resümiert Schuetz. «Grundsätzlich ist der Kalorienbedarf während einer Krankheit ja erhöht, weil der Körper mehr Energie für deren Bekämpfung braucht. Gleichzeitig schützt er sich auch vor der Ernährung – das scheint paradox.»

Komplex und weniger rentabel

Ist die Komplexität der Zusammenhänge also der Grund, warum es bisher keine grossen Studien gab? «Ernährung ist ein kompliziertes und sehr individuelles Thema», antwortet Schuetz. Er sieht aber auch weitere Faktoren, zum Beispiel die Finanzierung. «Forschung ist immer teuer, und es ist klar, dass die pharmazeutische Industrie wenig Interesse an Studien mit Lebensmitteln hat, wo keine Patente und teuren Produkte entstehen. Ernährung wird oft als therapiebegleitend verstanden, nicht als eigenständige Therapieform.»

Die Resultate von Schuetz’ Studie könnten nun der Beginn eines Richtungswechsels sein. Es gelang ihm nämlich, mit den Daten von rund 2000 Teilnehmenden zu beweisen: Eine individuelle Ernährung von chronisch Erkrankten im Spital hat einen positiven Effekt. «Die Untersuchung wurde in der Fachwelt sehr positiv aufgenommen», sagt Schuetz. Konkret konnte sie zeigen, dass Mangelernährung ein modifizierbarer Faktor im Krankheitsverlauf ist. Das heisst: «Wir haben aus der Studie gelernt, dass wir gegen den gefährlichen Gewichtsverlust und einen Teil der damit verbundenen Komplikationen und Mortalität etwas machen können – und zwar mit gezielter Ernährung.»

Entscheidungsfaktor Entzündung

Mittlerweile ist Schuetz in seiner Forschung noch einen Schritt weitergegangen: «Jetzt haben wir uns gefragt, ob es innerhalb der Studie Subgruppen gibt, die besonders gut auf die Ernährungstherapie angesprochen haben», so der Forscher. Dabei hat er festgestellt, dass tatsächlich nicht alle Erkrankten gleichermassen von einer individuellen Ernährung profitieren. «Für jene, die sehr hohe Entzündungswerte hatten, hat diese Therapie wenig gebracht. Hingegen stellten wir signifikante positive Effekte bei denjenigen fest, die insgesamt eine weniger starke Entzündung hatten oder eine, die bereits abgeklungen war.»

Diese Ergebnisse könnten vielleicht auch erklären, warum frühere Studien zu teilweise widersprüchlichen Resultaten gelangten: Sie waren zu wenig differenziert. Schuetz zweifelt jedenfalls nicht daran, dass Entzündungen zu den entscheidenden Faktoren bei der Wirksamkeit von Ernährungstherapie gehören. Er hofft, dass seine Ergebnisse letztlich zur Erhöhung der Akzeptanz von individualisierten Behandlungen beitragen und diese dann breiter eingesetzt würden. «Klar ist das auch eine Ressourcenfrage», so der Mediziner. «Deshalb ist es umso wichtiger, zu wissen, wem die Therapie tatsächlich etwas bringt.»

Selbst etwas tun

Die untersuchte Therapieform hat einen grossen Vorteil: Sie kommt ohne Medikamente aus. Schuetz erklärt, dass seine Patientinnen und Patienten oft wissen möchten, was sie selbst angesichts ihrer Krankheit tun könnten. Selbst etwas tun – das heisst nicht unbedingt eine Pille schlucken. «Ernährung ist etwas, bei dem die Betroffenen aktiv sein können», sagt Schuetz. Und die Angehörigen könnten so ebenfalls am Heilungsprozess teilhaben.

«In Zukunft wird mit der Alterung der Gesellschaft das Problem der Mangelernährung zunehmen», erläutert Schuetz. Dafür, dass dieses Thema schon seit Tausenden Jahren bekannt ist und Nahrung etwas vergleichsweise Einfaches ist, wisse man heute tatsächlich noch wenig darüber. Er sieht deshalb in der Ernährungstherapie noch viel unausgeschöpftes Potenzial gegen Mangelerscheinungen. «Wenn wir die Rolle dieser Therapie besser verstehen, können wir sie sogar präventiv einsetzen – bevor der Gewichtsverlust überhaupt beginnt. Ganz nach dem Grundsatz: Vorbeugen ist besser als heilen.»

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