x
Loading
+ -

Universität Basel

Botanische Verstrickungen

(Bild: Melanie Boehi)
(Bild: Melanie Boehi)

Das filigrane Fadenspiel, fotografiert im Botanischen Garten von Kirstenbosch in Kapstadt (Südafrika), bewahrt Pflanzen vor gefrässigen Nilgänsen. «Wie lautet die Geschichte, welche diese Seilfigur erzählt?», fragt die Historikerin Melanie Boehi, die als Doktorandin die Verstrickungen von Botanik, Gartenbau und Politik im Südafrika des 20. Jahrhunderts erforscht. Mit ihrer Aufnahme gewann sie einen Preis im Wettbewerb für wissenschaftliche Bilder des Schweizerischen Nationalfonds.

Gärten und Gartenarbeiten gelten gemeinhin als unpolitisch. Entsprechend haben Gartenhistoriker kaum über Politik geschrieben und Sozialhistoriker Gärten nur selten beachtet. Dies gilt auch für den Botanischen Garten von Kirstenbosch, den die UNESCO 2004 als Weltnaturerbe anerkannt hat und der für seine Schönheit und seinen Beitrag an die Erhaltung der Biodiversität gepriesen wird.

«Diese Betonung des Naturerbes schränkt aber auch das Verständnis der Funktionen ein, welche Kirstenbosch in der Vergangenheit zugekommen sind und ihm heute zukommen», sagt Melanie Boehi. Sie zeigt in ihrer Dissertation, dass der Garten nicht nur für die Umwelt und die Gesellschaft von Nutzen war. Vielmehr war die Anlage in komplexe Prozesse der Ausübung und Anfechtung der Staatsgewalt eingebettet – von der Kolonialzeit bis zur Apartheid- und Post-Apartheid-Ära.

Kirstenbosch entstand 1913 als Projekt einer imperialen und kolonialen Manifestation auf einem Stück Land, von dem zuerst indigene Menschen und Nachkommen von Sklaven gewaltsam entfernt wurden – ein Prozess, bei dem sich die Institution zum Komplizen machte, sowohl indirekt durch die Produktion rassistischer Naturschutzweltanschauungen als auch direkt durch eine diskriminierende Behandlung der schwarzen Arbeiter. Während der Apartheid verwendete der Staat später Bilder von Pflanzen und Botanikern für Imagekampagnen im In- und Ausland.

«Kirstenbosch sollte man nicht nur als Natur-, sondern auch als Kulturerbe begreifen, das von sozialen Beziehungen zwischen Menschen und anderen Lebewesen – insbesondere Pflanzen – geprägt ist. Dadurch lassen sich die komplexen Geschichten des botanischen Gartens besser verstehen», sagt Boehi.

So weist auch die Seilkonstruktion über den praktischen Nutzen hinaus: Als Verknüpfung von Menschen, Wildgänsen und den von ihnen begehrten Sämlingen steht sie für eine artübergreifende Geschichte, mit der Melanie Boehi Pflanzen und Gärten in die Historiografie einschreiben möchte.


Weitere Artikel in der aktuellen Ausgabe von UNI NOVA.

nach oben