x
Loading
+ -

Universität Basel

Tier-Mensch-Embryonen: Monster oder Wunder?

Text: David Shaw

Hybrid-Embryonen werden durch die Einbringung humaner Stammzellen in tierische Embryonen erzeugt. Welche ethischen Fragen stellen sich?

David Shaw. (Illustration: Studio Nippoldt)
David Shaw. (Illustration: Studio Nippoldt)

Im September 2015 setzten in den USA die National Institutes of Health (NIH) sämtliche Finanzierungen für Forschungen mit Hybrid-Embryonen aus. Als Begründung hiess es, zunächst sollen die ethischen Fragen abgewogen werden. Nun haben die NIH eine Konsultation zu ihrem Vorhaben eingeleitet, erneut Forschung mit «Chimären-Embryonen» zu finanzieren. Hybrid-Embryonen sind tierische Embryonen im Frühstadium bis zu einem Alter von zwei Wochen. Dabei kann es sich um verschiedene Tierarten handeln, in der Regel wird jedoch an Mäusen, Schafen und Schweinen geforscht, selten an Menschenaffen. Die humanen Stammzellen stammen entweder aus überzähligen Embryonen, die zu reproduktiven Zwecken entnommen wurden (embryonale Stammzellen), oder direkt vom Menschen (induzierte pluripotente Stammzellen). Die humanen Zellen können darauf in den tierischen Embryo eingebracht werden, was sich auf dessen weitere Entwicklung auswirkt.

Warum ist diese Forschung nötig? Die NIH streben zwei Arten davon an: das Einfügen von menschlichen Zellen in tierische Embryonen, um das Wachstum bestimmter Organe zu beeinflussen, und das Einbringen von humanen Stammzellen in die Gehirne von bereits weiter entwickelten Tierföten. Letzteres könnte für die Erforschung von neurodegenerativen Erkrankungen von Nutzen sein. Forschung mit Hybrid-Embryonen ist wichtig, da sich damit untersuchen lässt, wie sich aus Stammzellen unterschiedliche Zelltypen entwickeln, um zu verstehen, wie sich unser Körper entwickelt und auf Krankheiten reagiert. Eine solche Forschung kann Behandlungsmöglichkeiten für viele Krankheiten eröffnen wie Krebs und Alzheimer. Der Vorschlag der NIH lautet, beide Arten von Forschung vorbehältlich einer separaten ethischen Prüfung durch ein Expertengremium zu erlauben.

Das erste ethische Problem betrifft die humanen Stammzellen. Einige lehnen die Nutzung von Zellen aus menschlichen Embryonen in der Forschung ab, da jeder Embryo menschliches Leben sei und Achtung verdiene. Nur wenige Länder erlauben die Züchtung von Embryonen für diesen Zweck. So gestattet Grossbritannien auch die Einbringung von Kaninchen-Mitochondrien in menschliche Eizellen, um die Befruchtung zu erleichtern. Die meisten embryonalen Stammzellen in der Forschung stammen jedoch von bestehenden Zelllinien, und es müssen keine Embryonen zerstört werden, um diese Zellen zu produzieren. Für viele Nichtreligiöse ist der Einsatz von menschlichen Embryonen in der Forschung wegen des potenziellen Nutzens für Menschen mit Krankheiten gerechtfertigt. So oder so werden die meisten Hybrid-Embryonen mit induzierten pluripotenten Stammzellen hergestellt, nicht mit solchen aus Embryonen.

Einige lehnen auch den Einsatz von Tieren und tierischen Embryonen in der Forschung ab. Menschen hätten kein Recht, Tiere so zu instrumentalisieren, wenn ihnen dadurch Schmerz und Leid zugefügt wird. Jedoch sind die meisten der Meinung, dass der Einsatz von Tieren in der Forschung gerechtfertigt ist, wenn sich daraus ein Nutzen für den Menschen ergibt. Ein weiteres ethisches Problem ist die Möglichkeit der Erzeugung von Tieren mit menschlichen Merkmalen, etwa eines Schweins mit menschlichem Gesicht, oder von Tieren, die so intelligent wie der Mensch sind. Doch solche Forschung wird oft missverstanden: Es sollen keine lebenden Tiere geschaffen und ausgetragen werden, sondern es geht um die Forschung an Embryonen und manchmal an Föten. Menschlich aussehende Tiere zu erzeugen, wird nicht angestrebt.

Die einzige nennenswerte Ausnahme ist die Nutzung von Hybrid-Embryonen zur Erzeugung von Tieren, deren Organe für Transplantationen genutzt werden können. Wissenschaftlern in Japan und in den USA ist mithilfe der Stammzellen die Züchtung von Rattenorganen in Mäuse-Embryonen gelungen. Kürzlich wurden menschliche Organe in Schweinen gezüchtet. Der nächste Schritt wird die Transplantation eines Organs in einen Menschen sein, wonach klinische Studien folgen. Der Vorteil dabei ist, dass das Organ mithilfe der Stammzellen des Patienten gezüchtet werden kann, sodass es bei der Transplantation kompatibel ist und der Patient keine immunsuppressiven Medikamente einnehmen muss. Wegen des Mangels an Transplantationsorganen ist jede neue Organquelle wichtig. Das schweizerische Gesetz über embryonale Stammzellen berücksichtigt induzierte pluripotente Stammzellen von Menschen nicht. Daher wäre die Züchtung von menschlichen Organen zur Transplantation in Schweinen legal, auch wenn hier derzeit niemand darüber forscht.

Die Züchtung von menschlichen Organen in Schweinen mithilfe von Stammzellen führt zum letzten wichtigen ethischen Problem: dem sogenannten Dammbruchargument. Dieses kommt vielerorts zur Anwendung, etwa bei der Suizidbeihilfe und der Privatisierung des Gesundheitswesens. In der Biotechnologie wird es verwendet, wenn ein bestimmter Fortschritt nur als der erste Schritt zu einer «Frankenstein»-Wissenschaft oder des «Gott Spielens» bezeichnet wird. Wenn wir die Erzeugung von Chimären-Embryonen zulassen, würde bald jedem die Züchtung von Designerbabys und das Betreiben der Eugenik erlaubt. Obwohl die Schweiz in der Sterbehilfe sehr progressiv ist, scheint die Bevölkerung bei biotechnologischen Fortschritten eine konservative Haltung zu vertreten. Wir haben im Institut Patienten zu ihrer Wahrnehmung der synthetischen Biologie befragt, und viele waren sehr skeptisch gegenüber genetischen Manipulationen, bis ihnen ihr potenzieller Nutzen erklärt wurde. Nachdem sie verstanden hatten, dass viele Ängste unbegründet sind und solche Behandlungen nutzbringend sein könnten, wurde ihre Einschätzung positiver. Die Entwicklung von Therapien zur Behandlung kranker Patienten ist ein grundlegend ethisches Bestreben.

Die Befürchtungen über Chimären-Embryonen sind tendenziell übertrieben. Wissenschaftler, die mit ihnen arbeiten, möchten nicht Gott spielen, sondern Menschen helfen. Jede neue Technologie und Innovation birgt ethische Fragen. Es gilt, sich mit jedem Fall auseinanderzusetzen, wenn er eintritt, anstatt eine potenziell hilfreiche Entwicklung zu verhindern, die irgendwann möglicherweise zu einer problematischen Entwicklung führt. Anzunehmen ist, dass Wissenschaftler in den USA bald wieder Mittel für diese wichtige Forschung beantragen können. Es bleibt zu hoffen, dass europäische Länder folgen.


Weitere Artikel in der aktuellen Ausgabe von UNI NOVA.

nach oben