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Universität Basel

CRISPR/Cas9: Chance oder Risiko, Priya Satalkar? Text: Priya Satalkar

Die vor wenigen Jahren entdeckte Methode CRISPR/Cas9 verspricht neue Möglichkeiten, das Erbgut von Lebewesen zu verändern. Die einen setzen auf ihre Chancen, andere sehen vor allem die Risiken dieser effizienten Technologie.

Priya Satalkar. (Illustration: Studio Nippoldt)
Priya Satalkar ist Postdoktorandin am Institut für Bio- und Medizinethik der Universität Basel. Die in Indien geborene Wissenschaftlerin befasst sich mit neuen medizinischen Technologien und ihrem soziokulturellen Kontext in der Gesellschaft.

Technik prägt unser Leben entscheidend, und jede neue Technologie provoziert hitzige Debatten. Befürworter und Gegner nehmen dabei extreme Positionen ein und vertreten oft unverrückbare Meinungen, die einen offenen und inkludierenden Dialog verhindern. Dies gilt umso mehr, wenn sich eine Technologie direkt auf unser Leben auswirkt. Diese Debatten mögen durchaus spannend sein, sie können meiner Meinung nach aber auch in die Irre führen. Sie berauben uns der Möglichkeit, unsere Ziele zu reflektieren und infrage zu stellen, und lassen Interessengruppen, darunter auch die breite Öffentlichkeit, aussen vor. Zudem werden dabei wertvolle Energien verschwendet.

Ich möchte meinen Standpunkt anhand der Anwendung CRISPR/Cas9 erläutern, einer Technologie, die für das Verändern der menschlichen Keimbahn verwendet wird, das sogenannte «Genome Editing». Dabei geht es mir nicht darum, zu erörtern, ob diese Methode ihr Potenzial erfüllen kann, vielmehr möchte ich folgende zwei zentrale Punkte ansprechen: Wozu wollen wir diese Technologie verwenden? Und wenn das geklärt ist: Wie wollen wir ihren Einsatz regulieren?

Wegen seiner potenziellen Auswirkungen auf das menschliche Leben weckt «Genome Editing» grosse Hoffnungen und Erwartungen. Die Methode provoziert aber auch Diskussionen über unsere moralische Verantwortung, das genetische menschliche Erbe zu schützen. Und sie schürt Ängste und Unbehagen angesichts eines möglichen Missbrauchs für eine genetische oder rassische Selektion.

Es gibt im Prinzip zwar viele Technologien für «Genome Editing», aber CRISPR/Cas9 stellt eine spezifischere, schnellere, wirkungsvollere und erschwinglichere Methode dar. Für eine Anwendung am Menschen ist diese Technologie noch nicht hinreichend entwickelt, doch mit kontinuierlicher Forschung wird dies irgendwann möglich sein. Dann werden sich problematische Basenpaare, die Genmutationen und Krankheiten verursachen, akkurat und präzise reparieren lassen.

Um eine bewusste und wohlinformierte Entscheidung zu treffen, ob die Forschung mit nicht menschlichen Genen weitergeführt werden soll, müssen wir klären, was genau wir mithilfe dieser Technologie in den kommenden Jahrzehnten erreichen wollen.

Die Aufgabe besteht nicht nur darin, ein Ziel zu formulieren, sondern auch, zu fragen, weshalb wir es uns gesetzt haben. Wer profitiert davon und wer wird dabei ausgeschlossen? Weshalb haben wir uns gerade dieses Ziel gesetzt und kein anderes? Spricht es die Gesundheitsbedürfnisse einer grossen Mehrheit unserer Gesellschaft an oder nur jene der Mächtigen und Reichen? Welche Akteure sollen das Ziel definieren? Ist der Prozess demokratisch und berücksichtigt er alle Ansichten, auch zurückhaltende und kritische? Kurz: In der Debatte sollte es nicht darum gehen, was eine Technologie kann, sondern darum, wozu und weshalb wir sie einsetzen wollen.

Das bringt mich zu meinem nächsten Punkt: der Regulierung von CRISPR/Cas9. Eine Technologie ohne Regelungen ist wie eine ungelenkte Rakete. Ich bin überzeugt, dass Regulierungen für Technologien dynamisch und proaktiv sein sollten. Sie sollten sich im Gleichschritt mit der Technologie entwickeln, auf Vorsicht aufbauen und sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen.

Regulierungen müssen flexibel sein, um sich neuen Voraussetzungen anpassen zu können, und sie sollten während der gesamten Ausarbeitung und Umsetzung alle Akteure ins Boot holen. All jene, die die Technologie einst anwenden werden oder von ihr betroffen sein könnten, sollten mit einbezogen werden.

All diese Gruppierungen unter einen Hut zu bringen und ihnen Raum für offene Diskussionen zu bieten, ist eine grosse Herausforderung. Es gilt die Transparenz in diesem Austausch sicherzustellen sowie alle Ängste und Vorbehalte anzusprechen und dabei gleichzeitig die unterschiedlichen Ansprüche und Interessen zu berücksichtigen.

Um das Potenzial von CRISPR/Cas9 für die Gesundheit der Menschheit wirklich ausschöpfen zu können, müssen wir uns dieser Herausforderung aber stellen. Dabei ist es wichtig, die Bevölkerung einzubeziehen und ihr die Technologie verständlich näherzubringen. Bedenken müssen ernst genommen und ein offener Dialog ermöglicht werden. Ohne den umfassenden Einbezug der Öffentlichkeit sehe ich keine Möglichkeit, wie wir generell wirkungsvolle Regulierungen für Technologien entwickeln können – insbesondere im Fall von CRISPR/Cas9.


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