Investieren beginnt im Kopf.
Text: Noëmi Kern
Viele scheuen sich davor, ihr Geld in Finanzanlagen zu stecken. Weshalb auch Nicht-Anlegen ein Risiko ist, was es beim Investieren zu beachten gilt und welche Rolle die Zeit spielt, erklärt die Wirtschaftswissenschaftlerin Jacqueline Henn, Spezialistin für Finanzmarkttheorie. Ihr Anliegen ist es, Menschen mehr Kompetenz in Finanzfragen zu vermitteln.
Warum sollte man Geld investieren?
Auf dem Konto vermehrt es sich nicht, da die Zinserträge quasi bei null sind. Durch die Inflation drohen sogar Verluste, weil die Kaufkraft sinkt.
Wann ist der beste Moment, damit anzufangen?
Entscheidend ist Kontinuität, nicht ein bestimmter Zeitpunkt. Regelmässige Einzahlungen gleichen Kursschwankungen über die Zeit aus.
Was ist das grösste Risiko beim Investieren?
Insbesondere Aktien unterliegen starken Schwankungen. Wenn die Märkte sinken, braucht es Durchhaltevermögen. Historisch betrachtet bringen solch riskantere Anlageklassen langfristig eine höhere Rendite, also mehr Geld.
Wie lässt sich das Verlustrisiko minimieren?
Mit Diversifikation, also einer breiten Streuung der Anlagen, und einem langen Zeithorizont. Bei einer Laufzeit von mindestens zehn Jahren ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man mit Aktienanlagen keine Verluste macht. Die letzte Zehnjahresperiode mit einer negativen Rendite in der Schweiz endete 1940. Zusätzlich kann man vom Zinseszinseffekt profitieren.
Was bewirkt dieser?
Der Zinseszinseffekt beschreibt das exponentielle Wachstum von angelegtem Kapital, bei dem Erträge reinvestiert werden und dann selbst Rendite generieren. Die 72er-Regel macht ihn fassbar: 72 geteilt durch den Zinssatz ergibt die Jahre, bis sich das Geld verdoppelt. In den letzten 100 Jahren lag die durchschnittliche Rendite am Schweizer Aktienmarkt bei knapp 8 Prozent. Damit braucht es neun Jahre, bis aus 1000 Franken 2000 werden. Nach nochmal neun Jahren sind es 4000, dann 8000 und so weiter. Umgekehrt gilt: Bei 2 Prozent Inflation haben 1000 Franken in 36 Jahren nur noch die Kaufkraft von 500 Franken in heutigem Geld. Ist die Rendite höher als die Inflation, entsteht real ein Gewinn.
Welche Anlage ist die richtige?
Das hängt von den persönlichen Plänen und Präferenzen ab. Bei einem langen Zeithorizont war eine Anlage in Aktien in der Vergangenheit besser als eine Anlage in Obligationen oder gar auf dem Sparkonto. Wer das Geld bereits in einem Jahr braucht, sollte es auf dem Sparkonto lassen oder in Festgeld oder Obligationen – also Kredite an Staaten und Unternehmen – anlegen, die in einem Jahr fällig sind. Auch wer risikoavers ist, wird nicht alles in Aktien investieren, sondern eine Kombination aus Aktien und Obligationen wählen.
Welche Aktien soll ich wählen?
Für den «normalen» Investor sind Indexfonds, zum Beispiel Exchange Traded Funds (ETFs), eine gute Lösung. Sie spiegeln die Entwicklung ganzer Märkte oder Sektoren wider, sind also schon per se breit gestreut; dadurch sind die Schwankungen tiefer als bei Einzelaktien und die Gebühren sind niedrig. Man spricht deshalb auch von passiven Anlagen. Empirische Untersuchungen zeigen, dass Indexfonds langfristig eher besser abschneiden als aktiv gemanagte Fonds, die zudem oft hohe Kosten haben.
Welche Fehler gilt es zu vermeiden?
Man sollte nicht gleich verkaufen, wenn der Kurs sinkt. Wichtig ist auch, die Gebühren zu beachten, da sie die Rendite schmälern. Entscheidend ist die Total Expense Ratio (TER), die bei jedem Fonds angibt, wie viel Prozent des investierten Geldes jährlich als Gebühr abgezogen werden. Ein Verlustrisiko besteht zudem, wenn man die eigenen Fähigkeiten überschätzt und meint, besser als der Markt zu sein, und versucht, durch Investitionen in Einzelaktien hohe Gewinne zu generieren.
Wie entscheiden Leute in finanziellen Fragen?
Daniel Grosshans zeigt auf, woher die inneren Hürden beim Investieren kommen und was helfen könnte. Er erforscht an der Fakultät für Psychologie, wie ökonomische Entscheidungen zustande kommen, und interessiert sich im Speziellen dafür, wie sich Menschen bei der Vermögensanlage verhalten.
Was hindert die Leute daran, ihr Geld zu investieren?
Menschen gewichten die unmittelbare Gegenwart stärker als die ungewisse Zukunft. Die meisten Leute wissen zwar, dass es vernünftig wäre, zu investieren. Damit beginnen möchten sie aber lieber morgen als heute, weil sie es sich noch genauer anschauen wollen.
Wie viel Vorwissen braucht es zum Start?
Wer alles bis ins Detail verstehen will, steht sich selbst im Weg. Solch vertieftes Wissen ist gar nicht nötig: Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es pragmatische Lösungen wie Indexfonds, die die Marktbewegung eines breiten Spektrums an Aktien abbilden. Sie sind so breit aufgestellt, dass es nicht so wichtig ist, ob das jetzt die perfekte Mischung ist. Zudem lässt sich die Zusammenstellung des Portfolios später ändern.
Warum ist die Angst vor Verlust so gross?
Menschen neigen dazu, kleine Wahrscheinlichkeiten zu stark zu gewichten, insbesondere solche mit negativen Auswirkungen. Das führt zu einer psychologischen Verzerrung. Natürlich besteht immer die Möglichkeit, dass der Markt stark einbricht. Im Laufe der Geschichte des Aktienhandels sind Börsencrashs aber sehr selten und der Markt erholt sich mittel- bis langfristig.
Wie lassen sich diese inneren Widerstände überwinden?
Aus verhaltensökonomischer Sicht kann man Risiken auf vernünftige oder unvernünftige Weise eingehen. Es ist okay, wenn man Respekt hat und erst mal vorsichtig einsteigt. Investieren ist keine «Ganz oder gar nicht»-Entscheidung; es gibt verschiedene Optionen mit unterschiedlich hohen Risiken, sodass jede und jeder etwas Passendes wählen kann. Die erste Überlegung ist, welche Reserve man auf dem Konto haben sollte – für geplante und unvorhergesehene Ausgaben. Das gibt Sicherheit. Wie viel das sein soll, hängt mit der Lebenssituation und dem Lebensstil zusammen. Alles über dieses Polster hinaus kann man prinzipiell investieren, je nach Vorliebe über die Bank oder via App über einen Online-Broker.
Was ist dann der erste Schritt?
Man probiert mal mit 100 Franken aus: Wie funktioniert das Kaufen einer Aktie oder eines ETFs? Am nächsten Tag verkauft man alles wieder, egal ob mit Gewinn oder Verlust. So kann man sich mit den Mechanismen vertraut machen. Das Ganze ist vermutlich einfacher, als man dachte. Grundsätzlich legt man aber am besten mit einem möglichst langen Horizont an.
Weitere Artikel in dieser Ausgabe von UNI NOVA (Mai 2026).
