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Geld. (01/2026)

Digitales Gold.

Text: Fabian Schär

Warum hat der rein digitale Bitcoin überhaupt einen Wert? Und worin liegen die Chancen und Risiken? Kryptoexperte Fabian Schär ordnet ein.

Der Goldesel, aus dem vorne und hinten Goldmünzen fallen
Illustration: Patrizia Stalder

Warum glauben Menschen an Bitcoin – obwohl er keinen materiellen Wert hat?

Dass ein Gut ohne materiellen Wert dennoch einen Gegenwert hat, ist nicht ungewöhnlich. Das gilt auch für staatliche Währungen. Ein Schweizer Franken lässt sich nicht konsumieren und ist kein Anspruch auf ein anderes Gut. Sein Wert beruht auf der Erwartung, dass andere ihn ebenfalls akzeptieren. Ökonomisch spricht man von einer sogenannten Liquiditätsprämie: Menschen halten das Gut, weil sie damit Kaufkraft übertragen und Konsum in die Zukunft verschieben können. Bei Bitcoin funktioniert der Mechanismus ähnlich, nur ohne Zentralbank. Entscheidend sind Knappheit, verlässliche Regeln und Netzwerkeffekte, also die Grösse der Gemeinschaft, die Bitcoin nutzt und aktiv nachfragt.

Welche Vorteile hat Bitcoin gegenüber dem heutigen Geldsystem?

Ein zentraler Unterschied liegt in der Quelle des Vertrauens. Im heutigen Geldsystem vertrauen wir darauf, dass Zentralbanken ihr Mandat verantwortungsvoll ausüben und die Geldmenge nicht missbräuchlich ausweiten. Bei Bitcoin wird ein Teil dieses Vertrauens durch Regeln und Überprüfbarkeit ersetzt. Nutzerinnen und Nutzer können Guthaben ohne Bank selbst verwahren und Transaktionen nachvollziehen. Zudem ist die Bitcoin-Menge im Protokoll auf ein Maximum von 21 Millionen Einheiten begrenzt. Eine einseitige Manipulation ist schwerer und sofort erkennbar.

Warum wird Bitcoin oft mit Gold verglichen und wo hinkt dieser Vergleich?

Der Goldvergleich kommt daher, dass Bitcoin heute weniger als Alltagszahlungsmittel, sondern eher als Wertaufbewahrungsmittel diskutiert wird. Gründe dafür sind technische Grenzen bei der verarbeitbaren Transaktionszahl und vor allem hohe Kursschwankungen, die Alltagszahlungen erschweren. Als «digitales Gold» soll Bitcoin eine knappe, global handelbare Alternative sein, die auch ausserhalb des Bankensystems existieren kann und nicht durch einen einzelnen Staat kontrolliert wird. Der Vergleich hat aber Grenzen: Gold hat eine jahrtausendelange monetäre Geschichte und eine gewisse industrielle Nachfrage. Bitcoin existiert erst seit 17 Jahren. Zudem werden beide oft über Banken, Tauschbörsen, Fonds oder Derivate gehalten, was die Idee direkter, unabhängiger Verwahrung relativiert.

Wer profitiert von Bitcoin und wer eher nicht?

Von einer offenen, global zugänglichen Finanzinfrastruktur könnten viele profitieren. Das gilt etwa dort, wo Zahlungssysteme teuer, langsam oder politisch eingeschränkt sind oder monopolartige Strukturen systemische Risiken und Kosten erzeugen. Auch als Alternativanlage kann Bitcoin für manche Anlegerinnen und Anleger eine Rolle spielen, etwa zur Diversifikation oder als potenzielle Absicherung gegen systemische Risiken. Gleichzeitig hat Bitcoin klare Schattenseiten: Hinweise auf Marktmanipulation, stark gehebelte Geschäftsmodelle einzelner Firmen sowie viele Betrugsmaschen sind Beispiele. Auch wenn viele dieser Risiken nicht exklusiv bei Bitcoin auftreten, können die Konsequenzen hier anders sein. Wer in Bitcoin investieren will, sollte sich zunächst intensiv mit Thema und Technologie auseinandersetzen.

Was überrascht Sie persönlich am meisten an der Entwicklung von Bitcoin?

Mich überrascht, dass ein Vermögenswert, der als Alternative zum traditionellen Finanzsystem gedacht war, heute oft über zentrale Anbieter verwahrt und in traditionellen Finanzinstrumenten abgebildet wird. Ich würde mir wünschen, dass die Technologie der öffentlichen Blockchain wieder in den Vordergrund rückt und bei Bitcoin vermehrt über die technischen Besonderheiten und nicht bloss über den Preis diskutiert wird.

Fabian Schär ist Professor für Distributed Ledger Technology (Blockchain) und Fintech an der Universität Basel und forscht zu öffentlichen Blockchains, dezentralen Finanzinfrastrukturen und Finanzmarktregulierung.


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