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Geld. (01/2026)

Eine Zukunft ohne Bargeld.

Text: Michelle Isler

Wie funktioniert eine Gesellschaft ohne Münzen und Banknoten? Und welche Rolle spielt dabei der Staat? Ein Gedankenexperiment.

Rumpelstilzchen, das aus Stroh Gold spinnt
Illustration: Patrizia Stalder

Wir verschenken Bargeld als zusammengerollte Noten, geben Kindern Münzen als Taschengeld und bringen die Einnahmen unseres Geschäfts am Ende des Arbeitstages in die nächste Bankfiliale. Ohne Bargeld wäre all dies anders. Im Gedankenexperiment einer bargeldlosen Gesellschaft werfen wir kein Kleingeld mehr in Brunnen, überweisen Taschengeld auf die Smartwatch des Kindes und sehen Bankomaten nur noch in Museen.

Aleksander Berentsen beeindrucken solche Szenarien nicht. «Das sind Nebensächlichkeiten», sagt er. Der Ökonom forscht zu Blockchain, Kryptoassets und Geldpolitik. Statt solcher Alltagsfragen interessiert ihn, welche politischen Rahmenbedingungen in einer bargeldlosen Zukunft gelten würden. «Bei verlässlichen Institutionen ist Bargeld sekundär. Bei autoritären und korrupten Regierungen wird es existenziell», sagt Berentsen mit Blick auf das heutige Bankensystem. «Ohne Bargeld unterliegt Vermögen staatlicher Kontrolle. Was auf einem Bankkonto liegt, kann jederzeit weggenommen werden.»

Zentral sei deshalb die Unabhängigkeit, die Bargeld ermöglicht: «Bargeld ist Absicherung gegen staatlichen Machtmissbrauch». Wie es um die Unabhängigkeit der Gesellschaft ohne Noten und Münzen stünde, hängt zunächst von der Ausgestaltung des digitalen Zentralbankengelds ab.

Central Bank Digital Currency (kurz: CBDC) wird aktuell in vielen Ländern entwickelt. Dabei sind diverse Fragen offen. Kritische Stimmen befürchten gläserne Bürgerinnen und Bürger, wenn Zahlungen eine rückverfolgbare Datenspur hinterlassen. Es gibt aber Ansätze, CBDC-Zahlungsvorgänge mindestens teilweise zu anonymisieren. «Je nach Ausgestaltung des digitalen Zentralbankengelds hat der Staat das ganze Geldmonopol und ein perfektes Überwachungsinstrument. Das Risiko ist gross, dass CBDC zum totalen Kontrollinstrument mutiert», befürchtet Berentsen.

Dem entgegenwirken würde, wenn Menschen neben CBDC weitere Optionen hätten. Vorteilhaft wäre laut Berentsen Währungswettbewerb, als Schutz gegen autoritäre Staaten und schlechte Währungspolitik. «Südamerika zeigt: Bürger weichen bei Vertrauensverlust auf Fremdwährungen aus.» Konkret würde das heissen, dass man in der Schweiz auch mit Dollar, Peso oder Euro zahlen könnte. Aber auch mit einer solchen Diversifikation erreichen digitale Währungen nicht die staatliche Unabhängigkeit von Bargeld. Berentsen erinnert an die Krise Anfang der 2000er-Jahre, als Argentinien «Dollarguthaben zwangsweise in Peso konvertiert hat».

Der Ökonom bringt deshalb eine dritte Komponente ins Gedankenexperiment: Kryptoassets. «Mit dezentralen Kryptowährungen hätten wir eine ähnliche Unabhängigkeit wie beim Bargeld», so Berentsen. «Wir diversifizieren Vermögen – warum nicht auch Zahlungsmittel? Zahlungsmitteldiversifikation ist die logische Fortsetzung der Vermögensdiversifikation.»

Eine digitale Brieftasche für den Alltag

Berentsen stellt sich ein digitales Wallet mit verschiedenen Währungen und Kryptoassets vor. Das Abendessen könnte man in Dollar zahlen, das Brot mit der digitalen Zentralbankenwährung, die neue Jacke in Bitcoin. Auch hier sieht Berentsen einen Vorteil in Diversifikation: «Bitcoin und Ethereum sind dezentral, aber volatil. Sogenannte Stablecoins wie USDT oder USDC sind stabil, aber auch näher an staatlicher Kontrolle.»

«Das Wallet würde zum persönlichen Währungskorb», sagt der Ökonom. In der Hosentasche oder auf dem Smartphone hätten wir diverse Zahlungsmittel, je nach Vertrauen in den Staat und weltpolitischer Lage.


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