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Geld. (01/2026)

Die Gesetze der Armut.

Interview: Urs Hafner

Wer mit weniger als drei Dollar pro Tag auskommen muss, wird zum Manager des eigenen Überlebens. Gleichzeitig wird Armut kriminalisiert, sagt die Rechtswissenschaftlerin Krista Nadakavukaren Schefer.

Sterntaler: Mädchen sammelt in ihrem Kleid herabfallende Sterne, die zu Goldmünzen werden
Illustration: Patrizia Stalder

UNI NOVA: Die Vereinten Nationen haben 2015 ihre Ziele für nachhaltige Entwicklung lanciert, die bis 2030 erreicht werden sollen. Das erste Ziel lautet, die Armut überall zu beenden. Ist man auf gutem Weg?

Krista Nadakavukaren Schefer: Bis 2020 hat Armut global abgenommen, dann kam jedoch die Covid-Pandemie, und davon haben sich die armen Länder nicht mehr erholt. Nationen wie die Schweiz, welche die Pandemie erstaunlich schadlos überstanden haben, sind die Ausnahme. Das von den Vereinten Nationen aufgestellte Ziel, Armut bis 2030 zu beenden, wird nicht erreicht werden.

Die USA haben ihre Entwicklungshilfe unter Präsident Trump massiv gekürzt. Wie wirkt sich das aus?

Nicht nur die USA, sondern fast alle Länder des Westens haben ihre Entwicklungshilfe zurückgefahren, auch die Schweiz, Schweden, Frankreich und Deutschland. Ja, das ist neben der Pandemie ein weiterer Grund für den Anstieg der Armut. Auch wichtig ist die Geografie.

Die Geografie?

Die ärmsten Länder der Welt liegen in Afrika südlich der Sahara. Sie befinden sich oft in unmittelbarer Nachbarschaft. Das bedeutet, dass ihre potenziellen Handelspartner auch arm sind und sie kaum über einen gut ausgebauten Zugang zum Meer verfügen. Das Meer ist global noch immer die wichtigste Wirtschaftsader. So bleiben die armen Länder arm.

Armut ist vor allem ein ökonomisches Problem: Menschen haben nicht genug Geld. Sie sind Juristin. Wie definieren Sie Armut?

Es gibt tatsächlich keine rechtliche Definition von Armut. Man unterscheidet zwischen absoluter und relativer Armut. In absoluter Armut zu leben heisst, mit weniger als drei Dollar täglich auskommen zu müssen. Davon sind knapp 840 Millionen Menschen vor allem in Afrika betroffen. Von relativer Armut spricht man, wenn jemand mit fünfzig oder sechzig Prozent weniger Einkommen auskommen muss als der Durchschnitt der Gesellschaft. Relative Armut existiert überall, auch in der Schweiz. Dazu kommt die sogenannte multivariable Armut. Sie wird nicht nur ökonomisch bestimmt, sondern auch aufgrund von Faktoren wie dem Ausschluss vom öffentlichen Leben, dem Fehlen von Ausbildung und der Möglichkeit, sich Freizeitangebote leisten zu können.

Was halten Sie von diesen breiten Definitionen von Armut?

Ich finde den Ansatz interessant und sinnvoll, da die Situation für alle Armutsbetroffenen sowohl gesellschaftliche als auch psychologische Nachteile hat. Scham, Angst und Stress gehören fast immer dazu. Juristisch ist es allerdings schwierig, mit so vielen Faktoren zu arbeiten. Was Armut ist und wer die Armen sind, bleibt vage.

Wie überleben Menschen mit täglich drei Dollar oder noch weniger?

Wie wir, nur mit bedeutend mehr Stress. Studien zeigen, dass diese Menschen im wahrsten Sinn des Wortes Manager sind, weil sie rund um die Uhr ihr Leben und Überleben organisieren müssen. Die drei Dollar sind nur ein Durchschnitt: An manchen Tagen haben die Leute mehr zur Verfügung, an manchen aber weniger oder gar nichts. Wenn sie eine grössere Summe ergattern, müssen sie sich genau überlegen, was sie mit dem Geld machen, ob sie es sparen oder investieren sollen. Sie wissen nicht, ob und wann sie wieder zu mehr Geld kommen, müssen sich entscheiden, ob sie das Geld für einen Reisvorrat, ein Mobiltelefon, das der Vernetzung dient, oder die Rückzahlung von Schulden ausgeben oder ob sie den Nachbarn etwas leihen sollen, weil sie wissen, dass sie irgendwann wieder deren Hilfe brauchen.

In der Schweiz leben kaum absolut arme Menschen. Aber manche Gemeinden stellen zum Beispiel Sitzbänke auf, die zu kurz sind, als dass man darauf schlafen könnte. Dienen sie der Vertreibung von Armen?

Natürlich, diese Bänke gehen in die gleiche Richtung wie Bettelverbote. Das Leben für arme Menschen wird hier wie anderswo schwieriger. In vielen Ländern wird Armut kriminalisiert: Wer bettelt, in der Öffentlichkeit seine Notdurft verrichtet oder sich nackt zeigt, weil er sich umzieht und wäscht, wird bestraft.

Wieso kriminalisieren Regierungen arme Menschen?

Dahinter steckt eine politische Haltung: Armut soll nicht stören. So wird das Problem nicht gelöst, sondern versteckt oder verteufelt. Da Armut häufig unter bestimmten ethnischen Gruppen überrepräsentiert ist, kann die Kriminalisierung auch diskriminierende Auswirkungen haben.

Bis 2030 wird die Armut nicht verschwinden. Wird es je gelingen, sie zu beenden?

Ich bin nicht optimistisch, dass ich das noch erleben werde. Im Moment sollte die Politik das Thema der ökonomischen Ungleichheit im Fokus haben. Es gibt immer mehr Superreiche, aber auch mehr, die in relativer Armut leben. Die Frage ist, wie eine Gesellschaft auf wachsende wirtschaftliche und soziale Ungleichheit reagiert und wie lange sich die Nicht-Reichen und Armen das gefallen lassen. Diese Frage kann das Recht nicht beantworten.


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