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«Die Geisteswissenschaften stehen für das freie Denken schlechthin»

Porträt von Laurent Goetschel
Prof. Dr. Laurent Goetschel ist seit 2025 Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel. (Foto: Stefan Holenstein)

Stimmen aus Politik und Gesellschaft hinterfragen immer wieder den Wert der Geisteswissenschaften. Warum es diese gerade in einer technologisierten und turbulenten Welt braucht, erklärt Laurent Goetschel, Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät.

23. Juni 2026 | Eva Rösch

Porträt von Laurent Goetschel
Prof. Dr. Laurent Goetschel ist seit 2025 Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel. (Foto: Stefan Holenstein)

Herr Goetschel, Sie legen grossen Wert darauf, dass Forschung nützlich ist. Was verstehen Sie darunter?

Meine eigenen Forschungsfragen haben einen Bezug zur Praxis der Aussen- und Friedenspolitik. Daher sind ihre Ergebnisse für politische und nichtstaatliche Akteure interessant. Ob diese sie auch tatsächlich akzeptieren und umsetzen, ist eine andere Frage. Andere Disziplinen meiner Fakultät mögen auf den ersten Blick etwas entrückter von dringenden Alltagsproblemen erscheinen. Sie produzieren aber mindestens so wichtige Erkenntnisse, die dem Selbstverständnis unserer Gesellschaft und der Orientierung der Menschen dienen. Das ist gerade in der aktuellen turbulenten Zeit von grosser Bedeutung.

Was leisten die Geisteswissenschaften angesichts heutiger Entwicklungen?

Sie hinterfragen die Strukturen und Gefahren von Tendenzen wie etwa der wachsenden Macht von Tech-Konzernen. Aber nicht nur das: Sie helfen auch zu verstehen, was den Menschen als denkendes und selbstverantwortliches Individuum auszeichnet. Wo auch immer autoritäre Kräfte die Macht ergreifen, schaffen sie als Erstes die Geisteswissenschaften ab, denn diese stehen für das freie Denken schlechthin. Auch vor den neusten technologischen Entwicklungen gab es immer wieder Bestrebungen, die Menschen mittels Dogmen und unterschwelligen Machtansprüchen gefügig zu machen. Ein Blick in die Vergangenheit zum Verständnis der Gegenwart kann also nicht schaden.

Welche Rolle spielen die Geisteswissenschaften in einer Welt, in der Maschinen uns das Denken abnehmen wollen?

Maschinen nehmen uns die Arbeit ab, nicht das Denken. Sie verarbeiten sehr effizient, was es im digitalen Raum zu finden gibt. Die Kompetenzen sind breit: Sie helfen dabei zu verstehen, wie diese neuen technischen Möglichkeiten für die verschiedenen Disziplinen genutzt werden können, oder begleiten solche Entwicklungen kritisch, bewerten und hinterfragen sie. Die ersten Large Language Models (LLM) wurden übrigens von Linguistinnen und Linguisten entwickelt. 

Genauso wenig wie das Aufkommen des Fernsehens menschliche Begegnungen ersetzt hat, wird die künstliche Intelligenz menschliches Denken ersetzen.

Was lernen Studierende an der Universität Basel, das auch in zehn Jahren keine künstliche Intelligenz der Welt nachahmen kann?

Unsere Studierenden sind Menschen. Sie verfügen über emotionale und selbstreflektierende Fähigkeiten, die keine künstliche Intelligenz nachahmen kann. Wir bilden Studierende gezielt darin aus, diese Fähigkeiten zu nutzen – nicht nur, aber gerade auch im Austausch mit der künstlichen Intelligenz. Sie sollen in Zukunft nicht nur das wiederholen, was bereits am häufigsten gesagt und damit von der künstlichen Intelligenz reproduziert wird, sondern auch einen eigenständigen Beitrag zu gesellschaftlichen Debatten und aktuellen Fragestellungen leisten können. 

Basel ist eine Volluniversität mit einem starken Fokus auf Life Sciences. Weshalb braucht es die Geisteswissenschaften für die Forschung am Standort Basel?

Geisteswissenschaften helfen, die gesellschaftlichen und sozialen Auswirkungen dieser technologischen und medizinischen Forschungen zu ergründen und können auch ethische Orientierungshilfen liefern. Aber Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler generieren auch selbst neue Erkenntnisse – etwa zur Macht von Bildern oder zu den Effekten bestimmter Narrative –, die gerade im heutigen digitalen Zeitalter von grosser Bedeutung sind und viel Innovationspotenzial beinhalten.

Zur Person

Laurent Goetschel ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Basel und Direktor der Schweizerischen Friedensstiftung swisspeace. Seit 2025 ist er Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät. 

Wo leisten Ihre Fachbereiche in Basel heute praktische Hilfe, die über rein akademische Theorien hinausgeht?

Es gibt Forschungsprojekte zu grossen Fragestellungen wie Klimawandel und Migration. Bei der Klimapolitik stellt sich die Frage, welche Folgen unsere Politik in anderen Teilen der Welt hat, etwa wo Lithium für die Batterien von Elektroautos abgebaut wird. Kompensierende Massnahmen können helfen, negative Nebeneffekte zu mindern. Bei der Migration ist es wichtig zu ergründen, welchen traumatischen Erfahrungen Geflüchtete auf ihren Fluchtrouten ausgesetzt waren und wie wir diesen hier begegnen. Damit leisten wir einen wesentlichen Beitrag zum Wohlbefinden und zur Integration dieser Menschen und reduzieren zugleich die Gefahren und Herausforderungen für unsere Gesellschaft.

Viele Menschen denken bei der Philosophisch-Historischen Fakultät an «muffige» Bibliotheken und sogenannte Orchideenfächer ohne echten Nutzen. Wie räumen wir mit diesem Vorurteil auf?

Ob ein Bereich ein Orchideenfach ist, kann sich situativ ändern: Vor einigen Jahren wurde darüber debattiert, die Osteuropastudien in unserer Fakultät abzuschaffen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist die Universität stolz darauf, gerade zu Russland und zur Ukraine mit ausgewiesenen Kompetenzen auftrumpfen zu können.

Es muss eines der Hauptziele jedes Studiums sein, die Studierenden zu befähigen, sich auf der Grundlage bestehenden Wissens eine fundierte eigene Meinung zu bilden.

Wenn Sie ein unbegrenztes Budget hätten und frei entscheiden könnten: Welches Projekt würden Sie sofort starten, um das Denken in Basel fit für die Zukunft zu machen?

Basel steht sinnbildlich für zwei der wichtigsten globalen Trends: Urbanisierung und Internationalisierung. Die Stadt bietet eine einmalige Ausgangslage, um zu untersuchen, wie Akteuren aus den Bereichen der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Politik und der Kunst im grenzüberschreitenden Rahmen auf diese Herausforderungen reagieren und zusammenwirken: Wie gelingt es den Menschen, im Zusammenspiel der verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren den inneren Kompass zu bewahren und sowohl politischen Abschottungs- als auch Eroberungstendenzen einen Riegel vorzuschieben? Dazu liesse sich hier fakultätenübergreifend vieles durchspielen und erforschen.

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