«Das Jahr 2026 ist eine Zäsur für unseren Wald.»
Der Botanik-Professor Ansgar Kahmen untersucht seit Jahren den Schweizer Wald. Einen so heissen und trockenen Sommer wie jenen von 2026 gab es seit Beginn der Messaufzeichnungen noch nie. Bereits heute ist klar, dass die Wälder der Nordwestschweiz grossen Schaden davontragen. Der Wald der Zukunft wird ein anderer sein, ist der Biologe überzeugt.
06. August 2026 | Catherine Weyer
Ansgar Kahmen, in Portugal, Spanien und Frankreich haben grosse Waldgebiete gebrannt. Droht das im trockenen Sommer 2026 auch in der Schweiz?
Ansgar Kahmen: Nein, in diesem Ausmass sicherlich nicht. Die Schweiz befindet sich in einem gemässigten temperaten Lebensraum, wo Waldbrände grundsätzlich keine grosse Rolle spielen und eher die Ausnahme sind. Wir haben in den letzten Jahren auch immer mal wieder Feuer gesehen, aber die sind üblicherweise nicht so verheerend wie im mediterranen Raum.
Wie kam es denn zu den Waldbränden im Süden Europas?
Verschiedene Faktoren haben da einen Einfluss. Diese grossen Brände finden in Europa vor allem in mediterranen Ökosystemen statt, wo Waldbrände prinzipiell nichts Ungewöhnliches sind. Sie gehören zum natürlichen Kreislauf der Ökosysteme. Einige Pflanzensamen mediterraner Arten keimen beispielsweise erst nach einem Feuer. Allerdings hat der Mensch in das Ökosystem eingegriffen und über lange Zeit versucht, grössere Brände zu verhindern. Dadurch konnte sich mehr Biomasse ansammeln. Wenn dann doch ein Feuer ausbricht, wie jetzt, brennt dieses mit einer wesentlich höheren Intensität und kann auch wesentlich grösseren Schaden anrichten. Dieses Akkumulieren von Brennmaterial ist ein klassisches Problem, das wir in den vergangenen Jahren häufig als Grund für grosse Waldbrände gesehen haben, beispielsweise auch in Kalifornien oder Australien.
Welche Rolle spielen die dort vorherrschenden Baumarten?
Aus forstwirtschaftlichen Gründen wurden im Mittelmeerraum über Jahrzehnte auch Arten angepflanzt, die eigentlich nicht heimisch sind, zum Beispiel Eukalyptus-Arten. Auch die brauchen Feuer für ihre Fortpflanzung. Mit den ätherischen Ölen in ihren Blättern fachen sie Feuer zusätzlich an.
Wird sich die Natur in Südeuropa von diesen Bränden erholen können?
Die Natur erholt sich immer. Die Frage ist aber, wie lange es dauert, bis wieder ein Landschaftsbild hergestellt ist, das wir Menschen kennen. Bis ein Pinienwald vollständig nachgewachsen ist, vergehen 100 Jahre. Und das Landschaftsbild, das danach entsteht, entspricht vielleicht nicht dem, was wir Menschen uns für unseren Tourismus, unsere Landwirtschaft oder unser ästhetisches Empfinden wünschen.
Wie geht es denn unserem Wald in der Schweiz in diesem trockenen Sommer?
Überhaupt nicht gut. In der Nordwestschweiz haben wir das trockenste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Es fehlt schlichtweg an Wasser, riesigen Mengen an Wasser, die in absehbarer Zeit auch nicht kommen werden.
Wie viel des aktuellen Schadens ist bereits sichtbar?
Wir sehen schon viel. Ein Baum kippt zwar nicht sofort um, wenn er tot ist. Er ist mit seinen Wurzeln verankert, und die halten ihn auch noch einige Jahre, nachdem er abgestorben ist. Im Moment sehen wir aber ein grossflächiges Absterben der äusseren Kronenbereiche im ganzen Juragebiet. Vor allem bei Buchen, welche die vorherrschende Baumart sind. Aber auch andere Arten sind betroffen. Unsere Erfahrungen mit unserem Forschungsprojekt in Hölstein seit 2018 lassen vermuten, dass diese Schäden irreversibel sind. Das Jahr 2026 ist tatsächlich eine Zäsur für unseren Wald.
Wie wird der Wald im kommenden Frühjahr aussehen?
Das Ausmass der Schäden ist so gravierend, dass wir davon ausgehen, dass viele der Bäume, die jetzt ihr Laub verloren haben, unmittelbar oder in den nächsten Jahren absterben werden. Die Bäume sind so ausgetrocknet, dass sie bereits jetzt ihr Laub abwerfen, das sie eigentlich bis Ende Oktober behalten sollten. Das ist erstmal nur ein Symptom, es deutet aber darauf hin, dass wichtige Gewebe in den Kronen der Bäume geschädigt sind.
Würde ein Sommergewitter Erleichterung bringen?
Nein. Diese Niederschlagsmenge würde für eine dauerhafte Erholung schlicht nicht ausreichen. Ein Wald braucht an einem normalen Sommertag 3 Millimeter Wasser. Hochgerechnet auf einen Hektar wären das 30'000 Liter Wasser. Das beantwortet auch die Frage, weshalb man den Wald nicht giessen kann. Ausserdem: Wenn Sie sich bei Regen unter einen Baum stellen, bleiben Sie erst einmal trocken. Es braucht also eine gewisse Menge an Niederschlag, bis dieser überhaupt das Kronendach durchdringt und am Boden ankommt. Und weil dieser so stark ausgetrocknet ist, fliesst das Wasser auch gleich wieder ab. Was wir bräuchten, sind zwei Wochen flächendeckende, anhaltende Niederschläge, damit der Boden wieder feucht ist und das Wasserdefizit beseitigt wird.
Heisst das, unser ganzer Wald im Juragebiet stirb ab?
Was wir heute sehen, konnten sich auch viele Forschende nicht vorstellen: die hohe Frequenz dieser heissen und trockenen Sommer. 2003 sprach man noch von einem «Jahrtausendsommer». Dieses Phänomen hat sich dann 2015, 2018 und 2019 wiederholt und wird 2026 wohl noch übertroffen. Also, diese Häufigkeit von sehr trockenen Jahren nimmt massiv zu, und viele unserer heimischen Baumarten sind an solche Verhältnisse nicht angepasst.
Verschwindet der Schweizer Wald, wie wir ihn heute kennen?
Unsere Wälder werden nicht komplett verschwinden. Aber diese buchendominierten Wälder, wie wir sie im Moment haben, wird es künftig an vielen Orten so nicht mehr geben. Den Wandel sehen wir seit 2018 in einer erschreckenden Geschwindigkeit voranschreiten. Die heimischen Eichenarten können mit den heute herrschenden Temperaturen zwar noch besser umgehen. Sie haben ein deutlich tieferes Wurzelsystem. Aber auch sie kommen irgendwann an ihre Grenzen. Und dann müssen wir uns damit auseinandersetzen, submediterrane Arten oder sogar mediterrane anzusiedeln.
Kommt das Klima durch das grossflächige Absterben der Bäume zusätzlich unter Druck?
Ja. Wenn die Bäume absterben und von Mikroben abgebaut oder vom Menschen verbrannt werden, wird das ganze CO2 freigesetzt, das vorher über Jahrzehnte aufgenommen wurde und in der Biomasse der Bäume gebunden war. Wenn dies in grossem Mass passiert, haben wir enorme Mengen an zusätzlichem CO2 in der Atmosphäre, die die Temperaturen zusätzlich anheizen. Solche sich selbst verstärkenden Prozesse können dazu führen, dass der Klimawandel noch schneller voranschreitet.
Welche Aufgaben kommen jetzt auf die Forstbetriebe zu?
Sie müssen entscheiden, welche Baumarten zukunftsfähig sind. Und das ist gar nicht so einfach, denn wir bewegen uns ausserhalb unseres Erfahrungsbereiches. Das Anpflanzen nicht heimischer Baumarten führt vielleicht auch zum Konflikt mit dem Naturschutz, der ja per se bewahren möchte. Und das wäre ein Wald, der überwiegend von Buchen dominiert ist. Aber ich denke, wir müssen uns von diesem Leitbild verabschieden. Denn was wir jetzt sehen, ist wirklich dramatisch.
Wie wird der Klimawandel unsere Wälder verändern?
Die Wälder, in denen wir gross geworden sind, die für die Bevölkerung der Schweiz und auch die Bevölkerung Mitteleuropas eine grosse emotionale Bedeutung haben, wird es nicht mehr geben. Sie werden anders aussehen. Denn unsere Baumarten können mit diesen Bedingungen einfach nicht umgehen.
Was kann man sonst tun, um den Wald zu unterstützen?
Unmittelbar nicht viel, denn das System ist einfach zu gross, um schnell und effizient eingreifen zu können. Langfristig muss sich die Artenzusammensetzung an die neuen Klimaverhältnisse anpassen. Das ist aber nicht einfach umzusetzen, denn wir stehen erst am Anfang einer klimatischen Veränderung. Bäume, die heute gepflanzt werden, sollten auch in 80 oder 100 Jahren, also mit dem dann herrschenden Klima, zurechtkommen.