Interview mit Prof. Laurent Goetschel
Mehr als das Gewissen der Wissenschaft
In einer Welt von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz wird das eigenständige, kritische Denken wertvoller denn je. Welche Rolle spielt hierbei die Philosophisch-Historische Fakultät an der Volluniversität Basel? Ist sie nur das ethische Gewissen oder ein echter Treiber für Innovation? Prof. Dr. Laurent Goetschel, Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät und Direktor der Schweizerischen Friedensstiftung (swisspeace) im Gespräch über den Nutzen von «Orchideenfächern» und den unverzichtbaren inneren Kompass in turbulenten Zeiten.
Herr Goetschel, Sie sagen selbst, dass Ihre Karriere nicht die eines «typischen Professors» ist. Sie legen grossen Wert darauf, dass Forschung nützlich sein muss. Wie stellen Sie sicher, dass die klugen Ideen Ihrer Fakultät dort landen, wo sie etwas bewegen – zum Beispiel in der Politik oder bei Hilfsorganisationen?
Meine eigenen Forschungsfragen haben einen Bezug zur Praxis der Aussen- und Friedenspolitik. Daher sind ihre Ergebnisse für politische und nichtstaatliche Akteure interessant. Ob sie diese aber auch tatsächlich akzeptieren und umsetzen, ist eine ganz andere Frage. Andere Disziplinen meiner Fakultät mögen auf den ersten Blick etwas entrückter von dringenden Alltagsproblemen erscheinen. Sie produzieren aber mindestens so wichtige Erkenntnisse, die dem Selbstverständnis unserer Gesellschaft und der Orientierung der Menschen dienen, was gerade in der aktuellen turbulenten Zeit von grosser Bedeutung ist
Dass man mit Philosophie Karriere machen kann, zeigen Tech-Grössen wie Peter Thiel, der an der Stanford University Abschlüsse in Philosophie und Rechtswissenschaften studierte. Doch gerade Thiel steht wegen seiner Macht und seiner politischen Ansichten stark in der Kritik. Brauchen wir die Geisteswissenschaften heute vielleicht genau deshalb am dringendsten: Um zu verstehen, welche Machtstrukturen und Gefahren hinter der schönen neuen Tech-Welt stecken?
Es geht nicht nur darum, die Strukturen und Gefahren hinter diesen Entwicklungen und neuen Möglichkeiten zu hinterfragen, sondern auch darum, zu verstehen, was den Menschen als denkendes und selbst verantwortliches Individuum auszeichnet. Wo auch immer autoritäre Machthaber die Macht ergreifen, schaffen sie als Erstes die Geisteswissenschaften ab, denn diese stehen für das freie Denken schlechthin. Auch vor den neusten technologischen Entwicklungen gab es immer wieder Bestrebungen, die Menschen mittels Dogmen und unterschwelligen Machtansprüchen gefügig zu machen. Da kann ein Blick in die Vergangenheit zum Verständnis der Gegenwart nicht schaden.
Algorithmen entscheiden heute oft, was wir sehen und was wir glauben. Welche Rolle spielt Ihre Fakultät in einer Welt, in der Maschinen uns das Denken abnehmen wollen?
Maschinen nehmen uns die Arbeit ab, nicht das Denken. Sie verarbeiten sehr effizient, was es im digitalen Raum zu finden gibt. In meiner Fakultät reichen die Kompetenzen vom Verständnis dessen, wie diese neuen technischen Möglichkeiten für die verschiedenen Disziplinen genutzt werden können, bis hin zur kritischen Begleitung, Wertung und Hinterfragung solcher Entwicklungen. Die ersten Large Language Models (LLM) wurden von Linguisten entwickelt. Genauso wenig wie das Aufkommen des Fernsehens menschliche Begegnungen ersetzt hat, wird die künstliche Intelligenz menschliches Denken ersetzen.
Was lernen Studierende bei Ihnen in Basel, das auch in zehn Jahren keine Künstliche Intelligenz der Welt nachahmen kann?
Unsere Studierenden sind Menschen. Sie verfügen über emotionale und selbstreflektierende Fähigkeiten, die keine künstliche Intelligenz nachahmen kann. Wir bilden Studierende gezielt darin aus, diese Fähigkeiten zu nutzen, nicht nur, aber gerade auch im Austausch mit der künstlichen Intelligenz. Sie sollen in Zukunft nicht nur das wiederholen, was bereits am häufigsten und damit auch von der künstlichen Intelligenz gesagt wird, sondern auch einen eigenständigen Beitrag leisten können.
Basel ist eine Volluniversität, hier forschen Mediziner, Naturwissenschaftler und Geisteswissenschaftler Tür an Tür. Verstehen Sie die Geisteswissenschaften als das «Gewissen» für die technologische und medizinische Forschung am Standort Basel?
Geisteswissenschaften helfen, die gesellschaftlichen und sozialen Auswirkungen dieser Forschungen zu ergründen. Sie können auch ethische Orientierungshilfen liefern. Aber Geisteswissenschaften sind mehr als wissenschaftliche Samaritaner, welche die von naturwissenschaftlicher Forschung verursachten gesellschaftlichen Verwerfungen zu glätten helfen: Sie generieren sehr wohl selber neue Erkenntnisse, etwa zur Macht von Bildern oder zu den Effekten bestimmter Narrative, die gerade im heutigen digitalen Zeitalter von grosser Bedeutung sind und viel Innovationspotential beinhalten.
Ob Klimawandel oder Migration: Wo leisten Ihre Fachbereiche in Basel heute ganz praktische Hilfe, die über rein akademische Theorien hinausgeht?
Bei der Klimapolitik stellt sich die Frage, welche Folgen unsere Politik in anderen Teilen der Welt hat, etwa wo Lithium für die Batterien von Elektroautos abgebaut wird. Kompensierende Massnahmen können helfen, negative Nebeneffekte zu mindern. Bei der Migration ist es wichtig zu ergründen, welchen traumatischen Erfahrungen Migrant:innen auf ihren Fluchtrouten ausgesetzt sind und wie wir diesen hier begegnen. Damit leisten wir einen wesentlichen Beitrag zum Wohlbefinden und zur Integration dieser Menschen und reduzieren zugleich die Gefahren und Herausforderungen für unsere Gesellschaft.
Viele Menschen denken bei der Philosophisch Historischen Fakultät noch immer an «muffige» Bibliotheken und Orchideenfächer ohne echten Nutzen. Wie räumen wir mit diesem Vorurteil auf?
Orchideenfächer können sehr situativ sein: Vor einigen Jahren wurde darüber debattiert, die Osteuropastudien in unserer Fakultät abzuschaffen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist die Universität stolz darauf, gerade zu Russland und zur Ukraine mit ausgewiesenen Kompetenzen auftrumpfen zu können. Es muss eines der Hauptziele jedes Studiums sein, die Studierenden zu befähigen, sich auf der Grundlage bestehenden Wissens eine fundierte eigene Meinung zu bilden.
Wenn private Förderer Ihnen heute freie Hand und ein unbegrenztes Budget gäben: Welches Projekt würden Sie sofort starten, um das Denken in Basel fit für die Zukunft zu machen?
Basel steht sinnbildlich für zwei der wichtigsten globalen Trends: Urbanisierung und Internationalisierung. Es bietet eine einmalige Ausgangslage, um die Reaktion und das Zusammenwirken von Akteuren aus den Bereichen der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Politik und der Kunst im grenzüberschreitenden Rahmen auf diese Herausforderungen zu untersuchen: Wie gelingt es den Menschen im Zusammenspiel der verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren den inneren Kompass zu bewahren und sowohl politischen Abschottungs- wie auch Eroberungstendenzen einen Riegel vorzuschieben? Dazu liesse sich hier fakultätenübergreifend vieles durchspielen und erforschen.