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Geld. (01/2026)

Leben auf Kredit.

Text: Tobias von Rohr

Geld basiert auf einem System aus Vertrauen, Versprechen und Erwartungen. Das ermöglicht es, Schulden zu machen. Sie sind keine Ausnahme, sondern eine Grundlage moderner Wirtschaft.

Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens' "A Christmas Carol" mit den Geistern der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft
Illustration: Patrizia Stalder

Kurz die Kreditkarte zücken und damit ein Online-Ticket kaufen, eine Rechnung im E-Banking bezahlen, das Bankkärtli an ein Zahlterminal halten für den Kaffee zum Mitnehmen oder das letzte Münz zusammenkratzen für das Gipfeli beim Bäcker – Geld wechselt rasch, ganz klassisch von Hand zu Hand oder immer öfter digital, die Besitzerin oder den Besitzer. Für viele ist Geld selbstverständlich und zuverlässig. «Geld ist das zentrale Messinstrument unserer Wirtschaftsleistung – weil es einfach ist und Dinge vergleichbar macht», erklärt Laura Rischbieter, die als Historikerin an der Universität Basel zur Geschichte des Kapitalismus forscht.

Doch was ist Geld eigentlich? Keine einfache Frage, im Gegenteil: Es gibt unterschiedliche Antworten. Die Ökonomie schreibt dem Geld eine funktionale Definition zu: als Wertaufbewahrung, als Zahlungsmittel und als Recheneinheit. Die Anthropologie und die Soziologie hingegen sagen, dass Geld eine soziale Beziehung ist, denn es geht um Kredit. Wer zahlt, vertraut darauf, dass das Geld morgen noch gilt. «Wer einen Kredit aufnimmt oder vergibt, glaubt daran, dass in der Zukunft Gewinne gemacht werden», sagt Laura Rischbieter.

Historisch gesehen ist Geld als universelles Zahlungsmittel nicht so selbstverständlich, wie es heute der Fall ist. Stellen wir uns vor, wir reisen nach Athen. Nicht in die Stadt von heute, sondern während der Antike. In unserem Gepäck: einige Münzen und die Absicht, einen Wein zu kaufen. Schnell wird klar, dass die Weinhändler, die aus Alexandria in die griechische Stadt gekommen sind, unser Geld nicht akzeptieren, weil wir keine ägyptischen Münzen dabeihaben. Münzen boten zwar Vorteile gegenüber dem Tauschhandel, doch im Alltag waren sie oft umständlich: schwer zu transportieren, leicht zu manipulieren und zu stehlen. Das Beispiel aus Athen macht Laura Rischbieter, um zu erklären, was stattdessen lange die allgemeine Währung war: Man gewährte sich gegenseitig Kredit, handelte auf Vertrauen. Geld im modernen Sinn spielte dabei kaum eine Rolle.

Bis ins 19. Jahrhundert funktionierte der Handel häufig über Anschreiben und Kredite. Die Kaufleute des Mittelalters handelten dabei nicht aus Freundschaft, sondern aus Kalkül: «Es ging nicht darum, dass A und B sich besonders mochten», erklärt Rischbieter, «sondern darum, dass alle sich einig waren, dass sie die Geschäftsbeziehungen gerne so weiterführen möchten.»

Gold für Geld

Wieso setzte sich das Geld als Zahlungsmittel doch durch? Viele stellen sich bis heute vor, dass jeder Schweizer Franken durch Gold abgesichert ist – dass man ihn also theoretisch gegen ein Stück Edelmetall eintauschen könnte. Aber so war es nie wirklich. Der Goldstandard des 19. Jahrhunderts war vor allem ein psychologisches Konstrukt. «Fast kein Land auf der Welt hatte für einen längeren Zeitraum tatsächlich so viel Gold, dass es die umlaufende Währung hätte vollständig decken können», sagt Rischbieter. Was der Goldstandard wirklich leistete, waren feste Wechselkurse zwischen den Währungen. Das bedeutete Planungssicherheit für Kaufleute.

Heute ist von dieser Goldanbindung nichts mehr übrig. Unser Geld basiert stattdessen auf Vertrauen in Staaten und Zentralbanken. Die eigentliche Revolution ist der moderne Steuerstaat: Wer verlässlich Steuern einnimmt, gilt dadurch als kreditwürdig und kann sich dementsprechend verschulden. Das ist die Grundlage moderner Wirtschaft.

Schreckgespenst Schulden

Und doch löst kaum ein Wort mehr Unbehagen aus als «Staatsschulden». Zu Unrecht, sagt Rischbieter: «Staatsverschuldung ist nicht per se schlecht.» Kapitalismus funktioniere über eine heutige Investition und einen morgigen Gewinn – das gilt für alle, egal ob das Unternehmen oder Staaten sind. Eisenbahnbau, Industrialisierung, Bildung: nichts davon wäre im 19. Jahrhundert ohne Schulden finanzierbar gewesen. «Wir benötigen die Schulden, weil es der Kredit schafft, diesen Zeitraum zu überspringen», erklärt die Historikerin. Auch Krisen würden mit Schulden gelöst.

Spätestens seit der Industrialisierung lassen sich daher Kreditkonjunkturen beobachten: Unternehmen benötigen Kredite, um die Entwicklung von Innovationen zu finanzieren. Sobald Geld billig wird und mögliche Gewinne in der Zukunft winken, wollen alle mitmachen und ein Stück vom Kuchen abhaben. Man denke an Eisenbahnaktien im 19. Jahrhundert, die Dotcom-Blase oder den Krypto-Hype. Nicht jede Spekulationsblase an der Börse führt zu einer Finanzkrise mit zahllosen Unternehmenspleiten, einige allerdings schon. Diesen Vorgang nannte der Ökonom Joseph Schumpeter «schöpferische Zerstörung»: Alte, ineffiziente Unternehmen oder Branchen gehen unter – dadurch gibt es Platz für Neues und Innovativeres.

Zugleich entsteht aus der Kreditbasis unserer Wirtschaft ein strukturelles Problem: Kapitalistische Wirtschaft benötigt Wachstum. Wer Kredit aufnimmt, zahlt Zinsen. Am Ende muss deshalb immer mehr da sein als am Anfang. Das führt in einer Welt mit endlichen planetaren Ressourcen zwangsläufig zu Verteilungskonflikten.

Starke Währung

Nicht das Wachstum selbst, sondern die daraus resultierenden Verteilungskonflikte können für die Wirtschaft eines Landes problematisch sein. Denn nicht alle Bürger eines Staates profitieren immer gleichermassen von ihrer Währung. Sichtbar ist das beispielsweise im Wechselkurs des Schweizer Frankens. Dieser gilt weltweit als sicherer Hafen, unter anderem weil die Schweiz politisch stabil ist und ihre Institutionen als verlässlich gelten. Wer zuletzt im Ausland war, hat gespürt, dass der Schweizer Franken hoch bewertet ist, Schweizerinnen und Schweizer können sich in den Ferien entsprechend mehr leisten. Laut Rischbieter ist das aber kein uneingeschränkter Grund zur Freude: «Der Nachteil ist, dass die starke Währung den Export hemmt. Die Ware ist für die Handelspartner schlicht zu teuer.» Für einen Teil der Schweizer Unternehmen ist daher ein starker Franken sehr nachteilig.

«Schauen wir auf das Geld und seine Geschichte, verstehen wir die eigene Gegenwart und ihre sozialen und ökonomischen Strukturen besser», sagt die Historikerin Rischbieter. Zugleich funktioniere das Geld im Alltag auch, ohne es zu verstehen. Darin liegt seine eigentliche Stärke.

Laura Rischbieter ist Professorin für die Geschichte des Kapitalismus am Departement Geschichte. Sie forscht und lehrt zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Neuzeit im globalen Kontext.


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