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Geld. (01/2026)

Vom Kontostand zum Glücksindex.

Text: Noëmi Kern

Geld allein macht nicht glücklich. Stimmt das? Oder ist es eine Floskel zum Trost für alle, die mit etwas Neid auf die Reichen und Schönen blicken?

Wunderlampe aus dem Märchen Aladin und die Wunderlampe
Illustration: Patrizia Stalder

Fragt man den Glücksforscher Reto Odermatt, ob Geld glücklich macht, lautet die Antwort zunächst: «Ja». Verschiedene Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen Geld und Glück. «Arme Menschen und die Bevölkerung ärmerer Länder sind tatsächlich unglücklicher», sagt Odermatt. Wer finanzielle Sicherheit erlangt, erfährt den grössten Zuwachs an Glück, denn sie reduziert Stress und gibt Freiheit.

Dann ergänzt der Wirtschaftswissenschaftler sein «Ja» mit einem «Aber». Untersuchungen zu den Emotionen, die Menschen während eines Tages hatten, verzeichneten ab einem gewissen Einkommen keine bessere Stimmung. «Man kann sich also nicht beliebig einen besseren Tag kaufen», übersetzt Reto Odermatt. Während sich Menschen nie an Armut gewöhnen, sieht es beim Reichtum anders aus. «Wir beobachten einen abnehmenden Grenznutzen des Geldes», formuliert es der Ökonom: Je mehr Geld jemand hat, desto weniger Mehrwert bietet jeder zusätzliche Franken.

Trotzdem freuen sich auch reiche Menschen über einen Zustupf. In einem Versuch erhielten Menschen 10’000 Dollar. Bei allen Beschenkten nahm das Glück zu, unabhängig davon, wie viel Geld sie bereits hatten, es gab jedoch grosse Unterschiede.

«Die Zahl auf dem Konto macht etwas mit uns», weiss Odermatt. Das mag auch daran liegen, dass Geld in unserer Gesellschaft viel mit Status zu tun hat. Als erfolgreich gilt, wer viel verdient und sich einen hohen Lebensstandard leisten kann. Nicht, wer besonders gute Freundschaften hat. Die These des Forschers ist daher: «In einer materialistischen Gesellschaft wird der Kontostand zum Platzhalter des Glücks.»

Es gibt viele Studien dazu, wie Glück und materieller Standard zusammenhängen. Reto Odermatt selbst untersuchte zum Beispiel, wie der Erwerb von Eigenheim die Lebenszufriedenheit beeinflusst. Diese stieg zwar an, jedoch nicht so dauerhaft wie von den künftigen Eigenheimbesitzerinnen und -besitzern zuvor angenommen. «Das liegt am Gewöhnungseffekt, der mit der Zeit vieles relativiert. Status wird gemeinhin überschätzt, ich denke, wir machen uns zu viele Gedanken darüber», erklärt der Ökonom.

Das gilt auch beim Geld: «Kurzfristig freuen sich alle über eine Lohnerhöhung, aber Arbeit ist für viele mehr als nur Einkommenserwerb.» Laut Umfragen unter Arbeitnehmenden sind Wertschätzung und die Beziehungen zu anderen dauerhaft wichtiger. Und wer danach strebt, immer mehr Geld zu haben, muss sich vielleicht auch fragen, zu welchem Preis er oder sie das tut.

Dass der Zahltag nicht alles ist, weiss Reto Odermatt aus persönlicher Erfahrung. Als er Vater wurde, reduzierte er sein Arbeitspensum. Die zusätzliche Zeit, die er dadurch mit seinen Kindern verbringen kann, ist ihm die Lohneinbusse wert. «Zeit ist eine begrenzte Ressource und man muss sich fragen, wo in Sachen Zufriedenheit der sogenannte Return on Investment für investierte Zeit am grössten ist.» Es geht letztlich also um keine geringere Frage als: Wie will ich meine Lebenszeit verbringen?

Bankkonto vs. Glückskonto

Dennoch kann Geld durchaus zum Glück beitragen, wenn es für die richtigen Dinge ausgegeben wird. Das ist freilich individuell, doch die Wissenschaft hält ein paar Erkenntnisse dazu bereit. Laut Odermatt gibt es drei Arten von Ausgaben: Die erste orientiert sich am materiellen Konsum. Sich etwas Schönes zu kaufen, kann kurzfristig ein Gefühl der Befriedigung auslösen. Dieses hält aber meist nicht lange an und es braucht den nächsten Kauf. «Auch hier kommt der Gewöhnungseffekt zum Tragen», weiss Odermatt.

Erfahrungsorientierte Ausgaben sind diesbezüglich nachhaltiger. Investiert man in eine Reise oder in ein anderes Erlebnis, entstehen bleibende Erinnerungen. Die dritte Art, Geld auszugeben, sind erlebnisorientierte materielle Investitionen. Sie sind gewissermassen das Mittel zum Zweck: Eine Gitarre, die man gern spielen will, oder Wanderschuhe, die einem Gebirgstouren ermöglichen. «Erfahrungskonsum sorgt für mehr Zufriedenheit und hebelt Konsum ein Stück weit als Statussymbol aus, weil er sich weniger gut vergleichen lässt», sagt der Glücksforscher.

«Von den Erlebnissen zu erzählen und Erfahrungen zu teilen, die einen glücklich gemacht haben, ist ein schöner Weg, dem Statusrennen zu entfliehen», findet er. Aber auch erfahrungsorientierte Ausgaben erhalten einen Anstrich von Status, wenn jemand damit prahlt. Und wer nur um die Welt reist, weil «man» das halt macht oder um bestimmte Destinationen abzuhaken, empfindet dabei möglicherweise weniger Glück, als wenn er oder sie in der vertrauten Umgebung bleibt. «Die intrinsische Motivation ist entscheidend. Es geht darum, was einen wirklich glücklich macht», sagt Reto Odermatt.

Dafür kann es sich lohnen, den Blick etwas von sich wegzulenken. Tun wir anderen etwas Gutes, steigert das nämlich auch die eigene Zufriedenheit. In einer randomisierten Studie erhielten Personen ein Kuvert mit 20 Dollar, die einen sollten sich selbst etwas gönnen, die anderen eine andere Person beschenken. In der anschliessenden Auswertung zeigte die letztere Gruppe höhere Zufriedenheitswerte. «Der positive Effekt von prosozialem Verhalten wird gemeinhin unterschätzt. Wir sind weniger Homo oeconomicus als soziale Wesen. Die Beziehung zu anderen steht an oberster Stelle», so Odermatt.

Auch kleine Gefälligkeiten im Alltag sind ein Weg, sich selbst und anderen das Leben ein bisschen zu versüssen. Die Wissenschaft spricht auch vom «warm glow of giving». Dafür muss man nicht einmal das Portemonnaie zücken. Jemandem die Tür aufzuhalten oder gar ein Kompliment zu machen, kostet höchstens etwas Überwindung. «Viele wissen mehr darüber, wie sie Geld anlegen, als wie sie anderweitig in ihr persönliches Glück investieren können», resümiert Reto Odermatt. Wie viel Wert wir Geld beimessen, muss am Schluss jede und jeder selbst entscheiden. So mag für manche das Picknick auf einer Wiese sinnstiftender sein als das Mehrgänge-Menü im Sternerestaurant.


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