Faktencheck: Hypersensibel auf Handystrahlung und Co?
Text: Martin Röösli
Manche Menschen reagieren stark auf elektromagnetische Felder. Ob ihre Beschwerden wirklich durch diese Strahlung entstehen, erörtert Epidemiologe Martin Röösli.
Die sogenannte elektromagnetische Hypersensibilität (EHS) zeigt sich mit unspezifischen Symptomen wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Nervosität oder Kribbelgefühlen. Betroffene bringen sie mit Strahlungsquellen wie Mobilfunkantennen, WLAN-Netzwerken oder elektrischen Installationen in Verbindung. Das damit verbundene Leiden kann erheblich sein und die Lebensgestaltung stark einschränken. Vielen Menschen erscheint das Phänomen plausibel. Aber was ist wissenschaftlich dazu bekannt?
Rund die Hälfte der Betroffenen berichtet, dass sie unmittelbar auf elektromagnetische Strahlung reagieren. Solche Aussagen lassen sich mit sogenannten Provokationsstudien untersuchen: Dabei werden Personen unter kontrollierten Bedingungen entweder einem realen elektromagnetischen Feld oder einer Scheinbedingung (Placebo) ausgesetzt. Kürzlich erschien eine systematische Übersichtsarbeit zu solchen Studien mit insgesamt 2857 Teilnehmenden, davon 476 mit EHS.
Das Fazit: Es gibt keine Hinweise, dass elektromagnetische Felder unterhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte Symptome auslösen. In einer weiteren Übersichtsarbeit fand sich auch für langfristige Auswirkungen auf das Befinden keine Evidenz.
Wie entsteht EHS?
Wie aber lassen sich die Symptome und die Überzeugung der Betroffenen erklären? Eine Hypothese besagt, dass Menschen mit medizinisch unerklärlichen Beschwerden nach einer Ursache suchen und elektromagnetische Felder dabei als plausible Erklärung identifizieren. Fühlen sie sich im Alltag exponiert, etwa in der Nähe einer Mobilfunkantenne, achten sie verstärkt auf Symptome.
Das führt womöglich zu einem sogenannten Nocebo-Effekt: Ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich allein aufgrund ihrer negativen Erwartungshaltung. Mit der Zeit verfestigt sich die Überzeugung von einem kausalen Zusammenhang.
Was Betroffenen helfen kann
Das bedeutet nicht, dass sich Betroffene ihr Leiden einbilden. Die Symptome sind real, auch wenn elektromagnetische Felder nicht die wahre Ursache sind. EHS lässt sich darum behandeln. Viele Betroffene berichten über eine Besserung, wenn sie elektromagnetische Felder meiden. Dabei handelt es sich nach heutigem Kenntnisstand um einen Placebo-Effekt: Die Erwartung einer Verbesserung bewirkt ebendiese, ohne dass die Behandlung selbst einen Effekt hat.
Nachhaltiger ist es, die ungewollt antrainierten Reaktionsmuster zu behandeln, etwa mit einer kognitiven Verhaltenstherapie. Psychologische Behandlungen stossen bei EHS-Betroffenen jedoch oft auf wenig Akzeptanz, weshalb heutige Behandlungsansätze breiter ausgerichtet sind. Als erste Anlaufstelle empfehle ich MedNIS, das Schweizerische medizinische Beratungsnetz für nichtionisierende Strahlung (www.mednis.ch).
Quellen erschienen in
Environment International (2024), doi: 10.1016/j.envint.2024.108612
und Frontiers in Public Health (2025), doi: 10.3389/fpubh.2025.1603692
Interessiert zu erfahren, wie stark man Mobilfunkstrahlung ausgesetzt ist?
Im Rahmen der Citizen-Science-Studie ETAIN, die von der EU sowie dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation finanziert wird, wurde die 5G Scientist App entwickelt. Sie berechnet anhand der Mobilfunknetzqualität, wie stark man elektromagnetischen Feldern sowohl von Mobilfunkbasisstationen als auch vom eigenen Mobiltelefon ausgesetzt ist. Zudem bietet die App Zugang zu Karten der Mobilfunkstrahlung. Weitere Informationen und Download: www.etainproject.eu
Podcast Unisonar mit Martin Röösli
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