Münzen, Mythen, Macht.
Text: Christoph Dieffenbacher
Die ältesten Münzen im Mittelmeerraum wurden in der heutigen Westtürkei gefunden. Doch Metallgeld zirkulierte in der Antike nicht überall: Die Tauschwirtschaft dominierte – erst recht in Krisenzeiten.
Angenehm kühl und schwerer als gedacht liegt die Silbermünze in der Hand. Die samtig glänzende Doppeldrachme aus Syrakus ist rund 2500 Jahre alt. Daneben wiegt die gleich grosse karthagische Kupfermünze um einiges weniger. Die beiden Geldstücke, auf Sizilien gefunden, gehören zu einer kleinen Sammlung, die der Althistoriker Marco Vitale seinen Studierenden zeigt. Er ist Numismatiker, befasst sich also mit Geld und seiner Geschichte.
«Metallgeld hatte gegenüber dem Tausch von realen Werten klare Vorteile», sagt Vitale in seinem Büro im Departement Altertumswissenschaften. Bezahlt wurde sonst beispielsweise mit Schafen, Rindern und Getreide. Solche Währungen waren aber als Wertmesser schwierig miteinander zu vergleichen. Münzen aus Gold, Silber und Bronzelegierungen galten dagegen als beständiger und flexibler: «Ihr Wert liess sich einfach nach ihrem Gewicht bestimmen.» Münzen konnte man wiegen, transportieren, zerteilen und wieder einschmelzen – ein grosser Fortschritt gegenüber dem Tauschhandel.
Ein König namens Krösus
Die frühesten bekannten Geldstücke der antiken Welt tauchten im 7. Jahrhundert v. Chr. in Lydien in der heutigen Westtürkei auf. In derselben Gegend soll auch der legendäre König Krösus, berühmt für seinen Reichtum, seine Schätze gehortet haben, wie der Geschichtsschreiber Herodot später berichtete. Ähnliche Zahlungsmittel waren auch in China und Indien bekannt: Gehandelt wurde dort mit Muscheln und Schnecken sowie mehreckigen und runden Metallstücken, die oft mit Löchern versehen waren – so liessen sie sich einfach auf eine Schnur fädeln.
In manchen Regionen wie Gallien diente Geld zunächst Prestige- und Kultzwecken. «Doch nicht zufällig finden sich die meisten Münzen entlang der grossen Handelswege, von wo aus sie sich rasch verbreiteten: der Seidenstrasse aus China oder im Römischen Reich rund um das Mittelmeer», so Vitale. Die einzelnen Staaten begannen zunehmend, in Minen nach Metallen zu schürfen und Geld zu prägen. Damit bezahlten sie ihre Soldaten und kassierten Steuern in Form von Münzen. Und falls nötig, konnte man die Geldproduktion nach Belieben erhöhen.
Wer Geld prägte, war jemand
In den Handelszentren der Antike zirkulierten schliesslich grosse Mengen an Metallgeld unterschiedlicher Herkunft, sodass es bald unübersichtlich wurde. Deshalb wurden die auswärtigen Münzen in Wechselstuben in lokale Währungen umgetauscht. Auch kleinere Orte, die sich am Fernhandel beteiligen wollten, gaben ihre eigenen Münzen heraus. Nach dem Motto: Wer Geld prägte, war jemand.
Trotzdem verbreitete sich das antike Münzgeld nicht flächendeckend. «Selbstversorgung und Tauschhandel waren und blieben die wichtigsten Wirtschaftsformen», sagt Vitale, «besonders in lokalen Märkten.» Gerade in Krisen – so nach dem Tod Alexanders des Grossen und während der römischen Reichskrise im 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. – ging die Geldwirtschaft sogar zurück. Es waren Zeiten mit langen Kriegen, politischer Instabilität, Preisanstiegen und Hyperinflation: «In Krisen verloren die Menschen das Vertrauen ins Geld.» Rom senkte den Silbergehalt seiner Münzen zeitweise bis auf drei Prozent. Imitate und Fälschungen kamen häufiger in Umlauf und zu alledem zogen räuberische Legionen durch das Reich.
Eine der Fragen in Vitales Forschungen zur antiken Numismatik lautet, welche symbolische Bedeutung das Geld hatte. Was wurde auf den Münzen dargestellt? Auf den Prägungen waren oft Tiere wie Löwen, Schlangen, Eulen und Bienen abgebildet: teils gefährliche, teils nützliche Lebewesen, die die Menschen beeindruckten. Auch lokale Gottheiten, mythische Szenen, Gebäude und Pflanzen wie etwa Dattelpalmen waren beliebte Sujets.
Fake News auf Geldstücken
Sehr häufig dienten die Geldstücke, die fast in allen sozialen Schichten zirkulierten, als Statussymbole von Herrschern. So verewigte sich hier mancher römische Kaiser mit Namen und Konterfei – sein Kopf wanderte damit von Hand zu Hand. «Die politischen Eliten nutzten Münzen aber auch zur Propaganda», sagt der Althistoriker. So konnte Vitale nachweisen, dass die Römer um 210 n. Chr. Geldstücke mit einer falschen Siegesgeschichte herstellten: Legionäre, die im heutigen Schottland einen Fluss überqueren, um das Gebiet der nördlichen Kelten zu erobern. Das waren Fake News – in Wahrheit mussten sich die unterlegenen römischen Soldaten wieder hinter den Hadrianswall zurückziehen.
Wie heute stand in der Antike ein bestimmtes Metall zuoberst im Kurs: «Goldmünzen galten als Symbole für Sonnenstrahlen, Göttlichkeit, Macht und Unsterblichkeit», so Vitale: «Gold ist wertbeständig, komprimierter als Silber und Kupfer, korrodiert nicht und lässt sich kaum fälschen.» Wie Funde zeigen, wurden Mengen von schweren, wertvollen Goldbarren auf antiken Schiffen transportiert. Bis heute bleibt die Faszination für Gold ungebrochen, obwohl man seine Einkäufe und Rechnungen inzwischen meist digital bezahlt.
Neben der Lehre an der Universität widmet sich Vitale auch in seiner Forschung dem historischen Metallgeld. Dabei nimmt er weniger an archäologischen Ausgrabungen teil. Er arbeitet vor allem am Computer und sucht in Katalogen weltweit nach antiken Münzen, die in den Handel und auf den Kunstmarkt kommen: «Da kann immer wieder etwas Neues auftauchen.» In solchen Fällen recherchiert er nach weiteren Details und versucht, die Fundstücke zu interpretieren und einzuordnen.
Privat hat der Münzenforscher ein eher distanziertes Verhältnis zum Geld, zum kapitalistisch-ökonomischen Denken überhaupt. Reich zu sein bedeute für ihn nicht den höchsten Wert, sagt er. Doch es stört ihn, dass der Wohlstand auf der Welt sehr ungleich verteilt ist. In diesem Sinn kann er jene naiv-hintergründige Frage durchaus verstehen, die dem Münchner Komiker Karl Valentin (1882–1948) zugeschrieben wird: «Wer hat eigentlich das Geld erfunden, und warum so wenig?»
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