Im Fokus: Sindi-Leigh McBride denkt über Arbeit, Klimawandel und Erzählungen nach
Wie verdienen Menschen ihren Lebensunterhalt, wie gestalten sie ihr Leben – und wie verändert sich beides unter dem Einfluss des Klimawandels? In Romanen und Filmen sucht Sindi-Leigh McBride nach Zukunftsbildern für eine Welt im tiefgreifenden Wandel.
11. August 2026 | Tobias von Rohr
Im von Licht und Schatten gesprenkelten Innenhof des Departements Sprach- und Literaturwissenschaften, zu dem auch der Fachbereich Englisch gehört, grüsst Sindi-Leigh McBride zahlreiche Kolleginnen und Kollegen. Obwohl sie erst seit Kurzem hier arbeitet, kennt sie bereits erstaunlich viele. Bevor sie als Postdoktorandin zum Projekt «Anglo Genres for Atlantic Futures» unter der Leitung von Prof. Dr. Philipp Schweighauser kam, war McBride Presidential Postdoctoral Fellow an der Princeton University.
In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit Arbeit und der globalen Klimakrise in fiktionaler Literatur. «Die Verbindung von Klimawandel und unsicherer werdenden Arbeitsverhältnissen ist bisher wenig untersucht, besonders im kulturellen Bereich und in der Literaturkritik», erklärt McBride. «Werke aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen zu analysieren, kann historische Strukturen der Ausbeutung sichtbar machen und wichtige Erkenntnisse über die Zukunft der Arbeit liefern.»
Neue Zugänge zum Wissen über das Klima
Für McBride ist dieser Blick auf die gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung des Klimawandels zugleich neu und vertraut. Bereits in ihrer Doktorarbeit befasste sie sich mit der Politik und Poetik des Klimawandels in Südafrika und Nigeria. Dabei untersuchte sie zeitgenössische Kunst und Literatur als Quellen für Wissen über das Klima. Am Fachbereich Englisch ist sie zwar neu, nicht aber an der Universität Basel: 2024 schloss sie am Zentrum für Afrikastudien ihre Promotion ab. Unterstützt wurde sie dabei durch ein Schweizer Bundes-Exzellenz-Stipendium.
Zuvor forschte sie am Human Sciences Research Council, dem grössten sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut ihres Heimatlandes Südafrika, zu Klimawandel und den Lebensbedingungen junger Menschen. «Mich interessiert, wie sich unsere Arbeit verändert, wenn sich die Wetterbedingungen wandeln. Manchmal sind es Kulturschaffende, die uns die aufschlussreichsten Einblicke in diese Veränderungen geben», sagt sie.
Als Beispiel nennt sie die renommierte Schweizer Filmemacherin Jacqueline Zünd. Ihr neuer Dokumentarfilm Heat (2026) zeigt, wie sich zunehmende Hitze auf menschliche Beziehungen und auf die Arbeit auswirkt. Anfang dieses Jahres organisierte McBride eine Vorführung von Zünds Spielfilmdebüt Don’t Let The Sun (2025), das ähnliche Themen fiktional behandelt. Bei der öffentlichen Veranstaltung im Stadtkino Basel fand auch eine angeregte Diskussion mit der Regisseurin statt.
Welche Rolle spielt Kultur in ungewissen Zeiten?
Für ihre Forschung verbindet McBride ethnografische Studien zur Arbeitswelt und politökonomische Analysen mit Literaturkritik und Umweltgeschichte. Dieser interdisziplinäre Ansatz spiegelt ihren akademischen Werdegang wider: «Ich begann in meiner Heimatstadt Johannesburg Jura zu studieren, entwickelte aber schon bald ein starkes Interesse an geopolitischen Zusammenhängen.» McBride hat Masterabschlüsse in Internationalen Beziehungen und Politischer Kommunikation von der Witwatersrand-Universität und der Universität Kapstadt. Bevor sie 2019 für ihr Doktorat in die Schweiz kam, war die heute 38-Jährige in verschiedenen Bereichen der Forschung tätig, unter anderem für eine NGO und für die südafrikanische Regierung.
Wenn sie über Kunst und Literatur spricht, wird ihre Begeisterung besonders spürbar. «Der Unabhängigkeitskämpfer Amilcar Cabral, eine der intellektuell beeindruckendsten Persönlichkeiten der Geschichte, sagte, Kultur sei sowohl das Ergebnis der Geschichte eines Volkes als auch eine Kraft, die Geschichte prägt. Die zeitgenössische Kultur – nicht nur Romane und Filme, auch wenn ich mich vor allem damit beschäftige – bietet deshalb einen wichtigen Raum, um über Arbeit und Lebensgrundlagen nachzudenken. Das gilt besonders in einer Zeit, in der der Klimawandel unsere Umwelt verändert.» McBride zufolge kann Fiktion helfen zu erkennen, welche Berufe besonders gefährdet sind und welche neuen Formen von Arbeit entstehen. Oder wie es die Schriftstellerin Arundhati Roy, die McBride stark geprägt hat, ausdrückt: «Fiktion ist das Wahrhaftigste, was es gibt.»
Brücken zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit bauen
Neben Forschung und Lehre bringt Sindi-Leigh McBride viele Rollen unter einen Hut: Sie ist Mutter eines kleinen Kindes, schreibt literarische Texte und läuft gerne Marathons. Ein gutes Gleichgewicht zwischen universitärer Arbeit, kulturellem Engagement und Familienaufgaben ist ihr wichtig. Gleichzeitig räumt sie lächelnd ein: «Ehrlich gesagt muss ich die Arbeit unterbringen, wann immer ich kann. Sie kennen ja das Credo für junge Mütter: Schreib, wenn das Baby schreibt.»
Wissen soll für die Forscherin nicht an den Toren der Universität enden. Deshalb beteiligt sie sich regelmässig an Veranstaltungen für die Öffentlichkeit. So konzipiert und moderiert sie beispielsweise eine kostenlose, öffentliche Lesegruppe im Kunstmuseum Basel. Sie möchte Menschen aus verschiedenen Bereichen zusammenbringen, darunter Forschende und Kunstschaffende, aber nicht nur. Sie ist überzeugt, dass «Universitäten Räume sein können, die den Wissensaustausch zwischen Menschen aus allen Lebensbereichen fördern, unabhängig von ihrem Hintergrund oder ihrer Ausbildung».
Die Themen Arbeit, Klimawandel und Erzählungen werden voraussichtlich weiter an Bedeutung und Dringlichkeit gewinnen. Umso wichtiger ist McBrides Anliegen, Kunst und Wissenschaft zusammenzubringen und aus den Geschichten zu lernen, die wir erzählen.
Im Fokus: die Sommerserie der Universität Basel
Das Format Im Fokus rückt junge Forschende in den Mittelpunkt, die zum internationalen Renommee der Universität beitragen. Während mehrerer Wochen stellen wir Akademiker*innen aus unterschiedlichen Fachrichtungen vor, die stellvertretend für die über 3000 Doktorierenden und Postdocs der Universität Basel stehen.
