Im Fokus: Lavinia Pflugfelder erforscht Götterbilder zwischen Religion und Popkultur
Wie verändern sich religiöse Inhalte, wenn sie immer wieder neu erzählt und dargestellt werden? Lavinia Pflugfelder geht dieser Frage am Beispiel des männlichen Gottes in der modernen Hexenreligion Wicca nach. Darüber hinaus interessiert sie sich für religiöse Bildwelten in der Metal-Szene und im Horrorfilm.
23. Juli 2026 | Noëmi Kern
Anfang Juli war es so weit: Lavinia Pflugfelder verteidigte ihre Dissertation in Religionswissenschaft an der Universität Basel. Es war eine intensive, aber auch eine spannende Zeit: «Ich habe immer wieder etwas Neues gefunden, das mich interessierte, und es war nicht immer einfach, den roten Faden nicht zu verlieren. Aber am Ende ging alles auf», sagt die 37-Jährige.
Während ihrer Promotion ging sie der Frage nach, wie sich die Vorstellungen und Darstellungen des männlichen Gottes in der modernen Hexenreligion Wicca verändert haben. Wicca ist eine neureligiöse Bewegung, die Naturverbundenheit, Rituale sowie die Verehrung einer Göttin und eines Gottes verknüpft. «Während die weibliche Gottheit und ihre Darstellungen bereits vielfach untersucht wurden, fand die Figur des männlichen Gottes bisher weniger Beachtung. In diese Lücke habe ich mich eingearbeitet», so Pflugfelder.
Dabei zeigt sich auch eine Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Religion: Ältere wissenschaftliche Theorien über vorchristliche Kulte wurden im Wicca aufgegriffen und zu Bestandteilen einer neuen religiösen Tradition. «Indem Neues mit vermeintlich alten Traditionen verbunden und dadurch legitimiert wird, verändern sich auch die Vorstellungen davon, was Religion ist und woher sie kommt», hält Pflugfelder fest.
Metal und Mythen
Über ihre Dissertation hinaus beschäftigt Pflugfelder die Frage, wie religiöse Motive in der Popkultur aufgegriffen und neu gedeutet werden. Besonders deutlich zeigt sich das für sie in der Metal-Szene – einem Thema, mit dem sie sich bereits in ihrer Masterarbeit befasste, in der sie die Verbindung von Satanismus und Black Metal untersuchte.
Sie packt eine Handvoll Schallplatten aus. Auf den meist farbenfrohen Covers sind Totenköpfe, eine Gruppe Menschen in Kutten mit Kapuze und eine Frau am Kreuz abgebildet. Auch viele Symbole aus Astrologie, Ägyptologie und Esoterik lassen sich entdecken. Die Platten stammen aus den Genres Okkultrock, Black Metal und Death Metal. «In diesen Subgenres der Metalszene hat sich eine Referenztradition herausgebildet, die sich insbesondere über die Bildwelt mit Religion auseinandersetzt, manche Bands befassen sich auch in ihren Texten mit den Mythen», erklärt Lavinia Pflugfelder. Das sei ein Beispiel dafür, wie religiöse Vorstellungen und Popkultur aufeinandertreffen und miteinander interagieren. «Daraus entstehen spannende Dynamiken», findet die Religionswissenschaftlerin.
Zwischen Forschung und Freizeitvergnügen
Für diese Fachrichtung entschied sich Lavinia Pflugfelder wegen der Themenvielfalt. Ihr historisches Interesse kommt hier ebenso zum Tragen wie ihre Freude an Sprache und Geschichten. Sie besuchte zum Beispiel Lehrveranstaltungen in Ägyptologie und Sprachwissenschaft und studierte im Zweitfach Germanistik. Gedanken und Vorstellungen sowie ihre Darstellung in Literatur und anderen Medien faszinierten sie schon immer.
Auch die Freude an Musik wurde ihr gewissermassen in die Wiege gelegt. Musik gehörte in ihrem Elternhaus im bündnerischen Weindorf Malans zum Alltag. Seit ihrer Jugend hört Lavinia Pflugfelder die Band Metallica. Später kamen weitere Metal-Richtungen hinzu, und bis heute besucht sie regelmässig Konzerte. Daneben hört sie Musik diverser Stilrichtungen von Motown bis Cumbia. «Ich bin musikalisch sehr breit aufgestellt», hält sie fest.
Dass ihr Forschungsschwerpunkt und ihr Hobby so eng miteinander verknüpft sind, kommentiert sie mit «Ich habe keine klare Trennung zwischen Forschung und Privatleben.»
Aber wenn sie auf einem Konzert ist, beobachte sie das Geschehen, ohne dabei eine Forschungsfrage im Hinterkopf zu haben. «Dann lasse ich das einfach auf mich wirken und geniesse den Moment.»
Eintauchen in die Filmwelt
Genug von der Uni hat sie auch nach der Diss nicht. Sie fühlt sich wohl im akademischen Umfeld; forschen und unterrichten bereiten ihr gleichermassen Freude. Seit 2020 unterrichtet sie die Einführung in die Religionswissenschaft und berät Studierende ihres Fachbereichs. In Basel kann sie ihre Arbeit in Forschung und Lehre fortsetzen, denn sie hat weiterhin eine Assistenzstelle mit Lehrauftrag. Ausserdem ist sie als Vertreterin des Standorts Basel im Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Religionswissenschaft. Die Gesellschaft erarbeitet Werbemittel für das Fach Religionswissenschaft, betreibt Nachwuchsförderung und finanziert Publikationen und Tagungen.
Als Nächstes will sich Pflugfelder vertieft mit Filmwissenschaft und Filmanalyse auseinandersetzen und auch ihren Studierenden entsprechende Methoden vermitteln. «Es gibt vieles, das ich gerne noch genauer wissen will. Einen Schlusspunkt zu setzen ist nie das, was mich interessiert.»
Im Fokus: die Sommerserie der Universität Basel
Das Format Im Fokus rückt junge Forschende in den Mittelpunkt, die zum internationalen Renommee der Universität beitragen. Während mehrerer Wochen stellen wir Akademiker*innen aus unterschiedlichen Fachrichtungen vor, die stellvertretend für die über 3000 Doktorierenden und Postdocs der Universität Basel stehen.

