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Universität Basel

Teilnehmende Beobachterin.

Text: Christoph Dieffenbacher

Die Ethnologin Rita Kesselring forscht über die Folgen der Apartheid und den Rohstoffabbau im südlichen Afrika. Für ihre Feldstudien war sie oft allein in Townships und unwirtlichen Bergbaustädten unterwegs.

Porträt von Rita Kesselring
Rita Kesselring, Ethnologin (Bild: Universität Basel, Andreas Zimmermann)

In dem verwinkelten Altbau neben dem Museum der Kulturen ist es nicht leicht, ihr Büro zu finden. Über eine steile Holztreppe geht es durch niedere Türen und Räume, vorbei an einem grünen Kachelofen, bis man sie am Ende eines Seitengangs trifft: Rita Kesselring, eben aus dem Mutterschaftsurlaub zurück, hat sich als Ethnologin das Alltagsleben im südlichen Afrika vorgenommen. Thema ihrer Habilitationsarbeit ist eine besondere Arbeitswelt: der Kupferabbau in der Stadt Solwezi im Nordwesten Sambias, eines der ärmsten Länder überhaupt. Es ist die harte, raue Welt des Bergbaus, in der Minenarbeiter mit schweren Maschinen Kupfer und Gold aus dem Boden holen.

Leben in der Kupferstadt

«Das ist natürlich ein richtiges Männerthema », sagt die Forscherin mit einem Lachen, «und gerade deshalb fasziniert es mich wohl.» Der Bergbau im südlichen Afrika, einem der wichtigsten Rohstofflieferanten, werde in der Ethnologie seit fast einem Jahrhundert erforscht. Kesselring untersucht nun die jüngere Entwicklung dieser Industrie seit der letzten Privatisierungswelle Ende der 1990er-Jahre. So stellt sie zum Beispiel fest, dass in Sambia seitdem zahlreiche neue Minen gegraben wurden und mit neuester Technologie betrieben werden. Trotzdem werde die Umwelt in der Region nach wie vor stark belastet, und auch die Menschenrechte würden noch immer verletzt. Und: «Obwohl es heute in den Minen weniger Beschäftigte als früher braucht, ziehen noch immer Menschen vom Land in die Stadt, um hier Arbeit zu finden.»

Die Wände und der Schreibtisch ihres kleinen, eher dunkeln Büros sind voll von Plänen und Karten, welche die Besiedlung und die Infrastruktur der Stadt abbilden. Kesselring zeigt zum Beispiel, dass die Weissen, meist Bergbaumanager, in eingezäunten Häusern leben, die Schwarzen dagegen in Lehmhütten mit schlechter Wasserversorgung und verschmutzter Luft. Sprengungen lösen täglich Bodenerschütterungen aus. «Die städtebaulichen Strukturen, die nach dem letzten Rohstoffboom entstanden sind, ähneln jenen der segregierten Städte der Apartheidzeit in Südafrika», sagt die Ethnologin. Neben dem Alltag geht sie vor allem den einzelnen Stationen der Wertschöpfung des Kupfers nach – vom Abbau in den Minen über den Transport und den Handel bis zum Kunden.

Sie reiste immer wieder in die Stadt, lebte insgesamt 14 Monate in den Siedlungen, besuchte Minen unter und über Tage und unterhielt sich mit den dort lebenden und arbeitenden Menschen. Dies konnte sie so lange, bis das Bergbaumanagement den Kontakt zu ihr abrupt gestoppt habe: «Als ich begann, Fragen über die Geschäftsbeziehungen zur Schweiz zu stellen, war plötzlich Schluss mit den Gesprächen.» Über solche wirtschaftliche Verbindungen wollte man lieber Stillschweigen bewahren, das Interesse der Ethnologin war nicht mehr erwünscht – was sie aber nicht davon abschreckte, den Motiven und Hintergründen des Rückzugs nachzugehen: «Auch das sind Forschungsdaten.»

Die Schweiz gilt als weltweit wichtigster Handelspatz für Rohstoffe aus dem südlichen Afrika, das meiste Metall wird denn auch hier gehandelt. «Über die Beteiligung der Schweiz am internationalen Rohstoffgeschäft ist noch viel zu wenig bekannt», sagt Kesselring. Dieses Feld sei hierzulande kaum reguliert, auch wenn es inzwischen Vorschläge dazu gibt. So gesehen, habe ihre Arbeit über die Kupferstadt in Sambia ganz klar eine politische Komponente. Sie engagiert sich denn auch in globalisierungskritischen Organisationen – eher kleineren, weil sie hier die Diskussionen und den Austausch ergiebiger findet als in grossen.

«Forschung verpflichtet»

Für ein früheres Forschungsprojekt lebte sie insgesamt zwei Jahre lang in Kapstadt, wo sie täglich schwarze Menschen in armen Wohnsiedlungen besuchte und befragte. Sie wollte von ihnen etwa wissen, wie sie die Zeit der Apartheid erlebt hatten und was davon noch nachwirkte. Wie ging die Bevölkerung mit den physischen und psychischen Verletzungen um, mit dem schmerzhaften Verlust von Angehörigen? Bei den Betroffenen seien tiefe Traumata zurückgeblieben, sagt die Forscherin. Nahe dran zu sein am Alltagsleben einer Personengruppe – in der Ethnologie hat sich diese Methode als «teilnehmende Beobachtung» etabliert. «Damit konnte ich mehr erfahren, als wenn ich die Leute einfach abgefragt hätte», sagt Kesselring. «Das Problem war eher, dass bei vielen die Vergangenheit wieder hochkam, was auch mich selbst manchmal emotional belastet hat.»

Erkenntnisse zu gewinnen, Resultate zu veröffentlichen und wissenschaftliche Theorien zu entwickeln ist für die Forscherin wichtig. Anders als im Journalismus habe sie als Wissenschaftlerin den Vorteil, lange an einem Thema bleiben und genau hinschauen zu können, den Blick etwa auf die «alltäglichen Ungleichheiten» zu richten, wie sie sagt. Ihr sei dabei bewusst, dass sie den Menschen, über die sie forscht, viel zu verdanken habe. Und: «Für mich bedeutet Forschung auch eine Verpflichtung, zum Beispiel sich zu fragen, was der Gegenstand meiner Untersuchung mit meiner eigenen Welt zu tun hat.»

Yoga auf dem Golfplatz

Als junge Frau an die Menschen heranzukommen, sei leicht gewesen, erinnert sich die Ethnologin an ihren Aufenthalt im südlichen Afrika. War das Unterwegssein in unbekannten Gegenden als allein reisende Frau gefährlich? «Eigentlich nicht, obwohl es auch schwierige Situationen gab. So wurde mir in Südafrika abgeraten, als Weisse in den schwarzen Quartieren zu wohnen. Dafür erhielt ich oft auch Schutz und Hilfe von meinen Gesprächspartnerinnen, etwa von Grossmüttern, die ihre Enkel hüteten.» Für einen Ernstfall habe sie zur Selbstverteidigung jeweils Kampfsportarten trainiert. Und als sie auf dem umzäunten Golfplatz von Solwezi Yogaübungen gemacht habe, sei sie ins Gespräch mit Managern der Bergbaufirma gekommen, mit denen sie erste Interviews führen konnte.

Mit Joggen und Wandern betreibt Kesselring noch immer etwas Sport, wenn sie dazu Zeit findet. Schon nach der Matur bewegte sie sich viel und wollte zuerst eigentlich Sport studieren, doch ein Unfall durchkreuzte diese Pläne. Eine längere Reise nach Simbabwe habe dann ihr Interesse an der Ethnologie geweckt: «Zuerst verstand ich vieles vom dortigen Alltagsleben überhaupt nicht. Mir kam das meiste fremd vor.» Diese Erfahrung war quasi ihr Einstieg in ihr Studienfach. Nun freut sie sich auf die nächsten Forschungsreisen, die sie mit Mann und Kleinkind unternehmen wird. 

Rita Kesselring geboren 1981 und aufgewachsen in Frauenfeld TG, ist Postdoktorandin, Assistentin und Lehrbeauftragte am Fachbereich Ethnologie der Universität Basel. Nach ihrem Studium in Sozialanthropologie, Anglistik und Völkerrecht in Zürich und Kapstadt wurde sie 2013 in Basel promoviert. Sie forschte zunächst über die Apartheidopfer und ihre Forderungen nach Wiedergutmachung. Derzeit untersucht sie den Rohstoffabbau und -handel im südlichen Afrika und der Schweiz. Kesselring war Gastforscherin an der University of Connecticut und an der Princeton University. Längere Feldstudien führten sie nach Südafrika und Sambia. Sie lebt in Grenzach-Wyhlen (D), ist mit einem Ethnologen verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter.

Weitere Artikel in der aktuellen Ausgabe von UNI NOVA.

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