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Universität Basel

Das Tier über sein Aussehen verstehen

Interview: Urs Hafner

Als Philosoph, der sich mit Tieren beschäftigt, stösst Markus Wild ausserhalb der Universität oft auf Resonanz. Er glaubt, dass die Philosophie dazu beiträgt, dass die Menschen ein besseres Verständnis der Tiere gewinnen. Dies lasse sich weltweit beobachten.

«Den einen entscheidenden Unterschied, der die Menschen von allen Tieren abheben würde, zum Beispiel die Rationalität, gibt es nicht.» Markus Wild
«Den einen entscheidenden Unterschied, der die Menschen von allen Tieren abheben würde, zum Beispiel die Rationalität, gibt es nicht.» Markus Wild © Foto: Basile Bornand

URS HAFNER: Herr Wild, für den Biologen ist der Mensch ein Tier unter anderen Tieren, die Soziologin dagegen sieht einige Unterschiede zwischen Mensch und Tier, zum Beispiel Sprache, Staatlichkeit oder Gesetzgebung. Was sagt der Philosoph?

MARKUS WILD: Ich teile die Perspektive der Biologie: Der Mensch lässt sich wie alle anderen Tiere evolutionsbiologisch erklären. Wie diese hat auch er besondere Eigenschaften ausgebildet, die nur er besitzt. Er zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass er dank seiner komplexen Kommunikation, seinen sozialen Fähigkeiten und der tiefgreifenden Gestaltung der Umwelt eine hohe Feedbackstruktur entwickelt hat und sich deshalb stark verändern kann. So ist er zu seiner besonderen Stellung gekommen. Doch den einen entscheidenden Unterschied, der die Menschen von allen Tieren abheben würde, zum Beispiel die Rationalität, gibt es nicht.

HAFNER: Der Mensch als Tier und nicht als Krone der Schöpfung: Ist das ein Bruch mit der philosophischen Tradition?

WILD: Nein. Spinoza, David Hume und Friedrich Nietzsche betonten, man mache einen zu grossen Unterschied zwischen Mensch und Tier. Spinoza sagt, der Mensch bilde in der Natur keinen eigenen Staat im Staat. Für Nietzsche sind alle Lebewesen Bündel organisierter Triebe. Der Mensch unterscheidet sich dadurch, dass es nur ihm gelingt, einen Trieb über alle anderen zu stellen, beim Wissenschaftler zum Beispiel sind das die Neugier und der Wille zur Wahrheit, wie Nietzsche gesagt hat.

HAFNER: Nicht nur die Philosophie ebnet die Unterschiede zwischen Mensch und Tier ein. Veganer und Tierrechtler plädieren für die moralische und rechtliche Gleichstellung der Tiere. Und Wölfe und Bären, die man bis vor Kurzem ausrotten wollte, geniessen nun staatlichen Schutz. Steht der Westen vor einem Paradigmenwechsel?

WILD: Es ist schwierig, ein Prophet zu sein, aber ich glaube ja. Auf dem ganzen Globus sind derartige Prozesse zu beobachten. In mehreren Ländern haben Menschenaffen Personenrechte erhalten. Ein argentinisches Gericht hat die Haltung eines Orang-Utans im Zoo als Freiheitsentzug taxiert. Der Einsatz für die Tierethik nimmt eine politische Wende. Das kann man auch in der Schweiz beobachten: Vegetarier und Veganer machen zwar nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung aus, aber ihre Bewegung hat eine grosse intellektuelle Kraft. All diese Prozesse sind für die Philosophie, wie ich sie betreibe, ein Erfolg. Ich glaube, es gibt im 20. Jahrhundert ausser dem Marxismus kaum eine philosophische Strömung, die sich in der Gesellschaft so stark verbreitet hat. Das merke ich, wenn ich mit Gymnasiasten diskutiere: Sie stecken mitten drin in den philosophischen Fragen.

HAFNER: Man redet über die Ethik der Tiere, während man sich dazu ein Angus- Filet munden lässt. Noch nie ist so intensiv über die Rechte der Tiere debattiert und sind gleichzeitig so viele Tiere getötet worden. Ist die Hinwendung zu den Tieren eine Kompensationshandlung?

WILD: Man muss unterscheiden zwischen Tierschutz und Tierrecht. Der Tierschutz verbessert zum Beispiel die Haltungsbedingungen der Hühner, was begrüssenswert ist. Aber der Tierschutz hat auch zu einer Systemstabilisierung beigetragen: Er hat keine grundsätzliche Verhaltensänderung herbeigeführt. Das Tierrecht stellt dagegen die Frage, ob wir überhaupt Hühner halten und Schweine töten sollen, um sie zu essen. Ich glaube nicht, dass die Tierethik ein Feigenblatt ist, sondern eine Reaktion auf unseren Umgang mit Tieren.

HAFNER: An der Universität Basel hat um die Mitte des 20. Jahrhunderts der in Vergessenheit geratene Biologe und Philosoph Adolf Portmann gewirkt. Ist er wichtig für Ihre Arbeit?

WILD: Sehr! Portmann hat eine originelle Verbindung von Naturwissenschaft und Philosophie angestrebt, die leider wenig rezipiert worden ist, ausser von der mir nicht sehr nahestehenden Anthroposophie und der Anthropologie. Dabei hat er die Perspektive der Biologie erweitert, die sich traditionell entweder mit der Selbsterhaltung oder der Arterhaltung der Tiere beschäftigt. Er hat sich für die, wie er es nannte, Selbstdarstellung der Tiere interessiert. Bei Meerschnecken hat er zum Beispiel beobachtet, dass sie einen grossen Farbenreichtum aufweisen, obschon dieser evolutionsbiologisch keine Funktion hat, weder für die Artgenossen noch für die Feinde, und im Dunkel des Meeres nicht einmal zu sehen ist. Daraus hat Portmann geschlossen, dass das Aussehen der Tiere quasi einen Überschuss bildet, der mindestens so grundlegend wie die Selbsterhaltung ist – und der von der Wissenschaft beachtet werden muss.

HAFNER: Und welcher Schluss ist aus diesem Überschuss zu ziehen?

WILD: Dass sich unser Verständnis des Tiers nicht in seiner Selbst- und Arterhaltung erschöpfen sollte. Wenn man auf das Aussehen und die Gestalt von Tieren achtet, kann man Hypothesen über ihre Entwicklung gewinnen, die wir noch nicht kennen. Solange die Naturwissenschaft diesen Überschuss ausser Acht lässt, erfasst sie nicht das ganze Tier. Dieser Ansatz lässt sich ausweiten beispielsweise auf das Schmerzempfinden der Tiere – Portmann sprach von Innerlichkeit. Viele Neurobiologen sagen: Schmerzen sind subjektiv, darauf haben wir wissenschaftlich keinen Zugriff, darüber können wir nichts aussagen. Mit Portmann kann man dagegen sagen: Wenn die Neurobiologie die Innerlichkeit nicht erfassen kann, hat sie nur eine beschränkte Perspektive auf das Tier. Es gibt komplexe Formen der Innerlichkeit bei Tieren. Neue Untersuchungen weisen darauf hin, dass Menschenaffen bei ihrer Kommunikation Absichten mitteilen. In meinem Team fragen wir uns zusammen mit Verhaltensforschern, wie man einen Begriff für die intentionale Kommunikation nichtmenschlicher Wesen entwickeln könnte.

HAFNER: Mit Portmann liesse sich also die Naturwissenschaft bereichern?

WILD: Die Möglichkeit besteht, ja. Portmann ist auch eine Herausforderung für meinen Ansatz, den philosophischen Naturalismus, weil er die rein evolutionsbiologische Erklärung der Lebewesen infrage stellt. Deshalb ist es mir wichtig, dass Portmanns Nachlass in einer digitalen, multimedialen Edition zugänglich gemacht wird. Portmann hat mit Bildern gearbeitet und Radiointerviews gemacht. Ich möchte übrigens auch das philosophische Werk des ersten Basler Lehrstuhlinhabers für Philosophie, Ignaz Paul Vitalis Troxler, edieren, der sozusagen als Vater der Bundesverfassung gilt. Allerdings wurde er nach nur einem Jahr abgesetzt, weil man ihn der Sympathien mit dem sich abspaltenden Baselland verdächtigte. Portmann und Troxler: Die Tradition der Philosophie in Basel ist verschüttet. Das möchte ich ändern.

Markus Wild ist Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Basel. Zu seinem Arbeitsgebiet zählt die Tierphilosophie, also zum Beispiel die Frage danach, ob Tiere denken können oder wie sie Schmerz empfinden. Seine «Tierphilosophie zur Einführung» (Junius-Verlag) liegt bereits in dritter Auflage vor. Wild ist Mitglied der Eidgenössischen Kommission für die Gentechnik im Ausserhumanbereich.

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