Digitale Hilfestellung bei der Notfallverhütung
Pille vergessen oder Kondom gerissen? Für solche Fälle gibt es die «Pille danach». Ein Tool, das aus einem Forschungsprojekt an der Universität Basel hervorgegangen ist, soll beratenden Apotheken und Kundinnen ein möglichst angenehmes Gespräch ermöglichen und dabei helfen, die bestmögliche Entscheidung zu treffen.
18. August 2026 | Noëmi Kern
Wenn eine Frau befürchtet, ungewollt schwanger zu werden, erhält sie in der Schweiz ohne Rezept die «Pille danach» in Apotheken. Vor der Abgabe findet ein Beratungsgespräch mit einer Fachperson statt. Dort erfährt die Kundin etwa, wie sie weiterhin verhüten soll. Ausserdem erhält sie Informationen zu Beratungsangeboten, falls sie weitere Unterstützung braucht, beispielsweise weil sie eine Gewalterfahrung gemacht hat.
«Ein gutes Gespräch ist in einer solch angespannten Situation wichtig», sagt Esther Spinatsch. Die Pharmazeutin forscht und lehrt an der Universität Basel und arbeitet regelmässig in einer Basler Apotheke. Dort kommt sie direkt mit Frauen in Kontakt, die nach einer Notfallverhütung fragen. «Viele Frauen sind froh über die Informationen, die sie im Gespräch erhalten haben.»
Weniger Unbehagen dank Selbsterfassung
Damit die Apothekerin oder der Apotheker die Situation einschätzen und bestmöglich beraten können, brauchen sie zunächst Antworten auf Fragen wie: Wann fand der ungeschützte Geschlechtsverkehr statt? Wie lange liegt die letzte Monatsblutung zurück? Bisher musste dazu vor Ort in der Apotheke ein Fragebogen auf Papier ausgefüllt werden. «Solche sehr persönlichen Fragen im Beisein anderer zu beantworten kann für die Betroffenen jedoch unangenehm sein», sagt Esther Spinatsch.
Um Abhilfe zu schaffen, hat sie kürzlich die Web-Applikation eviflow lanciert, mit der Frauen alle nötigen Angaben vorgängig selbst digital erfassen können, ohne dass sie Personendaten angeben müssen. Wann und mit welcher Apotheke sie ihre Antworten teilen, entscheiden die Frauen selbst. Für die Apothekerin oder den Apotheker sind die Angaben eine Grundlage für das anschliessende Beratungsgespräch.
Zudem können die Frauen bei eviflow im Vorfeld wählen, zu welchen Themen sie eine vertiefte Beratung wünschen, etwa zum Vergleich unterschiedlicher Verhütungsmethoden oder zum Wirkmechanismus der Notfallverhütung. Das soll Diskretion und Privatsphäre erhöhen und gleichzeitig dafür sorgen, dass wichtige medizinische Fragen systematisch ins Gespräch einfliessen können.
Persönlicher Kontakt bleibt zentral
Auf dem Weg vom Forschungsprojekt zum heutigen Angebot wurde Esther Spinatsch vom Innovation Office der Universität Basel begleitet. Dieses unterstützte sie auch bei der Gründung von Qualitheke GmbH als Spin-off der Universität, die eviflow heute anbietet und weiterentwickelt. Die bei der Nutzung von eviflow gewonnenen anonymen Daten sollen in Zukunft auch für weitere Forschungsprojekte verwendet werden.
«Ziel ist nicht, die persönliche Beratung zu ersetzen», betont Esther Spinatsch. Vielmehr soll das digitale Tool dabei unterstützen, ein gutes Gespräch zu führen und dessen Vertraulichkeit und Qualität zu stärken. Der Nutzen liegt im Zusammenspiel von Digitalisierung und persönlicher Beratung: Weil die wichtigen Fragen bereits vor dem Gespräch digital beantwortet werden, bleibt mehr Zeit, um im Gespräch auf die Person einzugehen.
Durch die strukturierten Abläufe soll eviflow auch für die Beratenden eine Unterstützung sein und ihnen fachliche Sicherheit geben. «Vor allem kleinere Apotheken kommen seltener in die Situation, dass sie eine Kundin zur Notfallverhütung beraten müssen», weiss Esther Spinatsch. Aufgrund der erfassten Angaben unterstützt eviflow die Fachperson mit evidenzbasierten Informationen bei der Beratung und Entscheidungsfindung. Es zeigt, worauf bei der Wahl der Notfallverhütung zu achten ist und welche Vorsichtsmassnahmen in der jeweiligen Situation nötig sind. Die fachliche Beurteilung bleibt jedoch immer bei der beratenden Person.
Erweiterung geplant
eviflow ist derzeit in vier Sprachen verfügbar: Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch. Weitere sollen hinzukommen, zum Beispiel Spanisch und Russisch. Zudem sind weitere Anwendungsfälle geplant: Als Nächstes soll ab Herbst 2026 die digitale Selbsterfassung von Angaben vor einer Grippeimpfung möglich sein. Später soll eviflow auch für Präventions-Checks und weitere Anliegen, etwa bei erektiler Dysfunktion, zum Einsatz kommen.