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campus stories
06. Februar 2026 / Sprachen, Medien & Kunst , Céline Emch

Studierende verleihen den Choix Goncourt

Person hält ein aufgeschlagenes Buch, von hinten fotografiert, mit sichtbar gedrucktem Text auf beiden Seiten bei natürlichem Licht.
Eine studentische Jury wählt aus 15 vorausgewählten Romanen den Preisträger des Choix Goncourt de la Suisse. (Foto: Universität Basel, Serah Saner)

Zeit für gute Bücher? Im Studienalltag ist das oft ein Luxus. Im Kolloquium «Choix Goncourt de la Suisse» steht genau das im Mittelpunkt: Studierende lesen neu erschienene Romane, diskutieren darüber und küren anschliessend einen Gewinner.

Ein rotes Choix-Goncourt-Banner auf einem Buchcover zieht in der Buchhandlung Aufmerksamkeit auf sich. Oft ist es weniger der Preis selbst als das Signal dahinter, das Leser*innen zugreifen lässt. Für einige Studierende aus der ganzen Schweiz ist dieser Blick ins Regal jedoch mit einem besonderen Gefühl verbunden: Stolz. Denn das Banner steht für eine Entscheidung, an der sie selbst beteiligt waren – als Mitglieder der studentischen Jury des Choix Goncourt de la Suisse.

Basel liest mit

Auch die Universität Basel ist Teil dieses schweizweiten Projekts. In jedem Herbstsemester können Studierende im Rahmen des Kolloquiums Choix Goncourt de la Suisse an diesem Entscheidungsprozess teilhaben und vom ersten Lesen, über Entscheidungsfällung bis zur Preisverleihung mit dabei sein.

Im vergangenen Semester gehörte Mai Spörri zur Basler Gruppe, Masterstudentin der Literaturwissenschaft in Englisch und Französisch. Als Mitglied der Fachgruppe Französistik, die den Choix Goncourt gemeinsam mit Dr. Isabelle Chariatte organisiert, nahm sie erstmals selbst an der Wahl teil. «Gegen Ende des Masterstudiums werden die Pflichtveranstaltungen weniger und der Austausch mit anderen Studierenden fehlt. Da kam mir dieser Kurs gerade recht», erzählt sie.

Vom Lesestapel zur Shortlist

Jedes Jahr reichen Verlage hunderte von Romanen für den renommierten Prix Goncourt in Frankreich ein. Eine französische Jury aus Schriftsteller*innen und Literaturkritiker*innen der Académie Goncourt trifft daraus eine erste Vorauswahl von 15 Werken. Diese offizielle Auswahl bildet nicht nur die Grundlage für den weiteren Auswahlprozess des Prix Goncourt selbst, sondern dient gleichzeitig als Ausgangspunkt für den assoziierten Studierendenpreis Choix Goncourt in der Schweiz.

In Basel werden diese 15 Bücher zu Beginn des Kolloquiums so aufgeteilt, dass jedes Buch mindestens zweimal gelesen wird. Bewertet wird nicht akademisch, sondern persönlich: Stil, Handlung, Originalität und vor allem das subjektive Lesegefühl stehen im Fokus. «Man liest ohne Notizen und ohne Druck», sagt Mai. «Und wenn der Funke nicht überspringt, darf man ein Buch auch abbrechen und entsprechend bewerten.»

In einer ersten Diskussionsrunde entscheidet die Gruppe, welche Titel Basel vertreten werden. Dann wird es ernst: Als auserwählte Delegierte reisen Mai Spörri und Aurianne Kohler nach Lausanne, wo sie mit Studierenden aus der ganzen Schweiz diskutieren. «Man merkt schnell, wie unterschiedlich Bücher gelesen werden je nach Studienfach oder Sprachregion», erzählt Mai.

Aus diesen Debatten entsteht eine nationale Shortlist mit vier Titeln, welche in die engere Auswahl kommen: La nuit au cœur von Nathacha Appanah, La collision von Paul Gasnier, Passagères de nuit von Yanick Lahens und Un frère von David Thomas. Zurück in Basel wird erneut diskutiert, bevor in Zürich die letzte Entscheidung fällt. Die Preisverleihung folgt schliesslich in Bern in der Résidence de France mit Apéro, festlicher Atmosphäre und Einladung der Académie Goncourt. «Das war mein absolutes Highlight», sagt Mai.

Junge Frau sitzt in einem Sessel in einer Bibliothek und liest ein Buch, umgeben von Bücherregalen und beleuchtet durch Tageslicht aus einem grossen Fenster.
Masterstudentin Mai Spörri empfand den Austausch mit anderen lesebegeisterten Studierenden als besonders bereichernd – sowohl in der Basler Gruppe als auch beim Treffen mit den Delegationen der anderen Schweizer Universitäten in Lausanne. (Foto: Universität Basel, Serah Saner)

Und der Choix Goncourt geht an …

La nuit au cœur von Nathacha Appanah. Der Roman erzählt von Gewalt an drei Frauen: von der Autorin selbst, die knapp einem Femizid entkommen ist, und von zwei Frauen, denen dies nicht gelungen ist. Appanah legt ihre Geschichte offen dar und verbindet Information mit grosser erzählerischer Kraft. «Das Buch ist extrem ehrlich und hallt lange nach – thematisch wie emotional», sagt Mai.

Jetzt im Nachhinein erfüllt es die Studentin mit besonderem Stolz, wenn sie das Buch mit dem Banner «Choix Goncourt» auf dem Cover in einer Buchhandlung sieht. «Das Buch in der Hand zu halten und zu wissen, dass man mitentschieden hat, ist etwas ganz Besonderes», so Mai.

Mehr als ein Kreditpunkt

Als Delegierte meldete sich Mai freiwillig, aber mit einer Portion Skepsis. Rückblickend ist sie von dieser Entscheidung mehr als überzeugt. «Ich würde es allen empfehlen, sich für diese Rolle zu melden, denn die Ausflüge zu den anderen Universitäten sind nur den Delegierten gedacht und gehören mit Abstand zum besten Teil des Kurses», sagt sie. Besonders wertvoll war für sie dort der direkte Austausch mit Studierenden anderer Hochschulen, der bewusst ohne Beteiligung von Dozierenden stattfindet.

Auch organisatorisch wird den Teilnehmenden vieles abgenommen: Die Bücher stehen frei zur Verfügung, die ÖV-Kosten werden übernommen und während der Delegiertentreffen ist für Verpflegung gesorgt.

Wo ist also der Haken? Auf viele wirkt die Kurssprache Französisch zunächst abschreckend. Gerade darin sieht Mai jedoch einen grossen Vorteil: «Es ist eine tolle Gelegenheit, die eigenen Französischkenntnisse in entspannter Atmosphäre aufzufrischen.» Mit gute, Schulfranzösisch kommt man zurecht. Wichtig ist, dass man die Bücher lesen und seine Meinung dazu äussern kann. Und auch für Lesemuffel hat sie einen Tipp parat: Hörbücher. «Gerade das Gewinnerbuch wird sogar von der Autorin selbst gelesen», schwärmt Mai. Also: pourquoi pas?

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