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Universität Basel

Kontrollierter Kontrollverlust.

Text: Alexander Fischer

Das Erzählen ist im gesellschaftlichen Diskurs weiterhin notwendig – auch in Zeiten von «Fake News», Verschwörungstheorien und erfundenen Reportagen.

Dr. Alexander Fischer. (Illustration: Studio Nippoldt)
Dr. Alexander Fischer. (Illustration: Studio Nippoldt)

For it is clear enough that under certain conditions men respond as powerful to fictions as they do to realities», schrieb der US-amerikanische Journalist Walter Lippmann in den 1920er-Jahren in seinem Werk «Public Opinion». Er sprach damit in neutralen Worten etwas aus, was vielleicht nicht ganz neu, aber immer gefürchtet war. Zugespitzt formuliert: dass wir mit Fiktionen, wenn sie nur gut genug erzählt sind, die Leute an der Nase herumführen können – denn diese nehmen die Fiktionen mitunter einfach als Fakten. Im Lichte totalitärer Regimes im 20. Jahrhundert wurde diese Furcht berechtigterweise konkreter. Viele Seiten betonten daher den Versuch, zumindest den gesellschaftlich-politischen Diskurs faktisch, rational und möglichst erzählfrei zu halten (was zum Beispiel nicht für die Werbeindustrie galt). Ganz konkret wurde Lippmanns Annahme vor Kurzem erneut schmerzhaft in unser Bewusstsein gerufen, als der Skandal um den «Spiegel»-Reporter Claas Relotius heftige Wellen über die journalistische Landschaft rollen liess.

Was war passiert? Relotius wurde mit seinen gut erzählten Reportagen zum Publikums- und Juryliebling. Doch hatte er vielfach Erfundenes in seine Reportagen hineinfabuliert, die gesellschaftliche Problemstellungen thematisierten. Dabei täuschte er also Leser, Kolleginnen und Auszeichner. Der Journalist hat aber nicht nur schlicht mit falschen Inhalten getäuscht, sondern auch manipuliert: Er wusste die affektive Klaviatur der Leserschaft zu nutzen, bot emotionale Szenarien, schwarz-weisse Konturen und einfache Lösungen – Strategien, die auch Grund für Sorge im Anblick des veränderten gesellschaftlichen Diskurses in den westlichen Ländern sind.

Der Fall geht so bis an die Grundfesten öffentlicher Kommunikation: In einer Zeit, in der «Lügenpresse»-Rufe salonfähig sind, Trump und Co. die ihnen kritisch gegenüberstehende Presse als «Fake News» brandmarken, das Konzept von Wahrheit unterhöhlt wird und Verschwörungstheorien als Weltreligion des dritten Jahrtausends gelten, schlägt der Fall Relotius tiefe Kerben. So geriet er zum Geschenk für jene, die daran interessiert sind, den gesellschaftlichen Diskurs ins Irrationale zu stossen, dem Rationalen abzuschwören und immer gerade passende «Wahrheiten» zu fabulieren, um diese sowie sich und/oder die eigene Gruppe voranzubringen – und dafür die arrivierten Medien, die eine grosse Rolle in unserer Realitätskonstruktion spielen, brennen sehen wollen.

Relotius’ Medium zur Täuschung und Manipulation war die Reportage, die – oft diskutiert – schillernd am Rande von Journalismus und Literatur beheimatet ist. Genauer: die Erzählung, die hier viel mehr fiktional als faktisch daherkam. Zwar wurde der Fall Relotius mit einem bemerkenswerten Furor besprochen. Genauer zu betrachten, welche Rolle die Form der Erzählung hier spielt, blieb aber fast aus – obwohl dieser Blickwinkel gewinnbringend sein kann.

Mit Erzählungen modellierte der Journalist eindrückliche Realitäten, die es so nie gab, die aber ihren Weg in die Köpfe der Leserschaft fanden. Erzählungen schaffen Welten und erwischen uns dazu oft jenseits unserer Rationalität. Das birgt die Gefahr eines Kontrollverlusts. Mitunter wollen wir das Erzählte einfach glauben, und gerade gelungene Erzählungen legen uns das quasi nahe. Sollten wir sie deshalb im gesellschaftlichen Diskurs, in dem der Journalismus ein elementares Organ ist, verabschieden? Hier möchte ich eine These vorbringen, die angesichts der aktuellen Lage kontraintuitiv erscheinen mag: Auch wenn nichtrationale Elemente von Rationalitätsverfechtern in langer Tradition aus dem gesellschaftlichen Diskurs am liebsten verbannt würden, brauchen wir Erzählungen – gerade hier und heute.

Inzwischen ist es ein Allgemeinplatz, dass Menschen erzählende Wesen sind. Die Umgebung, in der sich diese Wesen orientieren, ist voller Erzählungen. Sie dieser zu entleeren und einen rationalen, «nackten Raum einzelner Sätze oder gar Normen», wie es der deutsche Politikwissenschaftler Rainer Forst nennt, zu schaffen, würde aber die Realität und auch unsere grundsätzliche menschliche Kondition verfehlen. Wie wichtig das Erzählen als elementarer Modus des Menschlichen ist, wurde oft besprochen. Die Funktionsweise von Erzählungen zu verstehen und zu differenzieren, wie und wo sie Raum greifen dürfen, ist vor diesem und unserem heutigen Hintergrund weiter drängend. Zuallererst sind Erzählungen ein Modus, um Überforderung zu verhindern, denn das menschliche Hirn speichert nicht einfach all die rohen Daten, die auf uns einfliegen, sondern komprimiert und kombiniert sie – zu Erzählungen.

Wir geben Ereignissen und Personen einen Platz in einer Erzählstruktur, die sich prozesshaft von A nach B bewegt, lassen Dinge weg oder ordnen sie neu an und suggerieren so, dass das alles einen Sinn ergibt. Im Akt des Erzählens produzieren wir also Sinn. Erzählungen unterscheiden sich bei dieser Produktion von Sinn wesentlich von rationalen Argumenten. Idealtypisch gegenübergestellt: Statt überparteilich zu sein, lassen sie Partikularität zu; statt präzise Aussagen zu machen, zeigen sie uns prägnant etwas und setzen dabei auf die Angemessenheit der Darstellung eines Gegenstands (wie eine Emotion zum Beispiel); statt also ganz rational zu sein, holen sie unsere Affekte mit herein.

Der Journalismus gibt nun zumindest vor, dass er sich auf der Seite der Rationalität wähnt und diese als Arbeitsgrundlage hat. Gerade in der Reportage aber wird dies abgelöst durch den Erzählcharakter – denn dieser betont das Subjekt, dessen Wahrnehmung, Gefühle und Gedanken. Relotius reizte das bis ins Letzte aus. Nun ist sein Vorgehen nicht deswegen problematisch, weil er erzählte, sondern weil er täuschte, die Unwahrheit erzählte. Der Ruf nach kompletter Erzählfreiheit aber ist überstürzt. Nur durch die Erzählung können wir uns ganzheitlich vergegenwärtigen, wie es wohl sein mag im syrischen Bürgerkrieg, wie es Flüchtlingen im Mittelmeer oder Obdachlosen in Berlin gehen könnte. Doch muss das Erzählen im Journalismus, speziell in der Reportage, bewusster praktiziert werden: Das Ich muss in der Erzählung laufend mitreflektiert, die eigene Erzählposition, der subjektive Blick und das persönliche Empfinden müssen in ein Verhältnis zum Erzählten gesetzt werden. Dies gilt auch für den gesellschaftlichen Diskurs, in dem es zu vermitteln gilt, was im Hier und Jetzt schiefgeht, wie unsere Zukunft aussehen soll und warum wir bestimmte Personen unterstützen sollen. Denn Erzählungen bewegen uns, erwischen uns auch abseits des Rationalen. Das gilt es zu berücksichtigen und zu nutzen – aber immer vor dem Hintergrund des Belegbaren.


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