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Universität Basel

Israelische Araber als Brückenbauer.

Text: Alfred Bodenheimer

Teilhabe statt Abgrenzung: Die arabischen Bürger Israels könnten die Rolle als erfolgreicher Vermittler einnehmen.

Prof. Dr. Alfred Bodenheimer. (Illustration: Studio Nippoldt)
Prof. Dr. Alfred Bodenheimer. (Illustration: Studio Nippoldt)

Als Ende des letzten Jahres durch die Medien ging, der FC Liverpool erwäge, sich durch den israelischen Nationalspieler Munas Dabbur zu verstärken, nahmen dies zunächst fast nur Fussballinteressierte zur Kenntnis. Doch nur wenige Tage darauf erhielt die Geschichte eine politische Dimension: Mohammed Salah, ägyptischer Weltstar und Stürmer bei Liverpool, habe – so wurde kolportiert – angekündigt, er werde den Club verlassen, falls Dabbur verpflichtet würde. Auch 30 Jahre nach dem Friedensschluss zwischen Ägypten und Israel schien bei Salah die grundsätzliche Ablehnung Israels immer noch so stark zu sein, dass er sich offenbar weigerte, mit einem Israeli in einem Team zu spielen, ungeachtet der Tatsache, dass Dabbur (wie Salah selbst) Araber und Muslim ist.

Missachtete «Kollaboration»

Wenige Tage darauf erschien in einer arabischsprachigen Zeitung in London ein offener Brief des ebenfalls arabischen Jerusalemer Anwalts Jawad Bulus an Salah, den die israelische Zeitung «Haaretz» in gekürzter Form auch auf Hebräisch und Englisch publizierte. Aus der Sicht Bulus’, der vor israelischen Gerichten und in der Öffentlichkeit für die Rechte von Palästinensern kämpft, hätte Salah nicht so reagiert, wenn er mehr über Schicksal und Rolle der bei der Staatsgründung 1948 in Israel verbliebenen Araber gewusst hätte. Ihre Anwesenheit im Land hätte den Plan der Israelis vereitelt, «die Heimat vollständig von ihren eingeborenen arabischen Bewohnern zu leeren». Deshalb sei die in arabischen Staaten weitverbreitete Missachtung ihrer «Kollaboration » mit der zionistischen Regierung noch bitterer als die durch Israel auferlegte Belagerung.

Überdies, so Bulus, sei gerade Ägypten immer ein fester Halt für die israelischen Araber gewesen. Der Radiosender «Arabische Stimme» aus Kairo habe in schweren Stunden Unterstützung geboten und an einen zukünftigen Sieg glauben lassen – regelrecht hingeschmolzen sei seine Generation am Radio bei der Stimme von Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser (der 1967 angekündigt hatte, die Juden ins Meer zu treiben).

«Alle sind gleich»

Es ist zu vermuten, dass der aus Nazareth stammende Dabbur diesem offenen Brief kaum mehr zugestimmt hätte als der ausgrenzenden Reaktion Salahs. In einem Interview, das er im August 2018 dem israelischen Medienportal «Ynet» gab, distanzierte er sich explizit von einer Grenzziehung zwischen den Ethnien. Angesprochen auf das kurz zuvor verabschiedete «Nationalitätengesetz», das unter anderem das Arabische von einer Amtssprache Israels zu einer «besonderen Sprache» zurückstuft, sagte er: «Ich beschäftige mich nicht mit Politik. Von mir aus gesehen sind alle gleich, aber zu meinem Bedauern haben Leute beschlossen, Menschen in Israel voneinander zu unterscheiden. Alle sollen eins sein, und zu meinem Bedauern geschieht dies in unserem Land nicht. Ich bin sicher, dass das Nationalitätengesetz nicht in unsere Nationalelf gelangt ist und gelangen wird. Bei uns gibt es kein Nationalitätengesetz, alle sind gleich und mögen einander.»

Die Realität der arabischen Bevölkerung in Israel, die 21 Prozent der gut 8 Millionen Einwohner ausmacht, liegt irgendwo zwischen dem kämpferischen Opferdiskurs von Bulus und der harmonisierenden Darstellung des Nationalteams durch Dabbur.

Klar ist, dass die Araber mit nur 8 Prozent Anteil am Bruttosozialprodukt des Landes wirtschaftlich weiterhin unterprivilegiert sind. Doch zugleich lassen einige Meldungen und Statistiken aus dem Bildungsbereich aufhorchen. So etwa in den immer noch weitestgehend nach religiöser Observanz und Zugehörigkeit segregierten Schulen.

Araber als Wirtschaftspotenzial

Unter den zehn Gymnasien mit den besten Maturnoten figurierten 2018 vier arabische, darunter zwei unter den ersten vier (allerdings auch sieben arabische oder beduinische Gymnasien unter den schwächsten zehn). In gewissen akademischen Berufsfeldern, vor allem dem medizinischen und pharmazeutischen, ist die Präsenz arabischer Fachkräfte in den letzten Jahren stark angestiegen (und man braucht nur ein Spital oder eine Apotheke zu besuchen, um das festzustellen). In anderen wie dem besonders boomenden Hightechbereich sind arabische Fachkräfte stark untervertreten: 2018 waren es ganze 1,4 Prozent, von diesen wiederum nur 7 Prozent Frauen.

Dass israelische Investoren und auch der Staat daran interessiert sind, das zu ändern, ist seit Längerem ein zentrales Thema in Israels Medien. Die Rede ist oft vom zu wenig ausgeschöpften Potenzial arabischer Intelligenz für die Wirtschaft des Staats und die wirtschaftliche Angleichung zwischen den Sektoren. Doch gibt es – wie kürzlich ein Artikel der israelischen Wirtschaftszeitung «Globes» vermutete – auch eine kaum offen ausgesprochene Hoffnung der jüdischen Öffentlichkeit: Ein vermehrtes Zusammenarbeiten jüdischer und arabischer Fachleute im globalisierten Hightechbereich würde zu einer stärkeren Verwestlichung dieser noch immer stark konservativ geprägten Bevölkerung beitragen.

Zwiespältige Signale

Tatsächlich scheinen hier auch interne Hemmschwellen in der arabischen Gesellschaft zu wirken. Dies, obwohl die von «Globes» zitierte universitäre Abschlussarbeit des Buchprüfers Abdallah Zoabi, der sich in einer Forschungsarbeit mit dem Eintritt arabischer Israeli in den Hightechbereich beschäftigte, zum Schluss kommt, dass gerade globales Arbeiten mit Menschen aus sehr unterschiedlichen Kulturkreisen das Pflegen eigener religiöser Überzeugungen und Bräuche herausfordere, aber nicht unbedingt schwäche.

Die Signale, die die israelische Politik an die arabische Bevölkerung aussendet, sind allerdings zwiespältig. Förderprogramme für arabische Studierende stellen die eine Seite dar. Auf der anderen Seite stehen Tiefpunkte wie Benjamin Netanjahus Warnruf «Die arabischen Wähler strömen in riesiger Anzahl zu den Wahlurnen», den er am Wahltag vom 17. März 2015 in einer Videobotschaft zur Gegenmobilisierung seiner rechten Wähler verbreitete; dieser besitzt im israelischen Wikipedia einen eigenen, ausführlichen Eintrag. Das erwähnte Nationalitätengesetz von 2018 hat, obwohl es durchaus als Ausdruck einer jüdischen Identitätskrise gelesen werden kann, in arabischen, aber auch linksliberalen jüdischen Kreisen ebenfalls viel Unmut hervorgerufen.

Dennoch: Es gibt Anzeichen, dass Juden und Araber in Israel verstanden haben, dass eine volle Teilhabe des arabischen Sektors an der israelischen Gesellschaft am Ende allen entgegenkommt. Statt verkannte Kämpfer für die arabische Sache, wie Bulus sie sieht, könnten die arabischen Bürger Israels wichtige Brückenbauer zwischen den Völkern des Nahen Ostens werden.


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