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Universität Basel

«In weiter Ferne, so nah»: Der Nahe Osten.

Text: Maurus Reinkowski

Im heutigen Machtvakuum in der Region zwischen Libyen und Afghanistan stecken weite Gebiete und ganze Staaten in der Dauerkrise. Gleichzeitig rücken die Konflikte im Nahen Osten näher an Europa heran.

(Foto: Dana Smillie)
(Foto: Dana Smillie)

Am Fortbestand des Nahen Ostens, so wie wir ihn kannten, gibt es neuerdings Zweifel. Die Zukunft des seit dem Jahr 2003 unablässig von Gewalt und Krieg geplagten Iraks liegt im Ungewissen. Noch weniger absehbar ist, ob Syrien, in dem seit 2011 Krieg herrscht, Bestand haben wird. Libyen und Jemen sind keine handlungsfähigen Staaten mehr, sondern dienen als Gefässe verworrener Konfliktlagen. Viel weiter gelangen die Einsichten meist nicht, denn die Entwicklungslinien in eine andere, neu geordnete Region sind nicht einfach einzuschätzen. Vor vorläufigen Überlegungen jedoch, was der Nahe Osten heute ist und in Zukunft sein könnte, sollten wir uns der Frage zuwenden, was der Nahe Osten bisher gewesen ist.

Für den Nahen Osten lassen sich unterschiedlichste Raumangaben finden. Man kann die Region sehr weit fassen und sagen, der Nahe Osten reiche von Marokko bis Pakistan und von der Türkei bis zum Sudan. Engere Raumbezeichnungen sind ebenfalls möglich: So liessen sich der Maghreb und Länder wie Pakistan und der Sudan mühelos ausschliessen. Wenn die Grenzen des Nahen Ostens so schlecht zu fassen sind, dann muss – so darf man folgern – der Begriff in sich selbst sehr vage sein. Das stimmt aber nicht; der Nahe Osten hat einen klaren Bedeutungskern.

Wechselnde Ordnungsmächte

Erstens: Der harte regionale Kern des Nahen Ostens stimmt weitgehend mit den ehemaligen Herrschaftsgebieten des Osmanischen Reichs überein – von Libyen über Israel / Palästina bis Irak, einschliesslich des Jemens und des westlichen Saudi-Arabiens. Das Osmanische Reich, nach dem Ersten Weltkrieg auf der Seite der Verlierer stehend, musste seine Herrschaftsgebiete in der östlichen arabischen Welt abgeben. Sie gelangten grösstenteils als sogenannte «Mandate» des Völkerbunds an Frankreich und Grossbritannien. Unter diesen beiden Grossmächten war es eindeutig Grossbritannien, das nach dem Ersten Weltkrieg die Region unter seine strategische Kontrolle nahm.

Und damit kommen wir zum zweiten Bedeutungskern: Bestimmend ist für den sich nach dem Ersten Weltkrieg ausbildenden Nahen Osten immer gewesen, dass in der Region eine imperiale Ordnungsmacht dominierte. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war dies Grossbritannien, danach übernahmen die Vereinigten Staaten von Amerika diese Rolle, mitunter und meist wenig erfolgreich von der Sowjetunion angefochten. Es ist dieses Zusammenspiel von imperialer Hegemonie bei gleichzeitiger relativer Unbestimmtheit der Region, das den Bedeutungskern des Nahen Ostens ausmachte.

Genauer gesagt, die Unbestimmtheit des Begriffs hatte den Vorteil, ein auf die Region bezogenes politisches Handeln sowohl angezeigt als auch offen erscheinen zu lassen. Die Eisenhower-Doktrin von 1957 war die erste US-amerikanische Doktrin, die sich direkt auf den Nahen Osten bezog und sich den Schutz der Region vor sowjetischem Einfluss zum Ziel setzte. Die Schwammigkeit des Begriffs «Naher Osten» war hierbei von besonderer Hilfe, weil sich damit die USA das Recht vorbehielten, in einer nur schwach konturierten Region überall dort zu intervenieren, wo sie ihre Interessen gefährdet oder neue Chancen für sich entstehen sahen. Die Grenzen des Nahen Ostens veränderten sich also gemäss den strategischen Interessen der in der Region engagierten Grossmächte. Mit anderen Worten: Gerade die Unschärfe des Begriffs begründete seine Beharrungskraft.

Kontrollierte Distanz

Aus europäischer Sicht war der Nahe Osten über Jahrzehnte hinweg zuverlässig unberechenbar: Es gehörte zu seinen grundlegenden Charakteristika, dass er eine krisenanfällige Region war, dass aber diese Konflikte kaum direkte Wirkungen nach aussen zeigten. Der Nahe Osten war vielleicht nicht in weiter Ferne, aber unmittelbar an «uns» dran war er auch nicht. Der Nahe Osten zeigte damit immer die Grundcharakteristika einer kontrollierbaren Konfliktanfälligkeit und einer kontrollierten Distanz.

Soll das eine entscheidende Ergebnis benannt werden, das die Dinge grundsätzlich änderte, dann wäre es die Besetzung Iraks im Jahr 2003 durch die USA und ihre willigen Partner. Die US-amerikanische Nahostpolitik war bis dahin immer zurückhaltend gewesen und hatte nicht auf Regimewechsel, sondern auf den (in der Binnensicht dieser Politik: notwendigen) zynischen Erhalt gegebener politischer Strukturen gesetzt. Der US-amerikanische Einmarsch im Irak 2003 widersprach dieser Politik einer zurückhaltenden und kühl berechnenden Vorherrschaft.

Die Konsequenzen dieser Fehlentscheidung – ablesbar am Staatszerfall des Iraks und in der Folge auch Syriens, der Stärkung Irans als Regionalmacht und am Aufstieg von Organisationen wie dem Islamischen Staat – prägen die US-amerikanische Nahostpolitik bis heute. Sie haben die epochalen Tendenzen des US-amerikanischen Rückzugs aus seiner Rolle als globaler Herrscher beschleunigt. Die im Dezember 2010 in Tunesien ihren Ausgang nehmende «Arabellion» und ihre Entgleisungen in Libyen, Syrien und Jemen bilden diese grundlegenden Veränderungen eher ab, als dass sie primäre Ursache gewesen wären.

Neue Migrationsrouten

Das erste Mal seit dem Ersten Weltkrieg gibt es niemanden mehr, der eine klare hegemoniale Führungsrolle im Nahen Osten einnehmen will und kann. Die Folgen einer in diesem Machtvakuum neu entstehenden instabilen Ordnung von «Teil-Herrschenden», wie Iran, Russland, Saudi-Arabien oder der Türkei, lassen sich am schier endlosen Krieg in Syrien ablesen.

Für Europa und die Schweiz bedeutet dies, dass der Nahe Osten näher gerückt ist und «seine» Konflikte mittelbar auch jene Europas geworden sind. Neue Kommunikationsräume mit und Migrationsrouten nach Europa sind entstanden: Die Balkanroute wäre für Flüchtlinge und Migranten in den 1980er-Jahren noch eine einzige Abfolge von unüberwindlichen Grenzen gewesen.

Disziplinen, die sich mit der Geschichte und Politik der Region beschäftigen, wie der Fachbereich Nahoststudien an der Universität Basel, der dieses Jahr auf sein 100-jähriges Bestehen zurückblickt, sind keine Orchideenfächer mehr. Sie beschäftigen sich heute fast durchwegs mit dornigen Fragestellungen und stehen bei Fragen der Stabilität und Zukunft Europas mit in der Verantwortung.

Überholte Raumkonzeptionen

Den Vereinigten Staaten wird es – allerdings um den Preis einer abnehmenden weltpolitischen Bedeutung – gelingen, sich den Folgen eines sich offensichtlich neu konstituierenden Nahen Ostens weitgehend zu entziehen. Die europäischen Staaten haben diese Möglichkeit nicht. Der bisher so vertraute Nahe Osten als Region permanenter Krisen, die aber in scheinbar naturgegebener Weise keine direkten Rückwirkungen auf die europäischen Gesellschaften haben, ist nicht wieder zu haben.

Die realpolitischen Züge europäischer Politik werden sich in der Zukunft stärker bemerkbar machen. Bemerkenswert ist jedenfalls an der Entwicklung der letzten Jahre die Entgrenzung und die Aufhebung bisher existierender Raumkonzeptionen, mit denen der Westen im Nahen Osten viele Jahrzehnte vielleicht bisweilen im Dunkeln tappend, aber dennoch leidlich erfolgreich Politik betrieb. Das bisherige Grundverständnis, dem zufolge es sich beim Nahen Osten um eine von Europa deutlich abgesetzte und entfernte Region handelt, lässt sich jedenfalls nicht mehr halten.


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