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Universität Basel

Wirtschaft gewinnt durch Einwanderung Text: Christoph Dieffenbacher

Von der Zuwanderung aus der Europäischen Union profitieren in der Schweiz vor allem hoch qualifizierte Einheimische. Schlecht ausgebildete Ausländer und Ausländerinnen gehören dagegen zu den Verlierern. Der Basler Wirtschaftswissenschaftler Ensar Can hat den Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Arbeitsplatzsicherheit untersucht.

Der 30-jährige Ensar Can kennt das Thema Migration aus eigener Anschauung: Sein Grossvater wanderte in den 1960er-Jahren als Arbeiter aus der Türkei in die Schweiz ein, seine Mutter wuchs hier auf, während sein Vater erst mit der Heirat ins Land kam. Can, heute türkischschweizerischer Doppelbürger, wurde in Basel geboren und wuchs im «Längi»-Quartier in der Vorortsgemeinde Pratteln auf, in dem fast ausschliesslich ausländische Familien leben: «Meine Brüder und ich hatten zeitweise keine Schweizer Kinder in der Klasse», erzählt er. Als er später studierte, unterstützte er als Nachhilfelehrer Kinder ausländischer Eltern in der Schule.

Cans Biografie ist eine von vielen. Eine Wirtschaft ohne ausländische Arbeitskräfte ist heute nicht mehr denkbar: In der Schweiz ist fast jede dritte Stelle mit einer Person mit ausländischem Pass besetzt. Zugleich verfügt das Land weltweit über eine der innovativsten Volkswirtschaften. Doch gerade mit dem Freizügigkeitsabkommen mit der EU von 2002 sind in der Bevölkerung vielfach Skepsis und Befürchtungen aufgekommen: Von einer «Masseneinwanderung» war die Rede – was zur gleichnamigen, erfolgreichen SVP-Initiative führte –, auch von einer übermässigen Belastung der Staatskassen, in der Annahme, dass eingewanderte Ausländer mehr vom Staat beziehen als an diesen einzahlen. Aber auch für die Schweizer würden die Arbeitsplätze

Risiko Arbeitsplatzverlust?

Ist es durch die Einwanderung von Arbeitskräften aus der EU seit dem Jahr 2002 tatsächlich zu einer Verdrängung von einheimischen Beschäftigten auf dem Arbeitsmarkt gekommen? Eine Antwort auf diese oft gehörte Befürchtung liefert die kürzlich abgeschlossene Dissertation von Ensar Can, der sie an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel eingereicht hat.

Im Gespräch macht der Ökonom darauf aufmerksam, dass die beiden Begriffe «Einwanderung» und «Nettozuwanderung» – Einwanderung minus Rückwanderung von Ausländern – in der Debatte oft miteinander verwechselt würden. So stieg die Nettozuwanderung aus der EU seit 2002 auf durchschnittlich über 40’000 Personen pro Jahr an – im Ganzen aber kaum als Folge einer höheren Zuwanderung, sondern in erster Linie wegen einer tieferen Rückwanderung: «Die aus der EU eingewanderten Ausländer kehrten weniger häufig in ihre Heimat zurück und blieben länger in der Schweiz.» Beigetragen hat dazu das Freizügigkeitsabkommen, das die Aufenthaltsdauer für EU-Ausländer von einem auf fünf Jahre erhöhte.

Nettozuwanderung aus EU27/EFTA seit 1991 in 1000: Die Einwanderungen (rote Kurve) minus die Rückwanderungen (graue Kurve) ergeben die Nettozuwanderung (Balken unten).
Nettozuwanderung aus EU27/EFTA seit 1991 in 1000: Die Einwanderungen (rote Kurve) minus die Rückwanderungen (graue Kurve) ergeben die Nettozuwanderung (Balken unten).

Nun seien zwischen der Zuwanderung aus der EU seit 2002 und dem Arbeitsplatzrisiko in der Schweiz «nur sehr wenige signifikante Zusammenhänge » zu beobachten, erläutert Can. Er hat für alle Beschäftigten den Zusammenhang zwischen der Gefahr, den Arbeitsplatz zu verlieren, und dem Anteil an EU-Ausländern in bestimmten Segmenten anhand statistischer Modelle untersucht. Sein Befund: Hoch qualifizierte Schweizer haben ein eher niedrigeres Risiko, ihren Job zu verlieren, wenn sie einen höheren Anteil an EU-Zuwanderern in ihrem Arbeitsmarktsegment haben, wenig qualifizierte Ausländer dagegen ein höheres.

Gewinner und Verlierer

In der Schweiz, aber auch in andern westlichen Ländern fehlt es in gewissen Branchen an Fachpersonal. Spezialisten aus verschiedenen Fachrichtungen müssen daher im Ausland gesucht werden, im EU-Raum etwa oder in Übersee. Den Mangel an Fachkräften in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen hierzulande führt der Wirtschaftswissenschaftler unter anderem auch auf die stagnierende Zahl von Studienabsolvierenden und den vergleichsweise geringen Frauenanteil zurück. Gleichzeitig führt aber der bildungsintensive technische Fortschritt dazu, dass die Nachfrage nach Fachkräften überproportional steigt. «Wenn gut ausgebildete Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen einwandern, beheben sie dieses Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt», sagt Can. Die Betriebe werden damit entlastet, können weiter produzieren und oft auch neue Stellen schaffen – was der Wirtschaft im Ganzen guttut.

Dagegen sei bei den wenig Qualifizierten eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten. Zudem sinke der Bedarf an ungelernten Arbeitskräften in der Wirtschaft und es brauche heute in vielen Berufen zunehmend technische Kenntnisse, sagt Can: «Einfach auf den Knopf an einer Maschine zu drücken, solche Jobs gibt es heute kaum mehr.» Wenn mehr Ungelernte einwandern, konkurrenzieren sie jene, die bereits hier sind. Diese würden so eher arbeitslos oder inaktiv, scheiden also ganz aus dem Arbeitsleben aus. Doch wegen der eher geringen Zahl von eingewanderten Menschen mit niedrigen beruflichen Qualifikationen halte sich dieser negative Effekt in Grenzen.

Höher Qualifizierte aus dem Ausland blieben weniger lang in der Schweiz als Unqualifizierte, schreibt Can zusammen mit Prof. George Sheldon und Dr. Nathalie Ramel in einer Studie über die Auswirkungen der Personenfreizügigkeit mit der EU. Der Arbeitsmarkt für Fachkräfte bestehe oft aus ganz Europa, sodass Erstere bei der Arbeitsplatzwahl mobiler seien. Anders die wenig Qualifizierten, deren Möglichkeiten beschränkt sind, nicht zuletzt wegen mangelnder Sprachkenntnisse. Die Arbeitsmarktlage der einheimischen Arbeitskräfte sei durch die Zuwanderung kaum berührt, schreiben die Autoren als Fazit – weder bei den Löhnen noch bei der Beschäftigung.

Der Staat verdient mit

Nicht nur die Wirtschaft, auch die Schweiz als Staat kann von den Zuwanderungen aus dem EU-Raum profitieren, wie es weiter in der Studie heisst. Derzeit verdient die Staatskasse jährlich geschätzte 15’000 Franken pro Einwandererhaushalt aus dem EU-Raum. Dies dadurch, dass die Immigranten und Immigrantinnen mehr Steuern und Sozialbeiträge einzahlen, als sie an staatlichen Leistungen erhalten. Dieser Zustand wird laut den Basler Ökonomen aber nicht andauern: Bei gleichen Bedingungen wird dieser Betrag in den nächsten 40 Jahren auf null sinken – dann nämlich, wenn die Zugewanderten altern und hier ansässig werden. Bis dahin werden sich die 15’000 Franken immerhin auf stattliche 300’000 Franken pro EU-Einwandererfamilie summiert haben.

Ensar Can ist Assistent an der Forschungsstelle für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie der Universität Basel und wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse.

Weitere Artikel in der aktuellen Ausgabe von UNI NOVA.

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