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Universität Basel

Krebs. (01/2023)

Vom Wesen des Lebens.

Text: Chiara Saffirio

Mein Buch: Gewissermassen als Kontrastprogramm zu ihrer Forschung liest Chiara Saffirio gerne Bücher, die den Menschen uns seine Beziehungen ins Zentrum stellen. «Späte Scheidung» von Abraham B. Jehoshua hat es ihr besonders angetan.

Chiara Saffirio mit «Späte Scheidung» von Abraham B. Jehoshua
Chiara Saffirio mit «Späte Scheidung» von Abraham B. Jehoshua. (Foto: Universität Basel, Andreas Zimmermann)

Als Mathematikerin habe ich täglich mit sehr rationalen Objekten und sauberen Argumentationen zu tun. Im Gegensatz dazu begeistere ich mich für Bücher, die die wunderbare Komplexität des menschlichen Wesens erforschen.

Eines meiner Lieblingsbücher ist «Späte Scheidung» von Abraham B. Jehoshua, der die Leserin durch die komplexe Welt von Beziehungen am Beispiel einer jüdischen Familie führt. Die Geschichte entwickelt sich in den neun Tagen vor dem jüdischen Osterfest, jeder Tag wird in der ersten Person von einem anderen Familienmitglied erzählt. Die Geschichte dreht sich um den Besuch des Familienoberhaupts bei seiner Familie in Israel. Nach einigen Jahren in den USA kehrt er zurück, um sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Der Besuch betrifft jedes Familienmitglied und offenbart die komplexen Beziehungen und Seelen der Charaktere, ihren Humor, ihre Leidenschaften, Ängste, Träume und Ambitionen. Keiner der Erzählenden sieht die Wirklichkeit als schwarz und weiss. Vielmehr bestehen viele gegensätzliche Gedanken nebeneinander.

Jehoshua behandelt die grossen Themen des Lebens, darunter die jüdische Diaspora. Das gipfelt im Satz: «Heimat, warum warst du keine Heimat?» Ich glaube, dass diese Thematik aktuell ist, sie betrifft nicht nur die jüdische Kultur. In Europa gab es schon mehrere Migrationswellen, einschliesslich jener, die der jüngste Krieg in der Ukraine auslöste.

Auf eine ganz anderen Ebene erleben wir das Exil auch im akademischen Umfeld, wo sich junge talentierte Forschende entscheiden müssen: Verlassen sie ihre Heimat für eine akademische Laufbahn oder ziehen sie sich aus der Wissenschaft zurück und wählen einen anderen Beruf? Das kann man als Exil aus einem Land oder als Exil aus der akademischen Welt interpretieren.

Auf eine sehr menschliche, subtile und indirekte Weise, manchmal sehr humorvoll, manchmal visionär, handelt «Späte Scheidung» vom Wesen des Lebens. Das Buch stellt auf der makroskopischen Ebene Themen wie die jüdische Diaspora dar. Auf der mikroskopischen Ebene geht es um persönliche Entscheidungen und Ambitionen eines jeden Menschen.

In der Wissenschaft versuchen wir, die Realität zu modellieren. Das ist oft schwierig. Aber nichts ist so komplex wie die menschliche Seele und zwischenmenschliche Beziehungen. Die Fähigkeit, dies auf eine kraftvolle, schöne Weise zu veranschaulichen, ist das, was ich unter Kunst verstehe. Abraham B. Jehoshua gelingt dies mit seinem Roman.

Chiara Saffirio ist Professorin für mathematische Physik. Sie hat an der La Sapienza-Universität in Rom studiert und wurde 2012 dort promoviert. 2013 zog sie nach Bonn und 2014 nach Zürich. Seit 2019 ist sie am Departement Mathematik und Informatik der Universität Basel.

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