x
Loading
+ -

Universität Basel

Osteuropa – Von Kostümen, Konflikten und Kulturräumen (02/2015)

Caterina ist stolz darauf, eine Putzfrau zu sein – und wünscht sich einen Ferrari

Prof. Ueli Mäder

Mein Buch: Soziologieprofessor Ueli Mäder empfiehlt die Reportage «Caterina» von Erwin Koch.

Prof. Ueli Mäder (Bild: Universität Basel, Basile Bornand)
Prof. Ueli Mäder (Bild: Universität Basel, Basile Bornand)

In meiner Kitteltasche steckt immer ein Buch. Jetzt ist es gerade ein «Büchlein», eine Reportage von Erwin Koch – mit dem Titel «Caterina». Sie erschien kürzlich im Weissgrund-Verlag. Das ist eigentlich kein wirklicher Verlag, sondern ein Zürcher Unternehmen, das Kommunikationsprojekte lanciert. Ein Absolvent unseres Seminars für Soziologie arbeitet dort. Vermutlich erhielt ich «Caterina» deshalb kostenlos zugestellt.

Caterina ist gebürtige Italienerin und 44 Jahre jung. Sie lebt seit ihrer Geburt in Uster und arbeitet bei einer Sozialfirma als Reinigungsfachfrau. «Putzen ist eine Kunst, die nicht jeder kann», sagt sie am Samstag früh auf dem Weg zur Arbeit, der über Dübendorf nach Brüttisellen führt. Caterina musste das zweifache Umsteigen üben.

Heute zeigt sie dem Autor der Geschichte, der sie begleitet, wo es langgeht. Der promovierte Jurist ist ein renommierter Publizist. Caterina nimmt wahr, wie er auf ihrem T-Shirt «putzundglanz» liest. Mit ihm tauchen wir in ihre Gedankenwelt ein. Und über sie erfahren wir, was er alles wissen will, was sie antwortet und sonst noch denkt.

Das ist Alltagssoziologie. Hier dokumentiert sich szenisch viel Gesellschaftliches. Anfänglich schämte sich Caterina, in der blauen Arbeitskleidung unterwegs zu sein. Mittlerweile ist sie stolz darauf, eine «Putzfrau» zu sein. So nennt sie sich selbst. Sie kommt seit Jahren immer rechtzeitig zur Arbeit. Das ist ihr wichtig. Wie das Lob fürs gründliche Putzen und der Lohn.

Caterina arbeitet sechzig Prozent und verdient monatlich zweitausendsechshundert Franken. Sie reinigt mit ihrer Kollegin Sanije zusammen ein halbes Unternehmen. Wenn sie sieht, wie jemand telefoniert, stellt sie den Staubsauger ab. Dann nimmt sie einen Lappen und poliert die Türklinke. Manchmal bekommt sie einen anerkennenden Blick. Aber kaum jemand grüsst sie mit ihrem Namen.

Das ist auch an der Uni und im Seminar für Soziologie so. Wer weiss schon, wie das Reinigungspersonal heisst. Und was wünscht sich Caterina von einer guten Fee? «Einen Ferrari», sagt sie spontan und schmunzelt. «Aber wenn ich ehrlich bin, dann möchte ich zuallererst, dass alles so bleibt, wie es ist.»

Ueli Mäder ist Soziologe mit Schwerpunkt soziale Ungleichheit. Er hält gerade eine Vorlesung zur «Soziologie des Alltags». Am 24. November 2015 erscheint sein Buch «Geld und Macht in der Schweiz».

nach oben