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Universität Basel

07. Juni 2021

Heimliches Gebärden auf dem Pausenplatz

Lehrer zeigt Schülerin die richtige Zungenstellung für die Lautsprache
Ein Lehrer zeigt einer Schülerin die richtige Mund- und Zungenstellung für die Tonbildung. (Taubstummenanstalt Wabern, um 1910; Foto: Schweizerisches Sozialarchiv, F 5153-Gc-0365)

Im 19. und 20. Jahrhundert besuchten gehörlose Kinder in der Schweiz sogenannte Gehörlosenschulen. Neben Fächern wie Mathematik und Deutsch stand vor allem das Erlernen der Lautsprache auf dem Plan. Gebärdensprache war an den Schulen streng verboten. Eine Stigmatisierung, welche viele Gehörlose langfristig traumatisierte, wie eine neue Studie zeigt.

Bisher wurden die Gehörlosen in der historischen Forschung eher selten berücksichtigt. Entsprechend überschaubar ist der Forschungsstand zur schweizerischen Gehörlosengeschichte. Martin Lengwiler, Professor für Neuere und Allgemeine Geschichte an der Universität Basel, gibt im neu veröffentlichten Buch «Aus erster Hand» zusammen mit weiteren Historikerinnen und Historikern einen Einblick in die weitgehend unbekannte Geschichte einer gesellschaftlichen Minderheit.

Mit Mundspatel und Holzstöckchen

Im Mittelpunkt steht die Gehörlosenschule als der Ort, an dem Hörende und Gehörlose aufeinandertrafen. «Gehörlose galten im 19. und 20. Jahrhundert als eine Gruppe von Behinderten – beseelt vom Bildungsoptimismus wollte man sie mit pädagogischen Instrumenten zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft erziehen», erklärt der Historiker. Zahlreiche Taubstummenanstalten, welche zuvor hauptsächlich der Versorgung gedient hatten, wurden in Schulen umgewandelt. Gehörlose Kinder sollten dort die Lautsprache erlernen und so in die hörende Gesellschaft und den Arbeitsmarkt integriert werden.

Mit Mundspatel und Holzstöckchen versuchten die Lehrpersonen, den Kindern die richtige Mund- und Zungenstellung für die Tonbildung beizubringen. Eine Methode, welche teilweise unter grober körperlicher Anweisung erfolgte. Hinzu kamen mühsame Artikulationstrainings, bei denen die Kinder das Ablesen von den Lippen oder der Wandtafel einstudieren mussten. «Dieser Unterricht war sowohl für die Schülerinnen und Schüler wie auch für die Lehrpersonen anstrengend und für beiden Seiten frustrierend», summiert Lengwiler.

Übersetzung des Artikels in Gebärdensprache

Gebärdensprache als Teil der Identität

Viele der Kinder waren es gewohnt, in der Familie oder untereinander zu gebärden. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich in der Schweiz zahlreiche Gehörlosenvereine gebildet, oft in der Form von Sportclubs, in denen die Gebärdensprache praktiziert wurde. In den Schulen war sie jedoch strikt verboten.

Martin Lengwiler erzählt von rigiden Erziehungsmassnahmen: «Die Schülerinnen und Schüler mussten während dem Unterricht ihre Arme in Kartonröhren stecken oder man band ihnen die Hände hinter dem Rücken zusammen.» Eine weitere Methode bestand darin, dass sie ein Buch auf dem Kopf balancieren mussten, damit sie sich nicht bewegen und damit auch nicht gebärden konnten. Wurden die Kinder dabei erwischt, folgten oftmals körperliche Strafen oder Erniedrigungen.

Trotzdem fand die Gebärdensprache in den Nischen und Ecken der Schulen ihren Platz. Martin Lengwiler beschreibt die Widersprüchlichkeit der Situation: «Es ist ein Paradox: Im Unterricht wurde die Gebärdensprache marginalisiert, aber auf dem Pausenplatz haben die Kinder heimlich untereinander gebärdet. Die Gehörlosenschule war einerseits der Ort, an dem die Gebärdensprache verboten war, gleichzeitig haben viele Kinder sie gerade dort erlernt.»

Als natürlichste Form der sozialen Interaktion ist die Gebärdensprache für viele Gehörlose identitätsstiftend. Gerade bei Schülerinnen und Schülern mit hörenden Eltern löste die Stigmatisierung Identitätskrisen und psychische Probleme aus. «Die Kinder wurden für ihre Art, sich auszudrücken bestraft. Dies hatte oft weitreichende Folgen für ihre Persönlichkeitsentwicklung.»

Eine Form der Bildungsdiskriminierung

Die lautsprachlichen Unterrichtsmethoden kosteten viel Aufwand, Energie und Zeit – Fächer wie Mathematik oder Deutsch blieben da oft auf der Strecke. «Die Folge war eine Form der Bildungsdiskriminierung», betont Lengwiler. «Die pädagogischen Bemühungen, die Gehörlosen über die Lautsprache gleichberechtigt in die hörende Gesellschaft und die Arbeitswelt zu integrieren, scheiterten.» Wie viele andere Behinderte in dieser Zeit, wurden die Gehörlosen im 19. und 20. Jahrhundert meist für niedrig qualifizierte Jobs ausgebildet.

Erst ab den 1980er-Jahren öffnete sich die Pädagogik neuen Wegen der Sprachvermittlung und die Gebärdensprache wurde allmählich in den Unterricht integriert. Auch in der Öffentlichkeit setzte sich ein weniger diskriminierendes Bild von Menschen mit Behinderungen durch und die Gehörlosengemeinschaft brachte sich verstärkt in pädagogischen und staatlichen Einrichtungen ein. 1981 folgte dann die erstmalige Ausstrahlung des Fernsehprogrammes in Gebärdensprache. Martin Lengwiler beschreibt die Bedeutung dieses symbolischen Moments: «Für viele Gehörlosen war dies wie eine offizielle Anerkennung ihrer Kultur und ihrer Sprache.»

Aus erster Hand

Im Buch «Aus erster Hand. Gehörlose, Gebärdensprache und Gehörlosenpädagogik in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert» beleuchten Rebecca Hesse, Alan Canonica, Mirjam Janett, Martin Lengwiler und Florian Rudin die wechselhafte Geschichte der Gehörlosen in der Schweiz. Das Buch stützt sich auf Archivbestände verschiedener Gehörlosenschulen und zahlreiche Interviews. Zu Wort kommen beide Seiten: Sowohl Gehörlose wie auch Schulverantwortliche erzählen von ihren Erfahrungen. Das Buch beruht auf eine Studie zum Verbot der Gebärdensprache in der Schweiz zuhanden des Schweizerischen Gehörlosenbundes.

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