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«KI ist eine Herausforderung für die Forschungsethik»

Frau mit dunklen Haaren und geblümter Bluse in einem Korridor der Universität Basel
Dr. Isabelle Wienand koordiniert die Kommission für Forschungsethik der Universität Basel und ist Mitbegründerin des Schweizerischen Netzwerks Forschungsethik. (Foto: Universität Basel, Thierry Spampinato)

Von Studien mit Schulkindern bis zu KI-basierten Methoden: Forschung wirft ethische Fragen auf. Dr. Isabelle Wienand leitet die Kommission für Forschungsethik der Universität Basel seit ihren Anfängen. Sie erklärt, warum Hochschulen eigene Ethikgremien brauchen und worauf es beim verantwortungsvollen Forschen ankommt.

04. Februar 2026 | Angelika Jacobs

Frau mit dunklen Haaren und geblümter Bluse in einem Korridor der Universität Basel
Dr. Isabelle Wienand koordiniert die Kommission für Forschungsethik der Universität Basel und ist Mitbegründerin des Schweizerischen Netzwerks Forschungsethik. (Foto: Universität Basel, Thierry Spampinato)

Frau Wienand, es gibt kantonale und nationale Ethikkommissionen, die Forschungsprojekte prüfen. Warum brauchen Universitäten zusätzlich eine eigene?

Um das zu beantworten, hole ich kurz aus: 2014 traten mit dem Humanforschungsgesetz die kantonalen Ethikkommissionen in Kraft. Sie prüfen medizinische Forschungsprojekte, die in den menschlichen Körper eingreifen. Auf nationaler Ebene berät ein eigenes Gremium den Bund, die Nationale Ethikkommission. Sie betrachtet nicht einzelne Projekte, sondern die Gesamtsituation in der Schweiz – etwa ob das Humanforschungsgesetz angepasst werden muss. Auch hier geht es also ausschliesslich um medizinische Forschung. Die Universitäten brauchen deshalb eine eigene Ethikkommission, weil auch nicht-medizinische Forschung mit Menschen forschungsethische Fragen aufwirft.

Haben Sie Beispiele?

Das betrifft zum Beispiel Studien mit vulnerablen Personen, etwa mit Kindern, älteren Menschen oder Personen, die nicht selbstständig einwilligen können. Auch die Art der erhobenen Daten und der Ort der Forschung spielen eine Rolle. Finden Studien beispielsweise in Konfliktgebieten statt, müssen Forschende den Nutzen der Ergebnisse gegen die Sicherheitsrisiken für alle Beteiligten abwägen.

Sie leiten die Ethikkommission der Universität Basel seit ihrer Gründung im Jahr 2020. Was sind die häufigsten Fragen, mit denen Sie konfrontiert sind?

Am häufigsten fragen uns Forschende, ob ihre Projekte begutachtet werden müssen. Dafür haben wir einen kurzen Fragenkatalog entwickelt. Er zeigt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an, ob ihr Projekt der Kommission für Forschungsethik (KFE) vorgelegt werden muss. Wenn Sie beispielsweise Interviews mit Schulkindern planen oder Befragungen, in denen Sie besondere Personendaten wie die sexuelle Orientierung oder politische Einstellung erheben, braucht es die Begutachtung durch die KFE.

Nach welchen Kriterien bewertet die Kommission die Gesuche?

Die Mitglieder des Gremiums stützen sich auf weltweit anerkannte Grundsätze der Forschungsethik, fachspezifische Richtlinien sowie auf Datenschutzgesetze. Zentral ist, dass alle Beteiligten informiert einwilligen. Die Forschenden müssen sicherstellen, dass die Teilnehmenden verstehen, was untersucht wird, zu welchem Zweck dies geschieht und was mit ihren Daten passiert. Deshalb müssen die Studienverantwortlichen das Informationsblatt so schreiben, dass auch Laien es verstehen.

Transparenz ist also ein zentraler Punkt. Gibt es weitere?

Ein weiterer Grundsatz lautet: Forschung muss Schaden vermeiden und Fürsorge gegenüber allen Beteiligten und der Umwelt tragen. Das schliesst neben den Teilnehmenden auch die Forschenden selbst sowie direkt oder indirekt betroffene Dritte ein.

Was ist mit Fällen, in denen die Forschung auch zweckentfremdet werden könnte, um Menschen zu schaden?

Sie meinen das sogenannte «Dual Use Research of Concern». So bezeichnet man jene Art Forschung, deren Ergebnisse bei Missbrauch gravierende Folgen haben könnten. Für solche und ähnliche risikobehaftete Forschung, etwa Projekte mit militärischem Bezug, brauchen Forschende eine Genehmigung der Universitätsleitung.

Was passiert, wenn ein Forschungsprojekt ethische Fragen aufwirft, aber die Forschenden es vor dem Start nicht bei der KFE eingereicht haben?

Das wäre wissenschaftliches Fehlverhalten. In der Praxis kommt das aber kaum vor. Schon bei Anträgen auf Forschungsgelder achten Gutachterinnen und Gutachter darauf und merken an, wenn ein Projekt forschungsethisch sensibel sein könnte und eine Ethikkommission einbezogen werden sollte. Wir empfehlen aber, bereits bei der Planung der Studie mit der KFE Kontakt aufzunehmen und auf jeden Fall vor Beginn der Datenerhebung!

Wurden schon Projekte aus forschungsethischen Gründen abgelehnt?

Das ist in den vergangenen sechs Jahren nur ein einziges Mal vorgekommen. In der Regel erteilt die Kommission Auflagen, die von den Forschenden akzeptiert und umgesetzt werden. Die KFE will grundsätzlich verantwortungsvolle Forschung fördern. Konkret unterstützt sie Forschende zum Beispiel dabei, altersgerechte Informationsblätter zu verfassen oder die notwendigen Einverständniserklärungen bei Forschung mit sozialen Medien einzuholen. Darüber hinaus bietet die KFE zusammen mit anderen Netzwerken unserer Hochschule regelmässig Trainings in Forschungsethik an.

Welche Herausforderungen sehen Sie im Moment als die grössten in Bezug auf Forschungsethik?

In vielen Forschungsprojekten kommt in den letzten Jahren vermehrt Künstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz. KI ist eine Herausforderung für die Forschungsethik, vor allem in Sachen Transparenz und Datenschutz. Forschende müssen die Teilnehmenden bereits in den Informationstexten darauf hinweisen: Wird KI eingesetzt? Wofür? Wo werden die Daten gespeichert, und was geschieht damit?

Das klingt wie eine grosse Hürde, die Verarbeitung der Daten durch KI für alle verständlich zu kommunizieren.

Das ist so! KI-Werkzeuge sind meistens eine Black Box, bei der niemand versteht, wie sie im Detail funktionieren – auch die Forschenden nicht. Der Druck auf Forschende, verantwortungsvoll mit Personendaten zu arbeiten, ist in den letzten zwei bis drei Jahren deshalb enorm gewachsen. Wir haben gerade Richtlinien zu KI in der Forschung veröffentlicht, um Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darin zu unterstützen, KI-Tools verantwortungsbewusst und datenschutzkonform auszuwählen und einzusetzen. Dabei arbeitet die KFE eng mit anderen Fachstellen sowie KI-Expertinnen und -Experten unserer Universität zusammen.

Die technologischen Entwicklungen in den letzten Jahren scheinen rasant, währen die ethischen Debatten dagegen fast zu langsam wirken. Wie kann die ethische Auseinandersetzung mit neuen Entwicklungen in der Forschung agiler werden?

Der Dialog mit der Gesellschaft ist enorm wichtig! Wir sehen es als unsere Pflicht, die Gesellschaft über Forschungsethik zu informieren und ihre Fragen ernst zu nehmen. Es stimmt, dass die technologischen Entwicklungen gerade im Bereich KI rasant sind. Die Forschungsethik entwickelt sich laufend weiter und muss neue Herausforderungen adressieren. Die Grundprinzipien, auf die sich die Forschungsethik abstützt, büssen aber nicht an Gültigkeit ein: Respekt vor der Autonomie des Individuums, Schadensvermeidung und Wohlwollen gegenüber Mensch und Umwelt. Neue technologische Entwicklungen und ihre Verwendung in der Forschung sind aber auch eine Chance, über Grundsätze erneut zu reflektieren und sie in diesem sich wandelnden Umfeld neu zu interpretieren.

Kommission für Forschungsethik

Die Kommission für Forschungsethik (KFE) ist ein unabhängiges Gremium der Regenz, das sich aus Vertretungen aller Fakultäten und Fachpersonen in Forschungsethik zusammensetzt. Sie prüft Forschungsprojekte auf die Einhaltung ethischer Grundprinzipien und genehmigt diese, gegebenenfalls mit Auflagen. Darüber hinaus berät und unterstützt sie Forschende und das Rektorat in forschungsethischen Fragen. Isabelle Wienand koordinierte die KFE seit ihren Anfängen im Jahr 2020. Sie ist Mitbegründerin des Schweizerischen Netzwerks Forschungsethik. Ab März 2026 engagiert sie sich weiter bei swissethics, der Dachorganisation der Forschungsethikkommissionen. An der Universität Basel übernimmt Sarah Diezig ihre Nachfolge.

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