«Nachhaltigkeit muss im Immobilienbereich selbstverständlich werden»
Der Gebäudepark belastet die Umwelt stark. Gleichzeitig mangle es an einem gemeinsamen Verständnis der beteiligten Akteure, sagt Pascal Gantenbein, Leiter des Weiterbildungsangebots «Sustainable Real Estate» an der Universität Basel. Genau dort setzt der Lehrgang an: Er bringt die unterschiedlichen fachlichen Perspektiven zusammen.
19. Januar 2026 | Béatrice Koch
Der Immobiliensektor ist für je rund ein Drittel des weltweiten Energieverbrauchs und der Treibhausgasemissionen verantwortlich, das gilt auch für die Schweiz. Angesichts dieser Grössenordnung ist es offensichtlich, dass das Thema Nachhaltigkeit in der Branche eine wichtige Rolle spielt: «Allein schon aus Reputationsgründen können es sich institutionelle Investoren wie Versicherungen oder Pensionskassen heute nicht mehr leisten, ihr Geld in energetisch ineffiziente Gebäude anzulegen», erklärt Prof. Dr. Pascal Gantenbein, Professor für Finanzmanagement an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel.
Auch die Nutzerinnen und Nutzer fordern vermehrt nachhaltige Immobilien: Vor allem international tätige Unternehmen verlangen gemäss Gantenbein einen gewissen Energiestandard mit entsprechender Zertifizierung, bevor sie in der Schweiz ein Bürogebäude beziehen. Nicht zuletzt sieht sich die Branche mit immer mehr und strengeren länderspezifischen Regulierungen und Bauvorschriften konfrontiert.
Dennoch bestehe weiterhin Ausbildungsbedarf, sagt Gantenbein, der sich seit vielen Jahren in seiner Forschung mit Immobilienmärkten befasst: «Was fehlt, ist ein gemeinsames Verständnis aller Stakeholder. Natürlich hat ein Architekt andere Interessen als eine Bank, die eine energetische Sanierung finanzieren soll. Für eine nachhaltige Entwicklung des Immobiliensektors müssen aber Investoren, Finanzinstitute, Projektentwickler, Architektinnen und Stadtplaner zusammenarbeiten.»
Um das gemeinsame Verständnis zu fördern und Akteure aus unterschiedlichen Disziplinen zu vernetzen, hat Gantenbein zusammen mit weiteren Expertinnen und Experten aus Lehre und Forschung, aber auch aus der Privatwirtschaft den CAS Sustainable Real Estate entwickelt. Im März startet die zweite Durchführung (siehe Box).
Nachhaltig, aber auch bezahlbar
Der Weiterbildungslehrgang behandelt die rechtlichen, politischen und ökonomischen Grundlagen nachhaltiger Immobilien und verbindet diese mit gesellschaftlichen Fragestellungen, insbesondere der Stadtplanung und -entwicklung sowie dem Umgang mit vielfältigen Stakeholderinteressen.
Zur Nachhaltigkeit im Immobilienbereich gehören zudem Themen wie Wohnqualität und Gesundheit, also beispielsweise die Wahl der Baustoffe. Und letztlich geht es immer auch um die Bezahlbarkeit: «Die Balance zwischen energetischer Sanierung und bezahlbarem Wohnraum zu finden, ist anspruchsvoll und führt teilweise zu Zielkonflikten», sagt Gantenbein. «Mit dem Programm befähigen wir die Teilnehmenden, Nachhaltigkeit im Immobiliensektor wirksam umzusetzen, gestützt auf fundierte Forschung, praxisnahe Expertise und ein umfassendes Verständnis von ESG, Regulierung und nachhaltigen Investitionsstrategien.»
Nachholbedarf beim Thema Recycling
In Sachen nachhaltige Immobilien gibt es hierzulande noch Luft nach oben: Auch wenn man bei Neubauten primär auf erneuerbare Energien mittels Wärmepumpen oder Fernwärme setzt, wird heute nach wie vor mehr als die Hälfte der bestehenden Wohnliegenschaften in der Schweiz mit Öl und Gas beheizt. Nachholbedarf besteht laut Studiengangsleiter Pascal Gantenbein auch im Bereich Reduktion und Recycling von Baustoffen: Wer heute neu baut, sollte bereits daran denken, wie das verbaute Material möglichst einfach getrennt und wiederverwendet werden kann, wenn das Gebäude Jahrzehnte später wieder zurückgebaut wird.
Überhaupt sei es angesichts der Prozesse, die sich in der Bauwirtschaft über mehrere Jahre hinziehen können, wichtig, Sanierungsprojekte und die Entwicklung von Immobilienportfolios frühzeitig und langfristig zu planen. Wenn sich zum Beispiel ein Unternehmen zum Ziel setzt, den CO2-Ausstoss in den nächsten 20 Jahren auf ein bestimmtes Niveau zu senken, muss das von langer Hand geplant werden. «Dafür braucht es gerade in institutionellen Organisationen gut ausgebildetes Personal, das sich intensiv um den Gebäudepark kümmert.»
Die ganzheitliche Betrachtung des nachhaltigen Immobilienmanagements scheint bei den Kursteilnehmenden gut anzukommen: «Der CAS Sustainable Real Estate hat mir einen umfassenden Überblick über alle relevanten Aspekte der Nachhaltigkeit im Schweizer Immobilienmarkt vermittelt – von den rechtlichen Rahmenbedingungen über Bewertungs- und Lebenszyklusperspektiven bis hin zu konkreten Umsetzungswegen», sagt Beatrice Landolt, Stv. CEO und Leiterin Portfoliomanagement bei Post Immobilien die den Kurs im vergangenen Jahr absolviert hat.
Nachhaltigkeit als Selbstverständlichkeit
Vor dem Hintergrund der angespannten politischen Weltlage sei das Thema Nachhaltigkeit in letzter Zeit zwar etwas zurückgestellt worden, relevant bleibe es trotzdem, ist Gantenbein überzeugt: «Die Ressourcen sind endlich, und die Regulierungen werden auch nicht wieder verschwinden. Wer im Immobilienmarkt tätig ist, wird um das Thema Nachhaltigkeit nicht herumkommen.» Nachhaltigkeit im Immobilienbereich sollte für alle Beteiligten zur «absoluten Selbstverständlichkeit» werden, wünscht sich der Studiengangsleiter.
CAS Sustainable Real Estate
Der Weiterbildungskurs der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel richtet sich an Personen aus der Immobilienwirtschaft, die sich im Bereich Nachhaltigkeit weiterbilden möchten. Der Studiengang umfasst wirtschaftliche, rechtliche, politische und gesellschaftliche Aspekte. Dozierende aus der Universität und der Privatwirtschaft sorgen für einen engen Austausch zwischen Forschung und Praxis.
Die Weiterbildung dauert sechs Monate, der Unterricht findet in Basel und Zürich statt. Kurssprache ist Englisch. Der nächste Lehrgang startet am 26. März 2026. Weitere Informationen, Termine für Online-Informationsveranstaltungen und die Kursanmeldung finden Sie auf der Website des CAS Sustainable Real Estate.