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Universität Basel

«Zauberberg», «4321» und «Game Changer».

Text: Jan Pieter Abrahams

Meine Bücher: Der Professor für Bioimaging am Biozentrum Jan Pieter Abrahams empfiehlt Thomas Manns «Zauberberg», Paul Asters «4321» und «Game Changer» von Matthew Sadler und Natasha Regan.

Abrahams im Wald mit Büchern unter dem Arm
Jan Pieter Abrahams (Bild: Universität Basel, Andreas Zimmermann)

Als begeisterter Leser habe ich drei Bücher ausgewählt: Thomas Manns «Zauberberg», Paul Austers «4321» und «Game Changer» von Matthew Sadler und Natasha Regan. Sie beschreiben mein wissenschaftliches Verständnis des Lebens. Ich bin überzeugt, dass die Funktionen des Lebens, obwohl sie einem linearen Pfad zu folgen scheinen, nur durch wahrscheinlichkeitsgewichtete Interferenz mit allen möglichen Pfadverzweigungen zu verstehen sind. «Warum bin ich hier?» – «Weil es wahrscheinlich war, dass ich hier sein würde.»

Im «Zauberberg» landet Hans Castorp als junger Mann nach einem Besuch in einem Sanatorium und scheint an Tuberkulose zu leiden. Er bleibt, bis er entscheidet, geheilt zu sein – nachdem er durch jahrelangen Austausch mit Mitpatienten zu einem denkenden Mann gereift ist. Oft ist von Wissenschaft die Rede: «Was war also das Leben? Es war […] ein Fieber der Materie, von welchem der Prozess unaufhörlicher Zersetzung und Wiederherstellung unhaltbar verwickelt, unhaltbar kunstreich aufgebauter Eiweissmoleküle begleitet war.» Unglaublich kluge Beobachtungen, rund 35 Jahre bevor die ersten Proteinstrukturen gefunden wurden.

«4321» erzählt vier parallele Leben, die Archie Ferguson hätte führen können, jeweils durch Zufallsereignisse bestimmt. In drei davon stirbt er vorzeitig durch ungewöhnliche Ereignisse. Das Buch spiegelt für mich die Quantenmechanik wider, die die beobachtete Realität als den zufälligen Zusammenbruch in einen Einzelzustand einer sich entwickelnden Überlagerung vieler sich verzweigender Zustände beschreibt – im Gegensatz zur linearen Geschichte bei Mann.

«Game Changer» ist kein Roman, sondern beschreibt das Computerprogramm AlphaZero, das sich das Schachspiel in wenigen Stunden beigebracht hat. Gegen Weltmeister Magnus Carlsen würde es jedes Spiel gewinnen. Während andere Schachprogramme so viele Variationen wie möglich berechnen, um jene mit dem bestmöglichen Ergebnis auszuwählen, betrachtet AlphaZero eine Schachposition als eine riesige Versammlung von Verzweigungszuständen. Es wählt jene aus, die das Potenzial zur Suche nach so viel wie möglich guten Nachfolgezügen optimiert. Mit dieser Strategie übertraf kürzlich Alpha- Fold andere Tools bei der Strukturvorhersage von Proteinen. Wahrscheinlich könnte damit auch die Evolution von stabilen Proteinstrukturen erklärt werden – etwa die von Manns «unhaltbar verwickelten Eiweissmolekülen».  

Jan Pieter Abrahams ist seit 2015 Professor am Biozentrum der Universität Basel und leitet dort eine Forschungsgruppe, die neue Ansätze im hochauflösenden Bioimaging entwickelt. Untersucht wird die dreidimensionale Struktur von Proteinen, um deren Funktion und Bedeutung in biologischen Prozessen zu verstehen.

Weitere Artikel in der aktuellen Ausgabe von UNI NOVA.

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