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Universität Basel

«Geisteswissenschaften für das 21. Jahrhundert.»

Interview: Samuel Schlaefli

Die Geisteswissenschaften des 21. Jahrhunderts sind computergestützt. Davon ist Gerhard Lauer, Professor für Digital Humanities, überzeugt. Die Digitalisierung erweitere nicht nur die Zugänge zum Forschungsmaterial, sondern bereichere das Fach auch mit ganz neuen Analysemethoden.

Gerhard Lauer, Professor für Digital Humanities. (Bild: Universität Basel, Basile Bornand)
Gerhard Lauer, Professor für Digital Humanities. (Bild: Universität Basel, Basile Bornand)

UNI NOVA: Herr Lauer, manche sprechen im Zusammenhang mit den Digital Humanities von einer Revolution in den Geisteswissenschaften. Sind sie das wirklich?

GERHARD LAUER: Tatsächlich sind sie das, denn wir können nun Kultur in einer historisch einmaligen Breite und Tiefe erforschen. Die Digitalisierung bedeutet eine enorme Entgrenzung des Gegenstandsfelds. In den Literaturwissenschaften arbeiten wir ja gewöhnlich den Kanon ab. Das heisst, dass wir wenige Bücher sehr intensiv lesen. Ein Mensch kann in seinem Leben aber höchstens 4000 Bücher lesen. Neu können wir dank der Digitalisierung von Quellenmaterial praktisch alles, was in einem Jahrhundert publiziert wurde, prinzipiell als Gegenstand verstehen. Dasselbe gilt auch für Sammlungen.

UNI NOVA: So wie im British Museum, das seine gesamte Sammlung digitalisiert und online stellt?

LAUER: Genau. Nehmen wir als einfaches Beispiel ein mittelalterliches Augustinus-Manuskript. Um seine Teile anzuschauen, was nicht mal in allen Fällen erlaubt ist, mussten Forschende mindestens nach Paris, Genf und St. Petersburg reisen. Die Kollegen in St. Gallen und Fribourg haben deshalb mit «e-codices», einer virtuellen Bibliothek für Manuskripte, Schriften, die über die ganze Welt verteilt sind, digital zusammengefügt. Heute können Forschende in wenigen Minuten mit der Arbeit beginnen.

UNI NOVA: Natürlich ist es aufregend, dass nun so viel Kultur übers Web zugänglich wird. Aber schauen sich die Menschen das auch wirklich an? Die Digitalisierung hat ja auch zu einem Informationsüberfluss und einem Aufmerksamkeitsdefizit geführt.

LAUER: Ja, sie schauen sich das nicht nur an, sie studieren das gründlich. Im Projekt «Perseus» haben Forschende der Tufts University in Boston praktisch sämtliche Werke der Antike ins Netz gestellt, weil sie fanden, dass dieses Wissen für unser Denken über Demokratie wichtig ist. Die Seite hat im Monat rund 350'000 Zugriffe aus der ganzen Welt. Zehn Prozent der Besucher laden die Originaltexte in Griechisch und Latein runter. Keine Ausgabe im Druckzeitalter hatte jemals eine solche Reichweite. Verschiedene Beispiele zeigen: Wenn Sie Werke digital zur Verfügung stellen, dann kommen die Leute auch. Insofern vertieft die Digitalisierung auch unseren Kulturbegriff.

UNI NOVA: Wir haben nun vor allem von neuen Arten der Verfügbarkeit von Wissen gesprochen. Reicht das allein für eine Revolution in den Geisteswissenschaften?

LAUER: Nein, die Erschliessung des kulturellen Erbes ist nur der eine Teil der Aufgabenstellung für die digitalen Geisteswissenschaften. Die vielleicht noch grössere Revolution ist, dass wir heute Kultur mit Methoden analysieren können, die nicht mehr allein auf unseren klassischen Fähigkeiten des Lesens, Hörens und Schauens basieren.

UNI NOVA: Sie sprechen das «Machine learning» an, die automatisierte Mustererkennung, die mit jedem Durchgang ein wenig effizienter und «intelligenter» wird.

LAUER: Wie in den Naturwissenschaften formalisieren und modellieren wir nun Probleme. Zum Beispiel jenes, den Handlungsverlauf eines Romans zu verstehen. Das kann ein Computer eigentlich nicht. Aber das Problem lässt sich runterbrechen, indem wir den Roman in 10'000 Worteinheiten zerlegen. Danach schauen wir, ob die positiven Wörter – also «glücklich», «Hochzeit», «Sonnenschein» – oder die negativen – «deprimiert», «dunkel», «müde» – in den Abschnitten überwiegen. Damit lässt sich die Plotline digital analysieren, und wir erkennen, wie Romane aufgebaut sind. Computer können ja weder lesen noch interpretieren, aber sie sind gut im Zählen. Sie können die Verteilung von Wörtern, Farben und Formen viel besser bestimmen als wir.

UNI NOVA: Tut es einem Literaturwissenschaftler nicht ein wenig weh, wenn man Weltliteratur einfach vom Computer fragmentieren und «lesen» lässt?

LAUER: Nein, denn das haben die Literaturwissenschaften immer schon getan. Literaturgeschichte klassifiziert Texte in verschiedene Epochen, Autorenbewegungen und sie gruppiert Texte in Gattungen zusammen. Auch die Brüder Grimm haben nichts anderes gemacht. Sie haben Märchen aus der ganzen Welt gesammelt und verglichen, um Ähnlichkeiten zu finden, etwa bei den Motiven. Wir machen nichts anderes, nur tun wir dies nun computergestützt.

UNI NOVA: Wie muss ich mir das Forschen und Publizieren in rechnergestützten geisteswissenschaftlichen Projekten vorstellen?

LAUER: Solche Projekte sind meist noch sehr aufwendig. Für eine digitalisierte sogenannte Sentimentanalyse – um herausfinden, welche Texte Robert Musil während des Ersten Weltkriegs geschrieben hat, als er als Soldat im Tirol eine Propagandazeitung verantwortete – haben wir drei Jahre benötigt, inklusive zwei Wochen Rechenzeit in einem Supercomputing-Zentrum. Dem Projekt entsprangen zwei Publikationen: eine Version für die Geisteswissenschaftler und eine für die Informatik-Nerds, welche die ganzen statistischen Verfahren beschreibt, die dabei zur Anwendung kamen. Die Arbeit wird also anders, keine Frage.

UNI NOVA: Bei Ihren neusten Publikationen fällt auf, dass sie meist in einem Team erarbeitet wurden.

LAUER: Auch das ist eine Veränderung: Ich schreibe immer weniger Publikationen alleine. Meist sind auch Informatiker und andere Geisteswissenschaftler involviert. In den Digital Humanities sind wir über verschiedene Disziplinen hinweg stark aufeinander angewiesen, so wie es in den Naturwissenschaften seit langer Zeit Usus ist. Die bei uns noch oft verbreitete Vorstellung von «Ich bin das Einzelgenie und kann alles selbst» hat ausgedient. Kollaboration und Arbeitsteiligkeit werden essenziell in den Geisteswissenschaften des 21. Jahrhunderts.

UNI NOVA: Entwertet die Digitalisierung auch herkömmliche Kompetenzen in den Geisteswissenschaften?

LAUER: Ja, deswegen ist die Ablehnung derzeit noch gross. Wir haben ein Modernisierungsproblem. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein anerkannter Theologieprofessor und haben einen Doktoranden, der mit völlig neuen computerbasierten Methoden untersucht, welche Briefe tatsächlich von Paulus stammen – eine klassische Frage in der Theologie, weil ihm viele Briefe «fälschlicherweise» zugeschrieben wurden. Wahrscheinlich verstehen Sie als Professor nicht mehr genau, was Ihr Doktorand macht. Doch Sie merken plötzlich, dass seine computerbasierte Forschung Ihre Forschungstradition und Ihre Kompetenz entwerten könnte. Das ist irritierend.

UNI NOVA: Gibt es denn Beispiele dafür, dass die Digital Humanities nicht nur zu mehr Effizienz in der Forschung führen, sondern auch neues Wissen zutage fördern?

LAUER: Durchaus. In den Literaturwissenschaften haben die Konstruktivisten lange Zeit argumentiert, dass der Autor keine Rolle spiele, die Autorschaft also nur eine soziale Konstruktion sei, so zum Beispiel Foucault und Barthes. Mittlerweile gibt es in der Informatik aber ganze Wettbewerbe zum Thema «Authorship attribution», also dazu, mit rechnergestützten Methoden Texte einem bestimmten Autor zuordnen zu können. Und wir erkennen in den Analysen: Autoren haben tatsächlich so etwas wie einen eigenen Stil. Damit widerlegen wir auch sehr populäre konstruktivistische Theorien.

UNI NOVA: Die Geistes- und Sozialwissenschaften hatten bislang eher den Ruf, dass sie die Digitalisierung kritisch beleuchten und vor allem deren negative Auswirkungen auf die Gesellschaft thematisieren. Lassen sie sich nun ebenfalls von den neuen Möglichkeiten in den Bann ziehen?

LAUER: Ich möchte Ihre Prämisse infrage stellen. Was viele Geisteswissenschaftler tun – und damit erschöpft sich ihre Kritik meist schon –, ist, in den Feuilletons zu schreiben, dass die Digitalisierung unsere Kultur zerstört und die Jungen dick und dumm macht. In den 15 Jahren, in denen ich in diesem Gebiet tätig bin, habe ich dazu sehr wenige konstruktive Beiträge von Geisteswissenschaftlern erlebt. Wer hat sich zum Beispiel für Open Access engagiert, damit Kulturgut fair geteilt wird? Das waren Informatiker. Und was die neuen Methoden betrifft: In den Naturwissenschaften gibt es dafür einen Nobelpreis. In den Geisteswissenschaften vor allem Kritik.

UNI NOVA: Inwiefern verändern die Digital Humanities auch die Lehre?

LAUER: Grundsätzlich, denn unsere Studierenden besuchen nun Einführungsvorlesungen in Informatik und lernen Statistik. Die enge Zusammenarbeit mit der Informatik eröffnet auch dieser ein neues Potenzial: Viele Frauen, die ja dort sonst nicht sehr zahlreich sind, finden die Verbindung von Kultur und computergestützten Methoden attraktiv.

UNI NOVA: Wie weit sind die Digital Humanities in der Schweiz bereits fortgeschritten?

LAUER: Die ETH Lausanne und die Universität Lausanne sind führend. Letztere war die erste Hochschule in der Schweiz, die einen Studiengang in Digital Humanities angeboten hat. Genf schreibt derzeit eine solche Professur aus, die Universität Bern ist schon länger auf der Suche. Das Thema «Digital Humanities» wird an immer mehr Hochschulen intensiv diskutiert.

UNI NOVA: Wie sieht die Situation in der englischsprachigen Welt aus?

LAUER: Der beste Ort, um im Bereich Digital Humanities zu forschen, ist derzeit Nebraska.

UNI NOVA: Nebraska? Nicht Stanford, MIT oder Harvard?

LAUER: Nein, einige hochkarätige Geisteswissenschaftler haben die Stanford University verlassen, um an der University of Nebraska ein «Center for Digital Research in the Humanities» aufzubauen, weil sie dort umsetzen konnten, was sie zuvor nicht durften. Zwar liegt Stanford im Zentrum des Silicon Valley und hat einen «techy» Ruf, aber dort herrscht bei Historikern und Literaturwissenschaftlern noch immer ein sehr traditionelles Verständnis vom eigenen Fach vor. So kommt es, dass der Kanon der US-Literatur derzeit vor allem in der Graswüste von Nebraska erschlossen wird. Innovation kommt oft von der Peripherie und nicht aus dem Zentrum – da hat Max Weber Recht behalten.

UNI NOVA: Bevor Sie nach Basel kamen, haben Sie an der Universität Göttingen versucht, die Digital Humanities in den dortigen Geisteswissenschaften zu etablieren, sind jedoch am Widerstand der Fakultät gescheitert. Haben Sie keine Angst, dass es Ihnen in Basel ähnlich ergehen könnte?

LAUER: Nein, in Basel wird das Potenzial nicht nur von der Rektorin, sondern auch vom Dekanat erkannt, dem unser Lab direkt unterstellt ist. Trotz der sehr bescheidenen Mittel, die für den Aufbau des Fachs zur Verfügung stehen, gibt es vielversprechende Anzeichen. So wird derzeit ein Zentrum für Datenanalyse aufgebaut. Dort werden Geisteswissenschaftler, Soziologen, Biologen und Chemiker zusammenarbeiten, weil die rechnergestützten Methoden dieser Fächer oft sehr ähnlich sind. Der Unterschied, ob man Buchstaben oder DNA analysiert, ist kleiner, als man denkt.

UNI NOVA: Wie gross ist das Interesse an Ihrem Fach bisher bei den Kollegen und Kolleginnen an der Universität Basel?

LAUER: Grösser, als wir es mit unseren bescheidenen Ressourcen bedienen könnten. Wir stehen derzeit als Partner in zehn Anträgen für den Schwerpunkt «Digital Lives» des Schweizerischen Nationalfonds – dies zusätzlich zu fünf eigenen Anträgen.

UNI NOVA: Wie sieht Ihre langfristige Vision für das «Digital Humanities Lab» in Basel aus?

LAUER: Ich möchte computergestützte Analysen und geisteswissenschaftliche Forschung betreiben, möglichst auch in Kombination mit experimentellen Methoden, wie zum Beispiel «Eye tracking». Mein Anspruch ist, eine Geisteswissenschaft für das 21. Jahrhundert wenigstens für einige Fragestellungen möglich zu machen. Die ist sicherlich nicht für alle Fächer entscheidend, aber ich bin überzeugt, dass sie für einen wachsenden Teil modellgebend sein wird.

UNI NOVA: Das heisst, auch Geisteswissenschaftler werden in Zukunft mehr Zeit vor dem Computer verbringen und sich mit Wahrscheinlichkeiten und Codes abmühen?

LAUER: Zurzeit sind wir natürlich noch eine Randerscheinung, die Nerds mit seltsamen formalen Ideen. Doch wenn es gut läuft, dann sollten sich die Digital Humanities – ähnlich wie es derzeit mit der Bioinformatik geschieht – längerfristig auflösen und Teil der Fächer werden. Irgendwann wird es ganz selbstverständlich sein, dass jemand, der Kunstgeschichte oder Germanistik studiert, auch mit Computern und statistischen Modellen umgehen kann.


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