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Universität Basel

Fortschritte im Ganglabor.

Text: Christoph Dieffenbacher

An feinsten Unregelmässigkeiten beim Gehen lassen sich spätere kognitive Störungen erkennen – sogar Jahre im Voraus. Die Universitäre Altersmedizin des Felix Platter-Spitals in Basel forscht international an der Spitze mit.

Neueste altersmedizinische Erkenntnisse lassen sich hier direkt umsetzen: Ärztin und Patientin im Ganglabor des «Basel Mobility Center». (Bild: Felix Platter-Spital)
Neueste altersmedizinische Erkenntnisse lassen sich hier direkt umsetzen: Ärztin und Patientin im Ganglabor des «Basel Mobility Center». (Bild: Felix Platter-Spital)

Dieser Teppich hat es in sich. Zehn Meter misst der Streifen aus Kunststoff, und es ist ihm nicht anzusehen, dass auf seiner Unterseite rund 30'000 kleinste Sensoren kleben. Die Bahn, auf der im Basel Mobility Center des Felix Platter-Spitals das Gehen objektiv gemessen wird, liegt in einem ehemaligen Esssaal auf dem Spitalareal. Wenn jemand darübergeht, können die Sensorpunkte bis zu 80 Parameter erfassen – von der Geschwindigkeit des Gangs über die Länge und Breite des Schritts bis zu kleinsten Unregelmässigkeiten, die von blossem Auge gar nicht erkennbar sind.

Lebensgefährliche Stürze

Mit dem sogenannten GAITRite-Teppich wurden in den letzten elf Jahren über 6000 Analysen erstellt. Die Daten stammen hauptsächlich von älteren Menschen, die vom Hausarzt hierher geschickt werden. Ihnen fällt das Gehen immer schwerer. Schwindel, Gedächtnisschwierigkeiten, mangelnde Muskelmasse oder Gelenkschmerzen können die Gründe dafür sein. Was früher selbstverständlich war, wird zum Problem: Unsicheres Gehen im Alter kann zu lebensgefährlichen Stürzen führen.

In der Regel sind es fünf bis sechs Durchgänge, welche die Patienten und Patientinnen auf dem Gehteppich zu absolvieren haben. Je nachdem soll die Testperson einmal langsamer oder einmal schneller gehen, einmal die Strecke rückwärts rechnend zurücklegen und einmal beim Gehen verschiedene Tiere aufzählen. Das Gehirn wird also zusätzlich gefordert. «Dual Task» nennt die Wissenschaft solche Tests, bei denen die Probanden beim Gehen gleichzeitig noch eine kognitive Aufgabe zu bewältigen haben. Das gilt als eine Forschungsspezialität des Ganglabors im Basel Mobility Center, das dem Felix Platter-Spital und der klinischen Professur für Geriatrie der Universität Basel angegliedert ist. «Wer beim Gehen mit einer Zusatzaufgabe gefordert wird, bewegt sich in der Regel um ein Zehntel langsamer», sagt dessen Leiterin Dr. Stephanie A. Bridenbaugh, «zudem geht man unregelmässiger und hat oftmals einen etwas breiteren Schritt.»

Was ist die Norm?

Neben Abklärung und Früherkennung verbringt die Ärztin die Hälfte ihrer Zeit mit Forschung, die sie mit Kollegen im In- und Ausland durchführt. Unsicheres Gehen kann oft ein Symptom von tiefer liegenden Problemen sein, stellt sie fest. Was beim Gehen überhaupt die Norm im Alter ausmache, ist Gegenstand ihrer aktuellen Forschung. Zum Beispiel seien in Sachen Gehgeschwindigkeit bei Erwachsenen mindestens 100 Zentimeter pro Sekunde die Norm. Doch vieles sei noch nicht geklärt. Etwa: Welches ist das normale Tempo einer 80-jährigen Frau?

Für Bridenbaugh gehört die Geriatrie «zu den spannendsten Gebieten» der Medizin, weil sie mehrere Disziplinen umfasse: «Nichts geht hier einfach nach dem Lehrbuch.» Immer wieder erzählt sie aus dem Alltag ihrer Alterspatienten und -patientinnen: Wenn sie in der Öffentlichkeit unterwegs sind, sind sie mit Dutzenden von Reizen konfrontiert – auf Zebrastreifen, Rolltreppen, im Tram. Oft bleiben die älteren Menschen in solchen Situationen automatisch stehen, und zwar ohne es zu merken. Sie werden dann von hinten gestossen, angerempelt oder mit Schimpfwörtern bedacht. «Es wäre gut, wenn sich mehr Leute in die Lage von Älteren versetzen würden», konstatiert die Ärztin.

Demenz im Voraus erkennen

Nicht selten seien die Ursachen für Gehstörungen im Gehirn zu suchen, nämlich im sensoriellen und im kognitiven Bereich: «Forschende in den USA haben gezeigt, dass sich beginnende Störungen der Hirnleistung bereits an der Geschwindigkeit des Gangs voraussehen lassen, und das bis zu zehn Jahre im Voraus», sagt Bridenbaugh. Sogar das Risiko, einmal an einer Demenzkrankheit wie Alzheimer zu erkranken, lasse sich mit der Analyse des Gangs abschätzen.

Auch in Basel werden dazu Daten gesammelt und Studien erstellt. Forschende fragen sich etwa, ob sich bei Gangstörungen die Art einer späteren Demenzerkrankung voraussagen lässt. Untersucht wird auch der Einfluss von Ernährung und Muskelschwund auf den Gang. Ginkgo-Präparate können Menschen mit leichten kognitiven Störungen zu besserem Gehen verhelfen, da der Pflanzenstoff die Gehirndurchblutung verbessert, ist ein weiteres Resultat. Und was ebenfalls in Basel herausgefunden wurde: Ältere Menschen, die ihre eigenen Zähne haben, sind besser zu Fuss als Menschen mit fehlenden Zähnen oder mit künstlichem Gebiss.

Meditation und Mobilität

«Manchmal kommen wir nach den Gangmessungen zu neuen, noch unbekannten Befunden», sagt die Ärztin. Ihr Ziel sei es, den Patienten und Patientinnen mit einfachen Massnahmen wieder zu einem besseren Gang zu verhelfen. Klinik und Forschung können dabei voneinander profitieren: Neueste altersmedizinische Erkenntnisse und Fortschritte lassen sich hier direkt umsetzen. So laufe gerade eine Studie über den Zusammenhang von östlichen Bewegungsformen und der Mobilität im Alter.

Das Basler Ganglabor ist gut ausgelastet und die ganze Woche über in Betrieb. Dessen Leiterin freut sich bereits auf den Umzug in den Neubau im nächsten Jahr: Geplant sind dort nämlich gleich zwei Ganglabors, die noch umfassendere Messungen ermöglichen. Durch den Einsatz von kleinen, tragbaren Messsensoren können weitere Parameter wie etwa Oberkörperschwankungen oder die Höhe beim Anheben des Fusses gemessen werden. Bridenbaugh erhofft sich, weitere wichtige Informationen zur ganzheitlichen Erfassung des Gangbilds zu erhalten, die in objektiven Zahlen präsentiert und mit anderen Werten verglichen werden können.

Über 70-Jährige bis 2040 verdoppelt

Der Altersforschung und der Gesundheitsprävention gehöre die Zukunft – in diese Richtung gehen die Ausführungen der in den USA geborenen Ärztin: «Wenn sich die Zahl der über 70-Jährigen bis 2040 tatsächlich verdoppelt, sind wir als Gesellschaft wirklich gefordert.» Und das unter anderem auch auf wirtschaftlicher Ebene, sagt Bridenbaugh: «Sollte es uns gelingen, die alten Menschen nur ein Jahr später in einem Alters- und Pflegeheim unterzubringen, könnten wir Millionen und Milliarden Franken einsparen.»

Stephanie A. Bridenbaugh leitet das Ganglabor im Basel Mobility Center, das dem Felix Platter-Spital und der klinischen Professur für Geriatrie der Universität Basel angegliedert ist.

Weitere Artikel in der aktuellen Ausgabe von UNI NOVA.

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