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Universität Basel

«Selbstoptimierung»: Ein Skandaltypus.

Text: Eberhard Wolff

Über einen trendigen Begriff, der auch in der Wissenschaft emotionalisiert und funktionalisiert eingesetzt wird – wie vor einiger Zeit das «Waldsterben».

In den 1980er-Jahren meinte die besorgte Öffentlichkeit im deutschsprachigen Raum, dass in den nächsten Jahrzehnten grosse Teile «unseres» Walds schlichtweg absterben würden. Der Katastrophenbegriff «Waldsterben» ging als neuer Germanismus ins Englische und Französische ein und gesellte sich zu «Angst» und «Weltschmerz». Nachdem die Katastrophe dann doch nicht eintrat, wurde er zum gefundenen Fressen für Skeptiker. Umweltschützer bevorzugen heute zurückhaltendere Formulierungen wie «neuartige Waldschäden».

Szenenwechsel: «Die Raumverteilung muss noch optimiert werden», sagte mir neulich ein Universitätsabwart ganz beiläufig. «Optimieren» ist heute in aller Munde. Übernommen aus dem lateinischen Begriff für «das Beste», meint «Optimum» jetzt das Bestmögliche, das beste erreichbare Resultat unter den gegebenen Voraussetzungen. Die sind im Alltagsleben aber immer diskutabel, also ist das Optimum nichts Genaues. «Da geht noch was», würde man salopp sagen. Hier meint Optimieren meist Profanes. Mein Computer «optimiert» am Ende des Backups und bezeichnet das Gleiche in einem anderen Menü ganz prosaisch als «aufräumen». «Optimieren» tönt aber trendiger.

Dramatisch wird der Begriff erst, wenn wir unter dem Optimalen die mit existenzieller Anstrengung erkämpfte Höchstleistung verstehen. Dann steckt hinter der «Optimierung» die glitzernde Aura der Verheissung von Vollkommenheit. Schon die Aufklärung verfocht die (naive) Utopie der «Vervollkommnung». Heute sind die Werbung und das Coaching bevorzugte Habitate dieses Optimierens – oder des flammenden Appells, sich die «Selbstoptimierung» zum Lebensziel zu setzen. Diese Branchen verdienen ihre Brötchen aber nur zu oft mit Verheissungen oder selbstlegitimierenden Floskeln statt mit Realismus.

Der positiven «Selbstoptimierung» ganz entgegengesetzt, hat sich der Begriff im gesellschaftskritischen Feuilleton seit einigen Jahren zu einem schicken Schimpfwort entwickelt. Das Verkommene anstelle des Vollkommenen sozusagen. Mit ihm sollen die schlimmen Auswirkungen einer entfesselten Leistungs-, Wettbewerbs- und Enhancement-Gesellschaft an den Pranger gestellt werden. Jeder müsse ständig daran arbeiten, perfekt zu sein: im Beruf, im Sport, in den Beziehungen, im Aussehen. Vor allem die neuen «Tracking»-Technologien, die unser Leben quantitativ dokumentieren, gelten als Sündenpfuhle der Selbstoptimierung.

Theoretische Rückendeckung erhält das Feuilleton von einem Denkkollektiv innerhalb der Geisteswissenschaften, das sich auf Michel Foucault beruft und eine gewisse Diskurshegemonie ausübt. Selbstoptimierung sei ein nie endender, fremdgesteuerter – und damit gouvernementaler – Zwang. Diesen würden moderne Gesellschaften auf das Individuum ausüben, «freiwillig» und unablässig mit Technologien des Selbst an sich zu arbeiten, auf ein Ziel hin, das nie erreicht werden kann. Als Verursacher nennen einige der Forschenden den Postfordismus oder den Neoliberalismus als ihre Handlanger – und ganz konkret Fitness-Apps. «Selbstoptimierung» ist das dominierende Deutungsmodell moderner Phänomene wie etwa das Vermessen und «Tracken» des eigenen Körpers und Alltags.

So produktiv die Denkfigur der Selbstoptimierung für die Gegenwartsanalyse sein könnte, so sehr ist der Begriff verabsolutiert worden. Ich habe lange vergeblich nach Autoren gesucht, die den Begriff der Selbstoptimierung wirklich ernst nehmen. Dabei geht es nicht um seine sture Definition, sondern um die offene Arbeit an seinem Inhalt und um das Ausloten seiner analytischen Reichweite. Welches Verständnis des namensgebenden «Optimums» steckt hinter dem Begriff? Das absolut Beste, das Bestmögliche? Unter welchen Voraussetzungen? Wer beschreibt das Optimum wo und wie? Ich habe den Verdacht, dass kein analytisches Interesse an solchen Fragen besteht. Das Optimieren bleibt in der Selbstoptimierung der Wissenschaft ebenso unbestimmt und damit emotionalisier- und funktionalisierbar wie in der Alltagsfloskel. Vielleicht wird der Begriff auch bewusst als unscharfer Superlativ verwendet, weil er skandalöser klingt als das einfache «Verbessern». Als genau definierter und empirisch analysierter Begriff würde er wohl etwas von seinem negativen, dystopischen – also anti-utopischen – Unendlichkeitscharakter einbüssen, der einen bisweilen subtilen, bisweilen expliziten Kulturpessimismus und Technikskeptizismus unterfüttert.

Max Weber hat zwischen dem Realtypus und dem Idealtypus unterschieden. Der Idealtypus versammelt die typischen Eigenschaften eines Phänomens auf eine extreme, überzeichnete Art. Als Modell dient er dem Verstehen. Er darf aber nicht als Realtypus verstanden werden. Was ich hinter der «Selbstoptimierung» vermute, ist etwas Drittes, das man als «Skandaltypus» beschreiben könnte. Er nimmt die idealtypisch befürchteten Entwicklungen als Ausgangspunkt und vermischt sie mit der Gegenwartsdiagnose auf der Basis extremer Beispiele. Der Skandaltypus ist also der in die Gegenwart übertragene «worst case». Die Gegenwart erscheint damit, subtil oder explizit, als Skandal.

Der Skandaltypus liebt die deduktive Methode. Er ist gleichzeitig Ausgangspunkt wie vorgezeichnetes Ergebnis. Ausgewählte Beispiele bestätigen die Annahmen. Die Möglichkeit der Falsifikation wird gar nicht erst bedacht. Nach Abstufungen, Varianten, alternativen Erklärungen oder Gegenbeispielen wird nicht gesucht. Als Kulturanthropologe liebe ich das Gegenteil, die induktive Methode. Sie geht vom Beispiel aus. Sie fragt und sucht. Das Gegenteil ist denkbar. Varianten und Alternativen erschliessen sich über die Untersuchung einzelner Beispiele. Die Bedeutungen und Funktionen vervielfältigen sich. Wer «Selbstoptimierung» als Skandal-Schlagwort verwendet, beschwört einen extremen Zustand herauf, in dem sich Menschen bedingungslos ihrer Smartwatch am Armband unterwerfen, alles quantifizieren und dokumentieren und sich von einem persönlichen Rekord zum nächsten quälen, um fremden Idealen nachzueifern.

Wie viele Menschen kennen Sie, die marionettenhaft jeden Schritt, jede Kalorie, jede Gemütsbewegung, ihren Puls, Blutdruck und Blutzucker messen und sich dabei ständig verbessern wollen? Es mag sie vereinzelt geben. Ich kenne aber viele, die kleine Selbsttests mit Trackern gemacht und diese amüsiert oder gelangweilt nach einer Schnupperphase wieder aufgegeben haben. Ich kenne auch Menschen, die Tracking hier und da produktiv einsetzen, selbst bestimmen, wie viel Ernst und wie viel humorvolles Spiel sie darin sehen wollen. Menschen, die sich selbst kennenlernen wollen, mit sich selbst umgehen wollen. Auch sie hat Foucault mit seinem Begriff der Selbsttechnologien im Blick gehabt.

Denkkollektive können genauso viel ermöglichen wie verhindern. Der Begriff der Selbstoptimierung ist für mich zu einem Begriff geworden, der durch Skandalisierung das Verstehen begrenzt. Vielleicht wird er zum gefundenen Fressen für die Skeptiker der Selbstoptimierungstheorie – genauso wie damals beim «Waldsterben».


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