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Universität Basel

Alte Köpfe wissen mehr.

Text: Yvonne Vahlensieck

Bis ins hohe Alter lernen wir noch neue Fakten und Konzepte. Basler Psychologen studieren, wie sich das Gedächtnis im Lauf des Lebens an diesen Zuwachs an Wissen anpasst.

Karte des semantischen Gedächtnisses einer Person. Dieses umfasst das Weltwissen eines Menschen und ist in Netzwerken organisiert. Es wird angenommen, dass sich die gespeicherten Bedeutungen von Wörtern, Begriffen und ihren Zusammenhängen über die gesamte Lebensdauer verändern. (Bild: Universität Basel, Center for Cognitive and Decision Sciences)
Karte des semantischen Gedächtnisses einer Person. Dieses umfasst das Weltwissen eines Menschen und ist in Netzwerken organisiert. Es wird angenommen, dass sich die gespeicherten Bedeutungen von Wörtern, Begriffen und ihren Zusammenhängen über die gesamte Lebensdauer verändern. (Bild: Universität Basel, Center for Cognitive and Decision Sciences)

Es ist ein bekanntes Phänomen: Bei älteren Menschen geht es mit den geistigen Fähigkeiten stetig bergab – sie vergessen Namen, haben ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis und brauchen für alles ein bisschen länger. «Wenn wir vom Alter reden, geht es meistens um eine Verschlechterung », bestätigt auch der Psychologe Rui Mata, Leiter des Zentrums für Cognitive and Decision Sciences der Universität Basel. Dennoch gibt es einen Bereich, in dem die Alten gegenüber den Jungen die Nase vorn haben – sie verfügen über mehr Wissen. «Das ist die einzige Domäne, in der wir auch im Alter noch eine Verbesserung sehen», so Mata.

Dieser Vorsprung zeigt sich beispielsweise in einem einfachen Experiment, bei dem es darum geht, innerhalb einer Minute so viele Tierarten wie möglich aufzuzählen. Dabei fallen den über 65-Jährigen zwar im Schnitt drei Tierarten weniger ein als der jüngeren Generation: «Aber die Älteren nennen dabei häufiger seltene Tiere, so etwa eine besondere Papageienart oder eine spezielle Hunderasse », sagt Mata.

«Im Verlauf des Lebens sammelt also jeder von uns immer mehr einzigartiges Wissen an, während sich das Wissen von jungen Menschen nur wenig voneinander unterscheidet.» Die Überlegenheit der Alten in diesem Bereich zeigt sich unter anderem auch darin, dass sie einen grösseren Wortschatz haben und die Bedeutung von wenig gebräuchlichen Wörtern eher kennen.

Gedächtnis als Wissensdatenbank

Das Lexikon im Kopf, in dem all dieses Wissen abgespeichert wird, ist das sogenannte semantische Gedächtnis. Es enthält sämtliche Fakten und Konzepte, die wir im Lauf unseres Lebens lernen – ob Vokabeln, Tierarten, historische Ereignisse oder kulturelles Wissen. Die Existenz eines solchen Gedächtnisses ist zwar schon lange bekannt, doch erst in den letzten Jahren ist es Forschenden dank technischer Fortschritte gelungen, seine Struktur genauer zu untersuchen. So haben Mata und sein Team mithilfe von Computermodellen und statistischen Auswertungen analysiert, in welcher Reihenfolge die Versuchspersonen die Tierarten aufzählten. «Typischerweise nennen die meisten zuerst Haustiere wie Hund und Katze. Wenn ihnen dazu nichts mehr einfällt, springen sie zur nächsten Kategorie, etwa Dschungeltiere wie Krokodil und Schlange», so Mata.

Aus solchen und ähnlichen Untersuchungen schlossen die Psychologen, dass die Fakten im semantischen Gedächtnis nicht zufällig angeordnet sind. Stattdessen gruppieren sie sich aufgrund gemeinsamer Charakteristiken um bestimmte Knotenpunkte herum – sogenannte Hubs. So gibt es beispielsweise Hubs für Haustiere, für Tiere mit Fell, für Werkzeuge, für Früchte und für Unzähliges andere mehr.

Diese Form der Organisation ermöglicht einen schnellen Zugriff auf Informationen: Suchen wir etwa den Namen einer Tierart auf einem Foto, muss nicht das ganze Gedächtnis durchsucht werden. Stattdessen steuern wir zunächst einen passenden Hub an (zum Beispiel «Tiere mit Flügeln») und kommen dadurch schneller auf den gesuchten Namen («Gans»). Dieses Prinzip der Organisation ist auch unter dem Begriff «Small-World- Konzept» bekannt und findet sich in den unterschiedlichsten Bereichen wieder: im Beziehungsgeflecht von sozialen Netzwerken, im Nervensystem der Fruchtfliege oder beim Streckennetz von Fluglinien. «Letztendlich geht es beim semantischen Gedächtnis also nicht nur darum, wie viel jemand weiss, sondern auch darum, wie dieses Wissen strukturiert gespeichert wird», sagt Mata.

Alt und Jung vergleichen

Mata, der auf psychologische Aspekte des Alterns spezialisiert ist, interessiert sich vor allem dafür, wie sich diese Strukturen im Verlauf des Lebens mit zunehmendem Alter und zunehmendem Wissen verändern: «Ist das semantische Gedächtnis bei älteren Menschen anders organisiert als bei jüngeren?» Diese Frage soll eine gerade angelaufene grosse Assoziationsstudie klären, die Personen aus verschiedenen Altersgruppen miteinander vergleicht. Hierfür müssen die Probanden spontan alle Begriffe nennen, die ihnen zu einem bestimmten Wort einfallen.

Aus vielen Tausenden solcher Assoziationen will Mata dann mithilfe des Computers für jeden Teilnehmenden eine ganz individuelle Karte des semantischen Gedächtnisses anfertigen. Die dreidimensionale Darstellung zeigt auf, wie eng Wörter und Begriffe miteinander verknüpft sind und um welche Hubs sie sich gruppieren. Mata vermutet, dass er dabei aufgrund des individuell angesammelten Wissens grössere Unterschiede zwischen einzelnen älteren Personen als zwischen den jüngeren finden wird.

Die Erkenntnisse aus derartigen Studien könnten eines Tages auch dabei helfen, diagnostische Tests für degenerative Hirnkrankheiten zu verfeinern. Meist überprüfen die Ärzte dafür andere Gedächtnisarten – wie das für persönliche Erlebnisse zuständige episodische Gedächtnis oder das Kurzzeitgedächtnis – und berücksichtigen das semantische Gedächtnis nur wenig. Zwar ist es bekannt, dass bei Alzheimerpatienten das Faktenwissen in der Regel länger erhalten bleibt als persönliche Erinnerungen. Allerdings gibt es auch spezielle Formen der Demenz, die vor allem das semantische Gedächtnis beeinträchtigen. Davon Betroffene haben dann beispielsweise grosse Schwierigkeiten, Tiere, Werkzeuge oder Obst korrekt zu benennen.

«Wie in einer Bibliothek»

Mittlerweile vermuten Psychologen auch, dass die ständig wachsende Enzyklopädie im Kopf nicht nur Vorteile mit sich bringt. Mata spekuliert, dass zu viel Wissen mit ein Grund dafür ist, dass sich gewisse kognitive Fähigkeiten im Alter verschlechtern: «Es ist wie in einer Bibliothek: Je mehr Bücher es gibt, umso länger dauert es, ein ganz bestimmtes Buch zu finden.» Dies wäre eine mögliche Erklärung dafür, warum älteren Menschen manchmal so lange nach einem Namen oder einem Datum suchen müssen, obwohl sie es eigentlich wissen.

Im Moment denken Mata und seine Forschungsgruppe über geeignete Experimente nach, um diese noch recht neue Hypothese zu überprüfen. Doch obwohl noch so viele Fragen offen sind, eine Tatsache bleibt: Die Älteren verfügen über ein grösseres Wissen als die jüngere Generation – selbst wenn der Zugriffdarauf manchmal etwas länger dauert.

Rui Mata ist Associate Professor an der Fakultät für Psychologie der Universität Basel und Leiter der Abteilung Cognitive and Decision Sciences.

Weitere Artikel in der aktuellen Ausgabe von UNI NOVA.

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