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Universität Basel

Potenzlehre statt Porno-Game

Text: Urs Hafner

Jacob Burckhardt geht virtuell. Im Historischen Museum Basel vergegenwärtigt eine 3-D-Installation die Ideen des grossen Basler Kulturhistorikers, der vor 200 Jahren zur Welt kam.

Selbst am Schreibtisch Jacob Burckhardts sitzen und in seine Bilder- und Gedankenwelt eintauchen? Die 3-D-Installation «Desktop» im Historischen Museum Basel macht es möglich. Sie vermittelt vielfältige Aspekte des Burckhardt’schen Denkens und lotet zugleich die Möglichkeiten digitaler Medien für eine aktuelle Geschichtswissenschaft aus.
Selbst am Schreibtisch Jacob Burckhardts sitzen und in seine Bilder- und Gedankenwelt eintauchen? Die 3-D-Installation «Desktop» im Historischen Museum Basel macht es möglich. Sie vermittelt vielfältige Aspekte des Burckhardt’schen Denkens und lotet zugleich die Möglichkeiten digitaler Medien für eine aktuelle Geschichtswissenschaft aus. Foto: Universität Basel

Dieser Raum ist beides: unendlich weit und zugleich abgeschlossen. Unendlich ist er in seinen endlos hohen Räumen, mit seinen Verwinkelungen und Verästelungen, seinen Plateaus und Treppen. Abgeschlossen wirkt er, weil kein Tageslicht ihn erhellt. Ein unheimlicher Dämmer herrscht hier, matt erleuchtet von der Materie selbst.

Unsicher schreitet der Besucher über die weite Fläche. Vor ihm wächst eine Fächerwand gegen oben, von rechts schwebt ihm die riesige Fotografie einer antiken Skulptur entgegen, die er mit seiner Drahthand zu ergreifen versucht. Er stösst auf den Roche-Turm, das neue Wahrzeichen Basels, betritt ihn – und findet sich in einem barocken Interieur wieder. Lauert hinter dem Mauervorsprung ein böser Mönch? Oder gar er, Jacob Burckhardt, der grosse Basler Historiker, der vor 200 Jahren zur Welt kam?

Der Raum, diese verstörende Traumlandschaft, die einem surrealistischen Gemälde entsprungen scheint, existiert nicht wirklich. Er ist virtuell. Wenn der Besucher die klobige 3-D-Brille abnimmt und sich irritiert umschaut, findet er sich in der Realität wieder: im Historischen Museum Basel. Er sitzt vor einem Schreibtisch mit auffälliger Fächerwand – einem Nachbau von Jacob Burckhardts Büromöbel, das in der Nähe steht. Der Historiker ordnete in den Fächern seine Korrespondenz und Notizen, vielleicht auch seine Bilder und Fotografien.

«Der Schreibtisch hatte die Funktion, Wissen zu organisieren und Geschichte zu imaginieren», sagt Lucas Burkart (nicht verwandt mit Burckhardt), Geschichtsprofessor der Universität Basel. Von diesem Schreibtisch haben sich er und Mischa Schaub, Leiter der Forschungsgesellschaft für Entwurfsgestaltung Virtual Valley, inspirieren lassen für ihre 3-D-Installation «Desktop». Die beiden sind mit ihrer «Intervention » für Burckhardts runden Geburtstag real in die virtuelle Offensive gegangen.

Konservativer Nonkonformist

«Desktop» transferiert den Basler Kulturhistoriker in einen surrealen Raum, in dem man ihm begegnen kann – seinen Ideen und Bildern und seiner mit der Gegenwart verwobenen Lebenswelt. Die Installation hebt die gängige Scheidung von Gegenwart und Vergangenheit und von Realität und Virtualität auf, ohne der Versuchung zu erliegen, den konservativen Nonkonformisten als Person digital wiederzubeleben.

Jacob Burckhardt, geboren 1818 in Basel, gestorben daselbst 1897: Gefeiert wird der die 1000er-Banknote zierende Kulturhistoriker, weil sein Werk, das sich besonders mit der italienischen Renaissance und der griechischen Antike befasst, die Zeiten erstaunlich gut überdauert hat. Seine «Weltgeschichtlichen Betrachtungen » sind schon länger ein Klassiker der Geschichtstheorie. Methodisch relativierte er – aus heutiger Sicht wegweisend – die Vorrangstellung des Staates und der Religion, um daneben die Kultur als dritte universalgeschichtliche «Potenz » zu etablieren. Kultur war ihm «alle Geselligkeit, alle Techniken, Künste, Dichtungen und Wissenschaften», ja «die Gesellschaft im weitesten Sinne».

Burckhardt deutete das Mentale einer Epoche als eine Art Tiefenstruktur. Damit blieb er in der Geschichtsschreibung noch lange ein Solitär. Seine Kollegen interessierten sich vorwiegend für Fürsten und Politiker, für gewichtige Individuen und die «Realität» – und tun dies wieder mehr als auch schon.

Doch Burckhardt war nicht bloss originell, er war auch reaktionär und elitär. Die Industrialisierung, die Technisierung, die Demokratisierung, die allgemeine Schulbildung, all das war ihm ein Graus. Mit der jungen liberalen Schweiz konnte er wenig anfangen. Nur in der hohen Kunst schien ihm das Humane seiner Zeit gerettet. Vor den Zumutungen der Moderne schuf er sich an der Universität und im kleinen Wirtshauskreis sein Refugium. In seinen Briefen äusserte er sich, wie andere Mitbürger auch, rassistisch und antisemitisch – was in einem Raum der 3-D-Installation thematisiert wird.

Burckhardt – ein Medienpionier

Und jetzt also geht ausgerechnet dieser Burckhardt virtuell in die neue Welt der unbegrenzten Möglichkeiten, die gewöhnlich von Ego-Shootern bevölkert wird und in der vorwiegend Gewalt und Porno praktiziert werden? Hat man Burckhardt in seine Hölle verbannt? Lucas Burkart und Mischa Schaub verneinen – und evozieren Burckhardt, den Medienpionier. Denn während seine Zeitgenossen nur mit schriftlichen Quellen gearbeitet hätten, habe er sich innovativ mit dem aufsteigenden Medium der Fotografie beschäftigt; 10 000 Stücke zählte seine immense Sammlung.

Der Basler Historiker, sagt Lucas Burkart, habe die Trennung zwischen dem Heute und dem Gestern aufgehoben: «Er wusste, dass die Geschichte aus der Gegenwart entsteht und die Grundlage für die Orientierung für die Zukunft ist.» Die Vermischung der Zeiten, wie Burckhardt sie erwogen habe, sie findet nun im virtuellen Raum statt.

Und Mischa Schaub gibt den Siegeszug der «mixed realities» zu bedenken: «Wir können uns der digitalen Revolution nicht entziehen, ob wir sie nun gut oder schlecht finden, sie ist im Gang, jetzt und hier.» Die beiden Burckhardt-Installateure sind sich einig: Bald werde der Computerbildschirm durch eine Linse ersetzt, die wir alle vor den Augen trügen. Es gelte nun, die Inhalte vor der Technologie zu verteidigen. Burckhardt statt Bazooka also?

«Desktop» ist anspruchsvoll. Wer kann und will, wird im virtuellen Raum die medientheoretisch gedeuteten Überlegungen des Historikers wiederfinden; er oder sie wird sie weiterspinnen und über den Sinn des Historischen nachdenken. Die barocke Innenseite des Roche-Towers – eine Vision, eine Mahnung, eine «Archäologie»?

Und wer nicht kann oder nicht will, was wird er oder sie in der surrealen Landschaft suchen? Vielleicht findet er den Traum der vergangenen Nacht. Wenig wäre das nicht.

Virtuell im Museum

Desktop ist vom 4. Mai bis 29. Juli 2018 im Historischen Museum Basel installiert, danach im Landesmuseum Zürich. Die Produktion wurde von einem vierköpfigen Team (Lucas Burkart, Mischa Schaub, Maike Christadler, Sid Iandovka) des Departements Geschichte der Universität Basel und der Forschungsgesellschaft für Entwurfsgestaltung Virtual Valley erarbeitet. Sie ist im Internet frei abrufbar; wer eine 3DBrille besitzt, kann «Desktop» zu Hause benutzen.

Weitere Artikel in der aktuellen Ausgabe von UNI NOVA.

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