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Universität Basel

Nicht alles ist nachhaltig, was grün ist

Oliver Klaffke

Im Departement Gesellschaftswissenschaften der Universität Basel erforscht Paul Burger nachhaltiges Verhalten. Er untersucht, welche Konsequenzen es hat, wie man es fördert und was die Beweggründe der Menschen sind, sich an Prinzipien der Nachhaltigkeit zu orientieren.

«Ob jemand zu Hause LED-Leuchten verwendet oder den Wasserverbrauch seiner Toilettenspülung reduziert, ist für die Nachhaltigkeit im Gesamtsystem wenig relevant», sagt Professor Paul Burger, Leiter der Arbeitsgruppe Sustainability Research des Departements für Gesellschaftswissenschaften an der Universität Basel. Mehr Durchschlagskraft haben laut Burger Entscheidungen, die weitere Veränderungen auslösen. Nachhaltige Entscheidungen «ziehen Fäden» – und diese interessieren Paul Burger.

Wer etwa auf ein eigenes Auto verzichtet, hilft nicht nur, fossile Brennstoffe einzusparen, sondern verringert auch noch den eigenen Platzbedarf. Ein solcher Entscheid kann auch dazu beitragen, dass weniger Verkehr auf den Strassen fliesst, was wiederum die Unfallhäufigkeit reduziert. Ausserdem kauft eine Person ohne Auto wahrscheinlich eher im Quartier statt im Einkaufszentrum vor der Stadt ein und hilft, die Innenstadt am Leben zu erhalten.

Bilanz ziehen

So zumindest die Theorie. Welche Konsequenzen der Verzicht auf das eigene Auto tatsächlich hat, ist eine Frage im Forschungsprogramm von Burgers Gruppe. «Auf den ersten Blick ist das aus der Perspektive der Nachhaltigkeit eine gute Sache», sagt der Soziologe. «Wir wissen aber nicht wirklich, wie sich die Entscheidung unter dem Strich auf die Nachhaltigkeit auswirkt.» Das Geld, das durch den Verzicht auf die eigenen vier Räder nicht ausgegeben werde, könne ja für Überseeferien eingesetzt werden. Die Ersparnis beim ökologischen Fussabdruck würde sich dann in den Kondensstreifen der Ferienflieger auflösen. Rebound-Effekt nennen Wissenschaftler es, wenn sich die gute Absicht für Effizienzsteigerung in das Gegenteil verkehrt. «Das wäre nicht im Sinne der Nachhaltigkeit», sagt Burger.

Wie sich nachhaltiges Verhalten fördern lässt, ist eine andere Schwerpunktfrage der Basler Forschenden. Im Rahmen des schweizerischen Forschungskompetenzzentrums SCCER-CREST, das sich mit sozioökonomischen Fragen der Energiewende beschäftigt, untersuchen sie, unter welchen Bedingungen sich Menschen für nachhaltige Energielösungen entscheiden. Ziel ist es, die Erfolgsaussichten von Massnahmen abzuschätzen, mit denen Bürgerinnen und Bürger ermutigt werden, ihren Energieverbrauch einzudämmen. Wie wirken Aufklärungskampagnen? Reagieren Menschen auf verschiedene Preismodelle? Reduzieren intelligente Stromnetze oder eine Initiative wie die für 2000-Watt-Haushalte den Energiekonsum? «Wir nehmen unter anderem an, dass das Programmdesign und soziale Lernprozesse eine wichtige Rolle spielen», ist Burger überzeugt. Sein Team möchte mit dem Wissen, wie Verhaltensänderungen angestossen werden können, Politikern, Behörden oder NGO helfen, Nachhaltigkeitsziele besser zu erreichen und die richtigen Argumente zu formulieren.

Nicht immer so einfach: Beispiel Indien

Nicht immer ist der Weg zur Nachhaltigkeit offensichtlich, wie ein Beispiel aus Indien zeigt. In ländlichen Gebieten wurden in den letzten Jahren Programme ins Leben gerufen, um mit dem Bau von Toiletten die hygienische Situation und damit die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern. Eine Untersuchung hat allerdings ergeben, dass für die Bevölkerung der gesundheitliche Nutzen weniger im Vordergrund steht. «Die Leute vor Ort schätzen den Zeitgewinn als sehr wichtig ein», sagt Burger. Sie müssen nicht mehr lange Strecken zurücklegen, um auf die Toilette zu gehen. Die Sicherheit der Frauen verbessert sich, weil sie sich in einen geschützten Raum zurückziehen können. «Gleichzeitig steigt das Selbstbewusstsein der Leute.» Ohne begleitende Forschung wäre der wahrgenommene Nutzen einer besseren Versorgung mit WC im Dunkeln geblieben. «Mit solchem Wissen können künftige Kampagnen besser geplant werden und ihre Erfolgsaussichten steigen», sagt Burger.

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