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Universität Basel

23. Januar 2020

Wie arbeiten wir in Zukunft?

Porträt von Elisa Gerten
Elisa Gerten forscht zum Thema «Work 4.0» an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. (Foto: Universität Basel, Florian Moritz)

An unseren Arbeitsplätzen hat die Digitalisierung längst Einzug gehalten. Laufend kommen aber neue technische Möglichkeiten hinzu, die weitere Veränderungen bringen. Wie sich digitale Transformationsprozesse auf die Arbeitswelt auswirken, untersucht die Ökonomin Elisa Gerten.


Frau Gerten, was hat sie dazu gebracht, Ihre Forschung dem Thema Digitalisierung zu widmen?

Besonders fasziniert mich die Polyvalenz des Themas. Man nutzt die neuen digitalen Tools überall und ist sich gleichzeitig gar nicht der Konsequenzen bewusst. Die Digitalisierung gibt es ja schon lange, aber die Veränderungsprozesse, die gerade stattfinden – laufend besser werdende Geräte, neue Möglichkeiten der Datenverarbeitung – bauen auf ihr auf, und viele künftige Entwicklungen können wir uns heute noch gar nicht vorstellen.

Und was bedeutet das für die Arbeitswelt?

Wir beobachten gegenläufige Tendenzen, wo die digitalen Transformationsprozesse hinführen könnten: Einerseits stellen wir eine Abflachung der Hierarchien, losere Strukturen und grössere Entscheidungsmacht der Mitarbeitenden fest. Das heisst, Arbeitnehmende sind autonomer. Andererseits lässt sich die Arbeit dank digitaler Technologien immer genauer kontrollieren, und je besser die Geräte werden, desto umfassender ist natürlich auch Kontrolle möglich.

Gibt es Arbeitsmodelle, die mit der digitalen Transformation des Arbeitsplatzes verbreiteter werden?

Ja, beispielsweise Telearbeit – also die Arbeit von unterwegs oder zuhause – und plattformbasierte Arbeit, bei der jemand über eine Internetplattform zum Beispiel Lieferdienste ausführt. Beide sind nicht neu, werden aber zurzeit kontrovers diskutiert. Gerade plattformbasierte Arbeit wird vermehrt getestet. Interessant ist, dass Schweizerinnen und Schweizer sich vorwiegend für diese Art von Arbeit entscheiden, weil sie neugierig sind und etwas ausprobieren wollen. In Deutschland sind es eher finanzielle Gründe, die die Menschen dorthin treiben.

Und was ist bei diesem Modell der Knackpunkt?

Aktuell verdient man bei solchen Arbeiten nicht viel Geld, da es keine Lohnuntergrenzen oder gar Tariflöhne gibt. Es besteht die Gefahr von prekärer Beschäftigung. Das heisst natürlich nicht, dass plattformbasierte Arbeit grundsätzlich schlecht ist, aber es ist enorm wichtig zu beobachten, wie dort gearbeitet wird. Da braucht es Regeln, zum Beispiel Punkto Lohn, die für alle gelten. Momentan sind die Graubereiche noch gross.

Müssen wir uns in Zeiten von Work 4.0 vom «klassischen» Arbeitsmodell verabschieden?

Ja, schon, aber auch das ist nichts Neues. Wenn Sie in die Geschichte zurückblicken, hat sich die Arbeit immer verändert. Mit den neuen digitalen Transformationsprozessen werden flexiblere Arbeitsmodelle, kürzere und befristete Anstellungsverhältnisse sowie schnellere Arbeitsplatzwechsel ermöglicht.

Welche Gruppen sind von diesen Prozessen besonders betroffen?

Bei Frauen und älteren Menschen ist die Unsicherheit wahrscheinlich am grössten. Frauen sind vermehrt teilzeitbeschäftigt oder verschwinden zeitweise ganz vom Arbeitsmarkt. Wenn dann Transformationsprozesse stattfinden, kann es sein, dass sie häufiger auf Onlineplattformen unterwegs sein werden. Ob das ein neues Risiko oder eine Chance ist, können wir heute noch nicht sagen.

Und ältere Menschen?

Für Erwerbstätige in einem höheren Alter wird die Arbeitssuche bestimmt nicht einfacher. Anpassen musste die ältere Generation sich allerdings schon immer und sie bringt natürlich Erfahrung mit. Viele Unternehmen sind heute schon bestrebt, die Diversität von Teams für sich zu nutzen, indem sie altersgemischte Teams einsetzen. Was aber ältere und junge Arbeitnehmende gleich treffen wird, ist die Schnelligkeit. Schon Kinder können heute zum Beispiel in kürzester Zeit komplexe Videoclips zusammenstellen. Für diese Generation ist die Geschwindigkeit der Entwicklungen selbstverständlich.

Heisst das, die Kinder von heute sind die grossen Gewinner der digitalen Transformation?

In mancher Hinsicht haben sie es vielleicht leichter. Umfragen zeigen jedoch, dass die Jungen sich vor allem Sicherheit für ihr Erwerbsleben wünschen – wo wir uns noch primär eine sinnvolle Tätigkeit und Herausforderungen gewünscht haben. Das heisst, die Unsicherheit oder gar die Angst um einen garantierten Arbeitsplatz mit angemessenem Lohn ist für diese Generation gestiegen.

Was ist also zu tun?

Es braucht mehr Diskurs: Arbeitgebende, politische Entscheidungsträger und auch die Wissenschaft müssen diese Themen vermehrt diskutieren. Dabei ist Interdisziplinarität sehr wichtig. Beispielsweise stellen sich in den Bereichen plattformbasierte Arbeit und Mitarbeiterüberwachung neben arbeitsorganisatorischen Fragen auch solche des Arbeitsrechts, des Datenschutzes oder der ethischen Vertretbarkeit. Eigentlich sollte jede und jeder über die Möglichkeiten neuer Arbeitsmodelle nachdenken und diese zum Gespräch machen. Aber auch: keine Panik. Sogar die besten IT-Fachleute können sich nicht alles merken und müssen googeln – das finde ich beruhigend.

Plattformbasierte Arbeit

Plattformen, die zwischen Selbstständigen und Kundinnen und Kunden vermitteln, gibt es heute viele. Neben grossen, bekannten Plattformen – man denke an Uber, Airbnb oder Deliveroo – kommen laufend neue Angebote dazu. Dabei ist die Überprüfung der Identität einer Person oft schwierig. Weitere Hürden sind nicht regulierte Löhne und grosse Qualitätsunterschiede bei der Ausführung der Aufträge.

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