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Universität Basel

27. Mai 2020

Forschung im Doppelpack – viele Vorteile, keine Nachteile

Marion Schulze und Alain Müller. (Foto: Universität Basel, Dominik Plüss)
Professur im Jobsharing: Marion Schulze und Alain Müller. (Foto: Universität Basel, Dominik Plüss)

Was noch vor wenigen Jahren als seltenes Arbeitsmodell galt, macht inzwischen Schule: Seit Anfang Jahr ist an der Universität Basel erstmals eine Assistenzprofessur mit zwei Personen im Jobsharing besetzt. Die Vorteile der konsequenten Zusammenarbeit stellen auch zwei Psychologinnen unter Beweis, die unlängst für ihre Forschungskooperation ausgezeichnet wurden.

Seit Januar besetzen Prof. Dr. Marion Schulze und Prof. Dr. Alain Müller gemeinsam die Assistenzprofessur in Kulturanthropologie und Geschlechterforschung. Bereits ziehen Sie eine erste positive Bilanz: «Logischerweise bringt eine Doppelbesetzung immer eine Vervielfachung von Forschungsperspektiven und -themen mit sich. Wir sehen den echten Zugewinn unserer Brückenprofessur allerdings in dem Gemeinsamen, in ihrem Synergieeffekt», sagt Marion Schulze. Und weiter: «Auch wenn wir schon eine erfahrene und erprobte Interdisziplinarität und Kollaboration mit in die Stelle einbringen, so verlangt diese sie auch und verankert so institutionell den Dialog und die Zusammenarbeit. Diese zusätzliche Dynamik prägt erfahrungsgemäss auch die Lehre und Forschung.»

Gemeinsamer Werkzeugkasten

Begonnen hat die Zusammenarbeit der beiden durch dasselbe Forschungsobjekt in der jeweiligen Dissertation. Beide befassten sich mit der Welt des Hardcore-Punks. «Marion Schulze untersuchte, wie diese geschlechtlich organisiert ist und mich interessierte, wie sich diese transnationale Welt als solche herstellt», sagt Alain Müller. Sie kamen aus unterschiedlichen Disziplinen und ihre Feldforschung war geografisch zunächst unterschiedlich verortet. Doch das Sujet, die Methoden und die existierende Forschungsliteratur waren gemeinsame und zentrale Referenzpunkte. «Das geteilte Objekt war Grundlage und Auslöser der Entwicklung eines gemeinsamen theoretischen und methodologischen Werkzeugkastens, aber auch der sich daraus entwickelten Metafrage der situierten und vernetzen Herstellung von Kultur und Geschlecht», sagt Müller. Den Werkzeugkasten hätten sie seitdem gemeinsam erweitert und ab und zu «aufgeräumt».

«Das passiert zum einen, indem wir die Werkzeuge an neuen Forschungsobjekten erproben, wie zum Beispiel an der internationalen Rezeption südkoreanischer Fernsehserien und der urbanen Sportart Street Workout. Ein Sport und eine starre Körperhaltung vor einem Bildschirm haben erst einmal nicht viel gemeinsam, doch der rote Metafaden der verwobenen Herstellung von Geschlecht und Kultur ist auch hier präsent», ergänzt Marion Schulze. Neben dem Erproben von Konzepten spielten sie oft eine Art «konzeptuelles Pingpong», indem sie dieselben Konzepte in unterschiedlichen Kontexten austesten und ausfeilen. «So stösst einer von uns auf ein Konzept, die andere nimmt es dann in die analytische Arbeit und der andere danach wiederum im Unterricht auf.» Müller nennt weitere Punkte der Zusammenarbeit: «Wir lesen alles gegen, was wir schreiben, und tauschen uns beständig über unsere Forschungsprojekte und Lektüren aus.» Zudem flössen die unterschiedlichen Kompetenzen, Interessengebiete, Wissenschaftskulturen und -sprachen in jedes Projekt ein.

Shared Career in der Psychologie

Was vor zehn Jahren noch als exotisch galt, macht inzwischen Schule – auch in Basel: Die Psychologinnen Dr. Cosima Locher und Dr. Helen Koechlin, heute 30 und 31 Jahre alt, lernten sich während ihrer Dissertationen an der Universität Basel kennen. Als Helen Koechlin am Kinderspital in Boston arbeitete, schrieben sie auf Distanz ein gemeinsames Paper über die Wirksamkeit und Sicherheit zweier Antidepressiva-Gruppen bei der Behandlung häufiger psychischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Für ihre Metaanalyse haben sie die Daten existierender Interventionsstudien zusammengefasst. Die Fakultät für Psychologie verlieh den beiden dafür 2018 den Steven Karger Preis. Es folgte ein weiteres gemeinsames Projekt. «Wir merkten, dass wir uns befruchten und dass es guttut, sich austauschen und voneinander profitieren zu können», sagt Helen Koechlin. Inzwischen liegt ihr Schwerpunkt auf chronischen Schmerzen. Cosima Locher richtet den Fokus auf Erwachsene, Helen Koechlin ist auf Kinder- und Jugendpsychologie spezialisiert. «Wir decken so das ganze Altersspektrum ab», sagt sie.

Vor einem Jahr beschlossen die beiden, ihre Karriere zusammen voranzutreiben. «Uns soll es nur im Doppelpack geben. Eins und eins gibt mehr als zwei, allein schon, weil wir verschiedene Kernkompetenzen mitbringen und unterschiedliche Menschen sind.» Derzeit sind beide mit Grants des Schweizerischen Nationalfonds im Ausland und zudem im Mutterschutz. Danach geht es los mit Bewerbungen. Die Nachwuchswissenschaftlerinnen wollen sich eine Assistenzprofessur teilen.

Für die beiden Postdocs steht einer Zusammenarbeit nach dem Vorbild von Schulze und Müller nichts mehr im Weg: «Wichtig ist auch die Unterstützung aus dem eigenen Team», betont Helen Koechlin. Das Team und die Leitung der Abteilung, in der die beiden Forscherinnen an der Universität Basel tätig waren, habe die Shared Career der beiden von Anfang an aktiv unterstützt. Auch Marion Schulze und Alain Müller betonen, wie wichtig für sie die «bemerkenswerte Unterstützung der Teams beider Fächer sowie des Fachbereichs» sei.

Als Anerkennung für die Umsetzung ihres Modells haben Cosima Locher und Helen Koechlin im Februar einen Inger Salling Preis für Psychiatrie erhalten. «Wir freuen uns sehr, dass wir explizit dafür prämiert wurden», sagt Helen Koechlin. Sie sieht es als Zeichen, dass die Zeit reif dafür ist, Führungsverantwortung zu teilen. Zwei Ansprechpersonen kämen auch den Studierenden entgegen, ist Helen Koechlin überzeugt.

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