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Universität Basel

13. Juni 2022 / Uni Blog, Dr. Lesley Nicole Braun

TikTok als Quelle für ethnografische Untersuchungen

Afrikanische Menschen in einem Boot, eine Hausangestellte in Katar und ein Bambusweber in Ruanda.
Weil Menschen auf TikTok Einblicke in ihr Leben geben, ist die Plattform eine Fundgrube für ethnografische Untersuchungen. (Fotos: Screenshots/Nicole Lesley Braun)

In den sozialen Medien teilen Menschen Ausschnitte aus ihrem Leben mit anderen. Für die Forschung sind diese Plattformen eine Fundgrube. In ihrem Blogbeitrag erklärt die Ethnologin Lesley Nicole Braun, welche Einblicke in ferne Lebensrealitäten sie und ihre Master-Studentinnen Anna Vollmer Mateus und Xiao Meng durch TikTok-Videos respektive durch Gespräche mit deren Urheberinnen und Urhebern erhalten haben.

Eine afrikanische Frau wäscht ihre Kleidung in einem malerischen Fluss und erklärt auf Mandarin, was sie tut. Eine kenianische Hausangestellte bereitet in einer Küche in Saudi-Arabien Essen zu und verrät mit einem Augenzwinkern, wie man Lebensmittel aus dem Kühlschrank des Arbeitgebers klauen kann, ohne erwischt zu werden. Und ein chinesischer Unternehmer in Tansania stellt anderen Unternehmern Geschäftsmöglichkeiten vor, sollten sie China in Richtung Afrika verlassen wollen. Dies sind nur einige Beispiele für TikTok-Videos, in denen Menschen Einblicke in ihr tägliches Leben und insbesondere in ihre Arbeit gewähren.

Als der physische Reiseverkehr infolge der Pandemie zum Erliegen kam, waren viele Forschende gezwungen, zumindest einen Teil ihrer Recherche ins Internet zu verlagern. So auch wir: Wir begannen im Sommer 2021, das Videoportal TikTok unter ethnografischen Gesichtspunkten zu erforschen. Auf dieser Social-Media-Plattform mit etwa einer Milliarde registrierter Nutzer weltweit geht es in einem umgangssprachlichen Ton zu und her.

Migranten auf einem Boot.
TikTok-Video eines jungen vermeintlichen Migranten aus dem Senegal. (Foto: Screenshot/Lesley Nicole Braun)

Im Bestreben, mit den Content Creators, den TikTokers, selber in Kontakt zu treten, erforschen wir einerseits neue Methoden und Interessen in Zusammenhang mit digitaler Ethnografie. Andererseits untersuchen wir das Potenzial, die Lebenswelten der Menschen aus der Ferne zu verstehen.

Im Folgenden zeigen wir drei Fallbeispiele, die einige Möglichkeiten aufzeigen, wie Menschen ihrem Leben Sichtbarkeit verleihen können – bisweilen in der Hoffnung, mit ihren Online-Auftritten Geld zu verdienen.

Fallbeispiel 1: Virtuelle Bootsüberfahrten

Ein TikToker, mit dem wir ein gutes Verhältnis aufbauen konnten, ist ein jungen Migrant aus Dakar, Senegal. Er zeichnete seine Reise in einem überfüllten Holzboot über das Mittelmeer auf. Er postete ein kurzes Video von sich und den anderen Passagieren, wie sie nach einigen Tagen ohne Essen und Wasser auf dem Meer treiben. Er filmt die jungen Leute im Boot, einige winken in die Kamera. Das Video ist unterlegt mit einem beliebten Song aus der Elfenbeinküste.

In einem anderen Video wendet sich der junge Mann in seiner Muttersprache Wolof an die Zuschauer. Einige seiner TikToks wurden bereits über eine Million Mal angeschaut und von Viewern auf der gesamten Afrikanischen Diaspora kommentiert.

In einem Videocall aus dem Haus seiner Eltern erzählte er uns, dass er es nie bis nach Spanien geschafft habe und immer noch in Dakar lebe. Auf unsere Frage, warum er sich dazu entschieden habe, seine Erfahrungen auf TikTok zu teilen, sagte er, er habe den Leuten zeigen wollen, was er durchgemacht hat. In späteren Unterhaltungen sprach er über seinen Traum, professioneller Wrestler zu werden, und dass er hoffe, über TikTok eine internationale Fangemeinde aufzubauen. 

Hausangestellte in Katar.
Eine junge Hausangestellten in Katar macht in ihren Videos ihre Arbeitsumstände zum Thema. (Foto: Screenshot/Lesley Nicole Braun)

Fallbeispiel 2: Prekäre Arbeitsverhältnisse auf #shagala

Unter dem Hashtag #shagala teilen Frauen aus Afrika, die in arabischsprachigen Ländern als Hausangestellte arbeiten, Inhalte über ihre prekären Arbeitsbedingungen. Der Begriff shagala wird vor allem in den Golfstaaten verwendet wird und bedeutet so viel wie «Dienerin», «Dienstmädchen».

Einige Videos zeigen auf scherzhafte Weise den Druck, unter dem die Frauen stehen, damit sie richtig bezahlt werden, während andere Beispiele komödiantisch «schlechtes» Verhalten darstellen – zum Beispiel Essen zu stehlen oder sich auszuruhen anstatt zu arbeiten.

Andere Inhalte sind ernsthafter: Die Betroffenen berichten über ihren Kummer darüber, dass sie für längere Zeit nicht nach Hause reisen können, über die Erschöpfung aufgrund langer Arbeitszeiten und ihre Wut über den körperlichen und emotionalen Missbrauch, dem sie am Arbeitsplatz ausgesetzt sind.

Die hart erarbeitete Sichtbarkeit auf TikTok kann auch offline nützlich sein. Eine Arbeiterin erklärte uns, sie sehe TikTok als Sprungbrett für die Gründung eines eigenen Unternehmens. Einige Wochen später war ihr Account gesperrt, weil ihn jemand missbräuchlich gemeldet hatte. Trotz dieses Rückschlags will sie ihre Online-Präsenz wieder aufbauen.

#shagala-TikTok zeigt uns die oftmals prekären Wege, die diese Arbeiterinnen beschreiten, und die vielschichtige Rolle, die diese Videos in ihrem Leben spielen. Sowohl der Aufwand, der das Erstellen der Inhalte bedeutet, als auch die darin dargestellte Arbeit, widerspiegeln den Prozess, mit Verletzlichkeit umzugehen.

Fallbeispiel 3: Konstruiertes Afrika

Für den Zugriff auf Douyin, die chinesische Version von TikTok, braucht man eine chinesische SIM-Karte. Die Plattform hat sich zu einem Portal entwickelt, auf dem ein gewisses Image von Afrika konstruiert und dem chinesischen Publikum präsentiert wird. Chinesische Lehrer an Konfuzius-Instituten auf den Komoren drehen zum Beispiel Videos über ihre täglichen Aktivitäten. Chinesische Rucksacktouristen zeigen ihre Reise durch Togo. Ihre TikToks fangen Begegnungen mit ihren chinesischen Landsleuten ein, die in kleinen Geschäften, Restaurants und Entwicklungsprojekten arbeiten. 

Eindrücke einer Reise nach Togo.
Videos eines chinesischen Rucksacktouristen in Togo. (Foto: Screenshot/Lesley Nicole Braun)

Unter dem Hashtag «非洲» (FeiZhou, «Afrika» auf Chinesisch) und seinen 81 Sub-Hashtags erzählen Afrikaner über ihren Alltag, bisweilen in einfachem Mandarin. Der beliebteste Sub-Hashtag beinhaltet Videos chinesischer Geschäftsmänner. Einer davon, der seit über 17 Jahren in Tansania lebt, führt die chinesischen Zuschauer in das ein, was er die «lokale Kultur» nennt.

Durch Gespräche mit einigen Creators erfuhren wir, dass viele Videos, die eine bestimmte Sicht auf Afrika zeigen, in Wahrheit von ortsansässigen bezahlten Darstellern gespielt sind, um chinesische Konsumentinnen und Konsumenten zum Kauf von Produkten wie Kaffee oder Handarbeiten zu animieren. 

Das wirft ethische Fragen zu den Arbeitsmethoden auf, insbesondere weil die Creator Kapital aus den Leistungen von Menschen schlagen, die möglicherweise keinen Zugriff auf das Endprodukt haben.

Neue Perspektiven jenseits des Scrollens

TikTok bietet einen Raum zur Darstellung von Persönlichkeiten und Erfahrungen, mit denen sich potenziell ein Einkommen generieren lässt. Anstatt sie als triviale und zeitraubende Aktivität abzutun, kann man diese Videos als kulturelle Artefakte verstehen, die einer anthropologischen Untersuchung würdig sind.

Beispielsweise können Forschende neue Perspektiven gewinnen, sei es zu Migration, zur Kommerzialisierung von Kultur, zu Selbstdarstellung oder neuen transnationalen Arbeitspraktiken. Diese Perspektiven werden vertieft und nuancierter, wenn man über die Praxis des blossen Scrollens hinausgeht und eine Beziehung zu den Creators selber aufbaut.

Diese Untersuchung ist Teil eines grösseren Forschungsprojekts. Mehr Infos unter: www.travail-travel-traders.com

Dr. Lesley Nicole Braun, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Ethnologie

Dr. Lesley Nicole Braun nimmt in ihrer Forschung die Beziehungen zwischen China und Afrika in den Blick. Ihr ihrem aktuellen Projekt «Travail-Travel-Traders» untersucht die die wachsende Verflechtung zwischen China und Afrika, insbesondere mit Blick auf afrikanische Migranten. Es wird vom durch einen Ambizione Grant des Schweizerischen Nationalfonds finanziert.

Dr. Lesley Nicole Braun, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Ethnologie
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