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University of Basel

Was tun nach einem Zahnunfall?

Andreas Filippi, Gabriel Krastl

Dass sich Kinder und Jugendliche beim Spielen oder beim Sport einen Zahn ausschlagen, kommt häufig vor. Und da sich ihr Körper noch im Wachstum befindet, kann die Behandlung von Zahnunfällen kompliziert werden. Heute stehen den Spezialisten eine Reihe von neuen technischen Möglichkeiten zur Verfügung.

Histologische Darstellung der für den Zahn überlebenswichtigen Zellen<br/>(orange) auf der Oberfläche der Zahnwurzel (schwarz).
Histologische Darstellung der für den Zahn überlebenswichtigen Zellen
(orange) auf der Oberfläche der Zahnwurzel (schwarz). © Universitätskliniken für Zahnmedizin Basel

Jedes zweite Kind bis zum 16. Lebensjahr erleidet heute in Europa einen Zahnunfall. Betroffen sind meistens die mittleren Schneidezähne im Oberkiefer. Die Zähne können beim Unfall entweder abbrechen (Fraktur) oder in ihrer Position verschoben werden (Dislokation). Besonders nach schweren solchen Dislokationen – wenn der Zahn in den Kiefer hineinoder ganz ausgeschlagen wird – können Zähne oft nicht lebenslang erhalten werden. Dies führt gerade bei Kindern und Jugendlichen zu erheblichen Problemen, da die heutigen Möglichkeiten des Zahnersatzes wie Brücken und Implantate nicht vor dem Abschluss des Körperwachstums möglich sind. Zudem: Implantate sollten laut aktuellen Untersuchungen im Bereich, der beim Lachen sichtbar wird, nicht vor dem 25. Lebensjahr gesetzt werden.

Komplexe Verletzungen
Zahnunfälle sind oft komplexe Verletzungen und betreffen grundsätzlich fünf Gewebe, die unabhängig voneinander geschädigt sein können und daher auch völlig unabhängig voneinander therapiert werden müssen: die Zahnhartsubstanzen (Schmelz, Dentin), den Zahnhalteapparat (Parodont), den Nervgefässstrang in Innern des Zahns (Pulpa) sowie den Kieferknochen und die umgebenden Weichgewebe (Mundschleimhaut, Lippe, Zunge). Da alle diese Gewebe verschiedene Spezialgebiete der Zahnmedizin betreffen, ist an der Universität Basel das weltweit bisher einzige interdisziplinäre Zahnunfallzentrum gegründet worden, das Patienten nach Zahnunfällen interdisziplinär diagnostiziert und therapiert. Wird ein bleibender Zahn ausgeschlagen, muss es schnell gehen, da die Zellen an der Wurzeloberfläche, die für ein Wiedereinwachsen des Zahns überlebenswichtig sind, rasch absterben (siehe Bild). Ausgeschlagene bleibende Zähne muss man daher sofort suchen und aufbewahren. Das Zahnunfallzentrum der Universität Basel hat ein Poster ausgearbeitet, auf dem für Aufsichtspersonen in Schulen, Schwimmbädern und Sporthallen beschrieben wird, wie man sich nach einem Zahnunfall richtig zu verhalten hat. Dazu gehört auch, den ausgeschlagenen Zahn so schnell wie möglich in eine spezielle zellphysiologische Flüssigkeit einzulegen. Als einziges Medium für mehr als zwei Stunden eignet sich dafür die sogenannte Zahnrettungsbox, die heute in allen Schwimmbädern und Primarschulen der Schweiz zur Verfügung stehen sollte; ebenso müssen sie heute alle Zahnarztpraxen vorrätig haben. Die Box enthält ein flüssiges Organtransplantationsmedium und somit sämtliche erforderlichen Nährstoffe und Aminosäuren, die in der Lage sind, die für den Zahn überlebenswichtigen Zellen ausserhalb des Munds über mindestens 24 Stunden am Leben zu erhalten. Gerade am Abend oder am Wochenende kann bei einem Zahnunfall die Zeit bis zum Besuch des zahnärztlichen Notfalldienstes rasch verstreichen, sodass die Zellen in den – oft empfohlenen, aber nur sehr bedingt geeigneten – Flüssigkeiten Milch (höchstens für etwa zwei Stunden), Wasser (15 Minuten), Speichel (30 Minuten) oder Kochsalzlösung (eine Stunde) auf dem Weg zum Zahnarzt absterben; damit kann der Zahn nicht mehr über längere Zeiträume erhalten werden. Lassen die Umstände eine zahnärztliche Behandlung innerhalb von 24 Stunden nicht zu, kann der Zahn in eine neue Rettungsbox umgelagert werden; Zeiträume von zwei bis drei Tagen lassen sich so problemlos überbrücken. Auf diese Weise können zunächst allfällige schwerwiegendere Verletzungen in der Unfallchirurgie oder im Kinderspital behandelt werden.

Revitalisierte Zahnwurzeln
Die zahnärztliche Behandlung stark dislozierter Zähne erfordert oft mehr, als nur den Zahn in seine Originalposition zurückzubringen, für wenige Wochen zu schienen und zu hoffen, dass er dort wieder normal einheilt. Heute kommen zusätzlich sogenannte antiresorptive und regenerationsfördernde Therapiekonzepte (ART) zum Einsatz. Das heisst: Auf die Wurzeloberfläche werden Medikamente wie Tetrazykline, Steroide und Schmelz-Matrix-Proteine aufgebracht, die einen positiven Einfluss auf die Wundheilung im zerrissenen oder zerquetschten Halteapparat des Zahns nehmen und somit die Prognose verbessern. Das ist umso wichtiger, je jünger die Patienten sind. Da bei unfallbedingten Zahndislokationen auch der Nerv (Pulpa) im Innern des Zahns vom Organismus abreisst, brauchen viele Zähne in einem solchen Fall auch eine Wurzelkanalbehandlung. Dabei wird die Nervhöhle dicht mit einem synthetischen Material aufgefüllt. Ein perfekter Ersatz für einen abgestorbenen Zahnnerv ist dies jedoch nicht. Besonders bei 6- bis 9-jährigen Kindern, deren Zähne noch nicht ausgewachsen sind und daher noch dünne Wurzelwände haben, kann es später noch zu Zahnverlusten kommen. Um dies zu verbessern, besteht seit kurzer Zeit die Möglichkeit, unfallbedingt nervtote Zähne im Sinn eines Tissue Engeneering (Gewebekonstruktion und -züchtung) zu revitalisieren. Dabei wird zunächst der Nervkanal unter dem Operationsmikroskop gründlich gereinigt und anschliessend eine spezielle Antibiotikamischung für zwei Wochen in den Wurzelkanal eingebracht, um vollständige Keimfreiheit zu erzeugen. In einer der folgenden Behandlungssitzungen wird der Spezialist versuchen, über eine Blutung Stammzellen aus dem Bereich der Wurzelspitze in den Nervhohlraum einzuschwemmen. Ist die Therapie erfolgreich, differenzieren sich diese Stammzellen zu Zellen, die Zahnhartsubstanz bilden, und ein neues Gewebe entsteht. Der zuvor abgestorbene Zahn ist somit wieder vital und kann sein Wurzelwachstum fortsetzen. Diese neue Therapie scheint bislang in etwa einem Drittel der Fälle erfolgreich zu sein. Die aktuellen Forschungsergebnisse wecken Hoffnungen, dass in näherer Zukunft die herkömmliche Wurzelkanalbehandlung noch nicht ausgewachsener Zähne durch eine wesentlich biologischere Vorgehensweise ersetzt werden könnte.

Richtiges Verhalten wichtig
Fazit: Zahnverletzungen können die weitere Entwicklung der Zähne sowie des Kieferknochens massgeblich beeinflussen. Unmittelbar nach dem Unfall ist das vollständige Ausmass möglicher Folgeschäden nicht immer abzuschätzen. Richtig therapiert, können unfallverletzte Zähne in vielen Fällen über sehr lange Zeiträume erhalten werden. Voraussetzungen dafür sind jedoch ein richtiges Verhalten der Verletzten und ihrer Aufsichtspersonen – Eltern, Lehrer, Badmeister, Sporttrainer – unmittelbar nach einem Zahnunfall sowie ein professionelles Vorgehen in der Zahnarztpraxis. Grundsätzlich sollte ein Zahnarzt nach jedem Zahnunfall aufgesucht werden, auch wenn er noch so unspektakulär erscheint. Denn nicht selten werden dabei für den Patienten nicht sichtbare Begleitverletzungen entdeckt; eine unterlassene Anmeldung bei der Unfall- oder Krankenversicherung kann zusätzlich erhebliche finanzielle Folgen haben.

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