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University of Basel

Zahngesundheit ist Allgemeingesundheit

Clemens Walter, Nicola U. Zitzmann

Der Zahnhalteapparat («Parodont») besteht aus dem den Zahn umgebenden Zahnfleisch («Gingiva»), dem knöchernen Zahnfach («Alveole») sowie einem speziellen Fasersystem («Desmodont»), das den Zahn im Kieferknochen verankert. Von Erkrankungen in diesem Bereich sind nahezu alle Menschen betroffen – oft auch mit Auswirkungen auf die Allgemeingesundheit.

Erkrankungen des Zahnhalteapparats können verschiedene Ursachen haben. Meist handelt es sich jedoch um Infektionen, die durch Bakterien des Zahnbelags («Plaque», «Biofilm») hervorgerufen werden. Eine unzureichende Mundhygiene fördert die Ansammlung und Vermehrung von Bakterien auf der Zahnoberfläche. Darüber hinaus gibt es Risikofaktoren, welche die Entstehung der Erkrankung fördern und ihre Ausprägung ungünstig beeinflussen. Dazu zählen das Rauchen (besonders von Zigaretten), Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus, gewisse angeborene Veranlagungen oder auch der Umgang mit dramatischen Lebensumständen wie zum Beispiel mit andauerndem beruflichem oder privatem Stress. Wird die Zahnpflege über mehrere Tage vernachlässigt, kommt es zu einer oberflächlichen Entzündung des Zahnhalteapparats, einer sogenannten Gingivitis, die noch reversibel ist. Das heisst, sie kann sich wieder vollständig zurückbilden, sobald der Biofilm dauerhaft entfernt wird. Die Gingivitis äussert sich meist durch Rötung, Schwellung und Zahnfleischbluten.

Zahnfleischtaschen
Besteht die Entzündung fort, so werden auch tiefere Bestandteile des Zahnhalteapparats angegriffen. Sobald der Kieferknochen von den entzündlichen Prozessen betroffen ist und abgebaut wird, spricht man vom Krankheitsbild einer Parodontitis, die oft sichtbare Spuren hinterlässt. Es bildet sich eine krankhafte Vertiefung im Zahnfleisch. Diese sogenannte Zahnfleischtasche ist der Mundhygiene des Patienten nicht mehr zugänglich. Es sammeln sich dort immer mehr Bakterien an, die Entzündung schreitet weiter voran und die Zahnfleischtasche wird tiefer. Besonders kritisch sind Taschentiefen von sechs Millimetern und mehr, da mit dieser Vertiefung Nischen assoziiert sind, die besonders krankheitsfördernde Bakterien beherbergen. Harte, verkalkte Beläge wie Zahnstein und Konkremente (der nicht sichtbare Zahnstein in der Zahnfleischtasche) sind sehr problematisch, da an diesen rauen Oberflächen die weichen bakteriellen Beläge besonders gut anhaften. Der Endpunkt einer unbehandelten Erkrankung des Zahnhalteapparats ist dann der Zahnverlust. Übrigens: Der Begriff «Parodontose» bezeichnete einen altersbedingten und zumeist unaufhaltsamen Schwund des Zahnhalteapparats. Dies entspricht aber nicht mehr dem aktuellen Krankheitsverständnis. Die Bezeichnung «Parodontose » wird daher nicht mehr verwendet und weist lediglich noch historische Bedeutung auf. Die Beantwortung einfacher Fragen kann helfen, die Erkrankung zu identifizieren und einen Behandlungsbedarf zu eruieren: Leide ich unter Zahnfleischbluten? Leide ich unter schlechtem Geschmack oder unter Mundgeruch? Hat sich die Stellung meiner Zähne verändert oder «wackeln» sie? Hat sich mein Zahnfleisch zurückgebildet oder gibt es zwischen den Zähnen Lücken, die als «schwarze Dreiecke» sichtbar werden? Müssen eine oder gar mehrere dieser Fragen bejaht werden, besteht wahrscheinlich eine Erkrankung, und es sollte eine spezielle Untersuchung des Zahnhalteapparats durchgeführt werden. Gegenstand aktueller wissenschaftlicher Studien ist die Untersuchung des Einflusses von Erkrankungen der Mundhöhle wie einer Parodontitis auf die allgemeine Gesundheit. Diese Analysen beruhen auf zwei wesentlichen biologischen Zusammenhängen: Die Gewebe des Zahnhalteapparats sind aussergewöhnlich gut durchblutet, und damit können Bakterien der Mundhöhlenflora schnell einen Zugang zum Blutgefässsystem finden. Diese sogenannte Bakteriämie (Bakterien im Blut) bleibt nicht auf die Mundhöhle beschränkt, sondern kann die gesamte Blutbahn betreffen. So ist es möglich, dass Bakterien der Mundhöhle auch in entfernten Organen wie im Herz oder in der Niere eine schädigende Wirkung haben. Sind alle Zähne – in einem voll bezahnten Gebiss sind es 28 – von einer Parodontitis befallen, beträgt die mit Bakterien besiedelte Wundfläche etwa 100 Quadratzentimeter. Das entspricht annähernd der Ausdehnung einer Handinnenfläche. Ein derartig grosses krankhaft verändertes Areal bleibt vom körpereigenen Abwehrsystem nicht unbemerkt. Es kommt daher zu einer ausgeprägten Reaktion, an der zahlreiche Abwehrzellen und Botenstoffe des Entzündungsprozesses beteiligt sind. Dieser Vorgang ist nicht auf die Mundhöhle beschränkt, sondern kann auf den gesamten Organismus übergreifen. Eine unbehandelte Parodontitis erhöht das Risiko für Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems wie zum Beispiel Arteriosklerose oder Herzinfarkte. Andere Studien zeigen, dass der Verlauf einer Schwangerschaft oder das Geburtsgewicht durch Erkrankungen des Zahnhalteapparats beeinträchtigt werden können. An der Klinik für Parodontologie, Endodontologie und Kariologie in Basel kann die Behandlung von parodontal erkrankten Patienten durch Spezialist/innen, Zahnärzt/innen im Weiterbildungsprogramm Parodontologie oder durch Studierende im Rahmen des klinischen Kurses erfolgen. In solchen Kursen, in denen die Studierenden von erfahrenen Zahnärzt/innen intensiv betreut werden, wird eine weniger kostenintensive Behandlung bei erhöhter Behandlungszeit angeboten. Dies stellt für einen Teil der Bevölkerung häufig die einzige erschwingliche Therapiemöglichkeit dar.

Täglich gut putzen
Die parodontale Therapie beginnt mit einer ausführlichen Analyse der persönlichen Risikofaktoren für die jeweilige Erkrankung. Wesentlicher Bestandteil der Diagnostik ist das Ausmessen der Zahnfleischtaschen an jedem Zahn. Voraussetzung für den Behandlungserfolg ist zunächst eine optimale tägliche Zahnreinigung. Gutes Zähneputzen erfordert ein hohes Mass an manueller Geschicklichkeit und Mitarbeit der Patienten. Wichtiger Bestandteil der parodontalen Therapie sind daher die bedarfsorientierte Mundhygiene-Motivation und eine entsprechende Aufklärung. Dazu gehören die Anpassung der Mundhygiene-Gewohnheiten der Patienten wie etwa das Erlernen anderer Zahnputztechniken, die Verwendung von Zahnzwischenraumbürstchen (Interdentalraumbürstchen) oder die Umstellung auf eine elektrische Zahnbürste. Diese Techniken werden individuell auf die Patienten abgestimmt. Rauchen erhöht das Risiko, Zähne als Folge einer Parodontitis ganz zu verlieren. Je mehr und je länger geraucht wurde, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit einer schweren Parodontitis. Ein Rauchstopp-Programm ist daher heute wichtiger Bestandteil einer zeitgemässen Therapie. Mitunter wird eine Tabakentwöhnung auch mit den lokalen Beratungszentren oder in Zusammenarbeit mit Spitälern oder Hausärzt/innen durchgeführt. Das Ziel der parodontalen Behandlung ist die Eliminierung der Entzündung und damit einhergehend eine Verringerung der Tiefe der Zahnfleischtaschen. Die Bakterien müssen von der Zahnoberfläche und aus der Zahnfleischtasche entfernt werden, der Zahnstein wird abgeschabt, die Wurzeloberfläche geglättet. Hierzu wird oft eine Kombination von maschineller Instrumentierung – zum Beispiel mit einem Ultraschallgerät – und dem Einsatz von speziell geformten Handinstrumenten, sogenannten Küretten, verwendet. Diese Behandlung ist meist sehr erfolgreich, die Zahnfleischtaschen werden reduziert und eine Beeinträchtigung der Allgemeingesundheit wird unterbunden. In bestimmten Situationen stehen den behandelnden Therapeuten weitere Optionen zur Verfügung, um einen gesunden Zahnhalteapparat zu etablieren. Müssen dennoch einzelne Zähne entfernt werden, besteht die Möglichkeit des Zahnersatzes durch dentale Implantate. Dabei ersetzt das Implantat primär die Zahnwurzel und wird nach dem Einheilen im Rahmen der festsitzenden Restaurationen mit einer Krone versorgt. Grundsätzlich ist jedoch zu beachten, dass Implantatversorgungen der gleichen intensiven Mundhygiene bedürfen, um langfristig stabil im Kieferknochen verbleiben zu können. Zudem ist bekannt, dass entzündliche Erkrankungen um Implantate («Periimplantitis ») analog zur Parodontitis auftreten und Patienten mit der Vorgeschichte einer Parodontitis ein erhöhtes Risiko der Neuerkrankung auch um Implantate tragen.

Parodontitis grundsätzlich vermeidbar
Parodontitis ist eine chronische Erkrankung. Um ihr Fortschreiten oder Wiederauftreten zu verhindern und die parodontale Gesundheit langfristig aufrechtzuerhalten, bedürfen Patienten daher einer lebenslangen Nachsorge durch speziell weitergebildete Dentalhygienikerinnen und Zahnärzte. Dabei werden die Taschentiefen gemessen und die vielfältigen Risikofaktoren systematisch erfasst. Dies erlaubt eine individuelle diagnostische und prognostische Beurteilung sowie die gezielte und bedarfsgerechte Behandlung des erkrankten Zahnhalteapparats. Grundsätzlich sind parodontale Erkrankungen vermeidbar, und zwar durch eine entsprechende persönliche Vorsorge sowie angemessene zahnärztliche Diagnostik und Therapie. Ist der Zahnhalteapparat bereits erkrankt, so kommt der rechtzeitigen Erkennung und Behandlung entscheidende Bedeutung für den Zahnerhalt sowie die Mund- und Allgemeingesundheit zu.

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