x
Loading
+ -

University of Basel

Ein Detektiv der Paläontologie

Katharina Truninger

Achim Reisdorf löst Kriminalfälle der Saurierforschung. Kürzlich ist es dem Doktoranden der Geowissenschaften gelungen, das Rätsel um den vermeintlichen Todeskampf von Dinosauriern zu lösen: Mit einem einfachen Experiment konnte er mit einem deutschen Kollegen nachweisen, weshalb diese oft in bizarr verkrümmter Körperhaltung versteinert wurden. Eine Porträt Ein Detektiv der Paläontologie Spurensuche mit Folgen.

Achim Reisdorf auf dem Basler Bruderholz
«Kitchen Science» mit Hühnerhälsen: Geowissenschaftler Achim Reisdorf mit Dinosauriermodell auf dem Basler Bruderholz. © Andreas Zimmermann

Man glaubt, das Leiden und den Todeskampf der Tiere förmlich mitzuerleben, wenn man die bizarr verkrümmte Körperhaltung betrachtet, in der sich viele fossile Dinosaurierskelette präsentieren: Mit weit geöffnetem Maul und extrem über den Rücken nach hinten gestreckten Kopf und Schwanz faszinieren solche Funde Paläontologen seit mehr als 150 Jahren und regten zu wilden Spekulationen um ihren Tod an. «Unter anderem nahm man an, dass die bizarre Verkrümmung durch eine Art Starrkrampf ausgelöst wurde», erzählt der Sedimentologe und Fossilienspezialist Achim Reisdorf. Als Folge einer Vergiftung oder einer anderen Schädigung des Kleinhirns hätten sich dabei die Muskeln der Dinosaurier im Todeskampf zusammengekrampft und so die Wirbelsäule nach hinten gebogen. Noch 2007 leistete eine viel beachtete US-amerikanische Studie dieser sogenannten «Opisthotonus- Hypothese» mit dem vermeintlich qualvollen Ableben der Tiere Vorschub. Durch ein cleveres Experiment ist es Reisdorf nun gemeinsam mit dem Mainzer Paläontologen Michael Wuttke gelungen, diese Hypothese zu widerlegen: «Wir konnten zeigen, dass die Tiere wahrscheinlich auf ganz unspektakuläre Weise gestorben sind», sagt der Forscher mit einem schelmischen Lächeln. Und erklärt nüchtern: «Wir haben die Dinos sozusagen posthum von ihrem Leidensmythos befreit.» Was einfach tönt, ist allerdings eine längere Geschichte und hat etwas mit dem Fundort der Fossilien zu tun: Sie wurden alle in Sedimenten gefunden, die unter Wasser abgelagert wurden. Der von Reisdorf und Wuttke exemplarisch untersuchte Dinosaurier Compsognathus longipes stammt aus den weltbekannten bayrischen Fossillagerstätten bei Solnhofen. Dort lebte das langhalsige Landwirbeltier nahe einer tropischen Lagune, wo es vor etwa 150 Millionen Jahren starb und darauf in den Sedimenten des Flachmeers sein Grab fand. Die Forscher gingen davon aus, dass die Verkrümmung etwas mit dem Wasser zu tun haben könnte: Entweder sind die Dinosaurier im Meer umgekommen oder sie wurden als frische Leichen vom Land in die Lagune geschwemmt. «In jedem Fall müssen ihre Körper rasch zum Meeresgrund abgesunken sein», sagt Reisdorf. Um diesen Prozess nachzuvollziehen, griffen die Forscher in die Trickkiste der «Kitchen Science»: Bei einem Metzger kauften sie Hühnerhälse und befestigten sie in einem Kanister, den sie mit Wasser füllten. Und tatsächlich bogen sich die Hälse unter Wasser sogleich stark nach hinten. Je länger sie sich darin befanden und sich zersetzten, desto stärker kringelten sie sich. Doch weshalb die Krümmung? Des Rätsels Lösung ist biomechanischer Natur – die beiden fanden sie in einem vorgespannten Band, dem Ligamentum elasticum, das sich vom Hals bis zum Schwanz auf der Oberseite der Wirbelsäule entlangzieht. Seine gummibandartige Vorspannung verleiht der Wirbelsäule Stabilität. Dinosaurier mit langen Hälsen und Schwänzen waren auf ein besonders starkes Ligamentum elasticum angewiesen. «So konnten sie Hals, Kopf und Schwanz ohne weitere Muskelkraft über dem Erdboden halten», sagt Reisdorf. Unter Wasser jedoch entfällt die Wirkung der Schwerkraft weitgehend. Das vorgespannte Band entfaltet vollumfänglich seine Zugkräfte und führt sofort zu einer Rückwärtskrümmung des Halses mitsamt dem Kopf.

Eine gute Prise Humor
Die Publikation der Resultate in der Fachzeitschrift «Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments» diesen Februar sorgte für internationales Aufsehen und grossen Medienrummel mit zahlreichen Berichten in Fernsehen, Radio und Presse, sogar in der «New York Times». «Ich hätte nie gedacht, was das alles auslöst», meint Reisdorf. Auch am Basler Science Slam haben er und Wuttke das Hühnerhalsexperiment «mit enormem Spass» präsentiert. «Meine Vorstellung war allerdings noch eher steif und ungelenk», gesteht der 45-Jährige. Dennoch wurde der slammende Wissenschaftler kurz darauf an die Science Slams nach Zürich und Freiburg/i.Br. eingeladen, wo er sich noch steigern konnte und einen zweiten und gar einen ersten Platz erreichte: «Die ausgelassene Stimmung im Publikum war überwältigend.» Derzeit überstürzen sich die Anfragen für weitere Auftritte. Strebt er nun eine Karriere als Science-Performer an? «Nein, nein», winkt er ab. «Doch ich finde es wichtig und spannend, der Öffentlichkeit die Wissenschaft auf verschiedene Weise näherzubringen, auch mal augenzwinkernd und mit einer guten Prise Humor. » Reisdorfs Interesse am Enträtseln von Fossilienfunden begann vor 13 Jahren, als der im Erzgebirge aufgewachsene Deutsche nach Basel kam und eher nebenbei auf seinen ersten «Kriminalfall» stiess. Das erste «Corpus delicti», den versteinerten Schädel eines delfinähnlichen Fischsauriers, entdeckte er durch Zufall, als er in einer Tongrube auf dem Unteren Hauenstein Gesteinsschichten untersuchte. Denn eigentlich ist Reisdorf Sedimentologe und schreibt eine Dissertation über Ablagerungen der frühen Jurazeit in der nördlichen Schweiz. Bei der Geländearbeit stiess er damals auf eine extrem harte Gesteinsschicht, die er durchbrechen musste: «Ich war am Hämmern und verschrottete dabei einen Meissel, weil der Kalkstein so hart war. Plötzlich rollte mir das ‹versteinerte Auge› eines Fischsauriers entgegen. Der restliche Schädel steckte noch im Gestein», erzählt er. Es stellte sich heraus, dass der Schädel zum gleichen Ichthyosaurier gehörte, dessen Brustkorb ein halbes Jahr zuvor in derselben Tongrube von Christian Meyer entdeckt wurde, dem heutigen Direktor des Naturhistorischen Museums Basel.

Saurier kopfüber
Das Bizarre daran: Die Fischsaurierreste steckten senkrecht im Gestein und lagen somit nicht parallel zu den Sedimenten, wie sonst bei Wirbeltierfossilien üblich. «Da packte es mich: Ich wollte herausfinden, wie dieses Tier kopfüber ins Gestein gelangen konnte.» Gemäss einer Hypothese, die bis heute in der Fachliteratur umhergeistert, würden Kadaver durch die in einer Leiche entstehenden Faulgase explodieren. Demnach wäre der Hauensteiner Ichthyosaurier geschossartig ins Sediment katapultiert worden. Reisdorf, der dies für unwahrscheinlich hielt, griff bereits damals zu unkonventionellen Methoden: Er recherchierte nämlich nicht nur in der Literatur und bei Paläontologen, sondern nahm auch Kontakt zu Veterinär- und Rechtsmedizinern auf: «Die Fachleute erklärten mir, dass Leichen von Wirbeltieren gar nicht explodieren können.» Mit detektivischem Spürsinn fand er schliesslich eine plausible Erklärung: Ichthyosaurier müssen ein höheres spezifisches Gewicht als Meerwasser aufgewiesen haben. Deshalb sanken sie nach dem Tod zum Meeresboden ab. Beim Absinken stieg der Wasserdruck, der flexible Brustkorb und damit auch die Lungen wurden zusammengepresst. Dadurch verlagerte sich bei dieser speziellen Ichthyosaurierart der Körperschwerpunkt nach vorne, und der Fischsaurier stiess kopfüber in den sehr weichen Meeresgrund. Der «Kamikaze- Saurier», wie Reisdorf den Fund mit schwarzem Humor nennt, wurde darauf von einer harten Knolle aus Kalk ummantelt. Zusammen mit seinem Doktorvater Andreas Wetzel konnte er beweisen, dass die Last der späteren Ablagerungen die Kalkknolle mitsamt dem Fossil allmählich wie einen Keil in tiefer gelegene und damit deutlich ältere Gesteinsschichten trieb. Noch einige weitere Rätsel um mysteriöse Fossilienfunde hat Reisdorf bisher gelüftet. Wegen seiner unkonventionellen, kreativen Methoden und seinem interdisziplinären Vorgehen bei der Spurensuche wird er dieses Jahr voraussichtlich sogar für den alternativen Nobelpreis nominiert. «Es ist aber noch nicht ganz sicher», meint er bescheiden. Eines gelingt dem Deutschen jedoch so oder so: Er erzählt so packend von «seinen» Fossilien, dass die Jahrmillionen alten, etwas verstaubten Steine vor dem geistigen Auge der Zuhörerin zum Leben erweckt erscheinen. «Was mich daran stets wieder von Neuem fasziniert: Fossilien haben einmal gelebt, bevölkerten vor Jahrmillionen als Pflanzen und Tiere unseren Planeten, haben geatmet, geblüht, geduftet.» Dass die Dissertation in seinem eigentlichen Fachgebiet, der Sedimentologie, deswegen etwas länger gedauert hat, liegt auf der Hand. Auf der faulen Haut gelegen ist der Forscher indes nie: In geduldiger Feinstarbeit ist er wochen- und monatelang in Tongruben herumgekraxelt und hat für die Sedimente der Nordschweiz aus der frühen Jurazeit eine neue, einheitliche Untergliederung nach internationalen Standards entwickelt; das neue Gliederungskonzept wurde 2011 publiziert.

Achim G. Reisdorf ist Doktorand im Fach Sedimentologie (Jura-Stratigrafie und Paläogeografie der Nordschweiz) am Fachbereich Biogeochemie und globale Stoffkreisläufe/Geowissenschaften der Universität Basel. Geboren 1967 in Freiberg (Sachsen), liess er sich zum Geologie-Facharbeiter ausbilden und studierte dann an der Bergakademie Freiberg, mit Abschluss zum Geologie- Ingenieur. Darauf folgte ein weiteres Studium in Geologie und Paläontologie an der Universität Tübingen mit Diplomabschluss im Jahr 1998. Reisdorf ist auch als Festivalorganisator und CD-Produzent im Bereich Neue Musik aktiv.

To top