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University of Basel

Mundtrockenheit bei Krebspatienten

Tuomas Waltimo, Adrian Ramseier

Mundtrockenheit – ein Problem, das bei Krebspatienten sehr häufig auftritt und zu einer massiven Verminderung ihrer Lebensqualität führen kann. Das Institut für Präventivzahnmedizin und Orale Mikrobiologie der Universität Basel arbeitet seit Jahren mit zwei internationalen Fachorganisationen zusammen, um eine individuell angepasste, optimale Betreuung der Patienten zu gewährleisten.

Generalisierte Karies ein Jahr nach einer hochdosierten Chemotherapie und Stammzelltransplantation.
Generalisierte Karies ein Jahr nach einer hochdosierten Chemotherapie und Stammzelltransplantation. © Universitätskliniken für Zahnmedizin Basel

Die Mundtrockenheit ist ein Phänomen, das weit verbreitet ist. Wir alle kennen es in Stresssituationen wie zum Beispiel bei Prüfungen oder Vorträgen. Wenn der Speichelmangel jedoch chronisch auftritt, bedeutet dies einerseits eine wesentliche Einschränkung der Lebensqualität, anderseits aber auch eine ernsthafte Gefahr für die Mundgesundheit. Insbesondere Karies, Parodontitis und Schleimhauterkrankungen können entstehen oder rasch fortschreiten.

Zu wenig Speichel
Bei der Mundtrockenheit sind zwei Begriffe voneinander zu unterscheiden: Die Xerostomie (von griechisch «xeros», trocken, und «stoma», Mund) bezieht sich ausschliesslich auf das subjektive Gefühl; dagegen beschreibt die Hyposalivation (von griechisch «hypo», unter, und lateinisch «saliva», Speichel) die objektiv messbare Minderleistung der Speicheldrüsen. Normalerweise werden pro Tag etwa 500 bis 1500 Milliliter Speichel gebildet. Die individuellen Unterschiede sind jedoch sehr gross, und lange nicht jeder Patient mit Xerostomie leidet auch unter einer Hyposalivation. Ebenfalls fühlt sich nicht jeder, der zu wenig Speichel produziert, dadurch auch gestört. Das Empfinden der Mundtrockenheit ist nicht nur von der Menge, sondern auch von der Zusammensetzung und der Benetzungsfähigkeit des Speichels abhängig. Der normale Speichel hat eine leicht schleimartige Konsistenz und befeuchtet die Mundhöhle. Steht er nicht in genügender Menge zur Verfügung, gibt es Probleme beim Kauen und Schlucken. Trockene Speisen können zum Beispiel nur mit einem zusätzlichen Schluck Wasser gegessen werden, und Saures oder gut Gewürztes kann so stark brennen, dass man lieber ganz darauf verzichtet. Viele Patienten berichten über Geschmacksstörungen und Schmerzen im Mund. Auch das Sprechen kann durch die klebrige Zunge beeinträchtigt und sogar fast unmöglich werden. Der Speichel hat auch eine wichtige Funktion in der Infektabwehr. Zunächst können schädliche Bakterien und ihre Nahrung durch einen genügenden Speichelfluss weggespült werden. Aber er enthält auch direkt antimikrobiell wirksame Substanzen: einerseits solche, die unspezifisch gegen Mikroben wirken, wie zum Beispiel Enzyme wie Lysozym oder das Peroxidase-System, anderseits auch spezifisch wirkende Immunglobuline, vor allem das Immunglobulin A. Eine dritte wichtige Funktion des Speichels ist der Schutz der Zahnhartsubstanzen, also der Schutz vor Karies und Erosion. Neben der Reduktion der Anzahl Bakterien geschieht dies durch Verdünnung und Abpufferung bakteriell gebildeter, von aussen oder vom Magen her zugeführter Säuren sowie durch die direkte Remineralisierung von bestehenden Schäden durch Kalzium- und Fluorid-Ionen, die im Speichel vorhanden sind. Speichel ist nicht einfach Wasser, sondern eine sehr spezielle Lösung, die viele vom Blut bekannte aktive Substanzen enthält. Für die Funktion genauso wichtig wie die genügende Menge ist auch die richtige Zusammensetzung des Speichels, und beides kann durch viele Einflüsse gestört sein. Sehr viele Medikamente haben eine direkte oder indirekte Wirkung auf die Steuerung der Speichelproduktion durch das vegetative Nervensystem. Chemotherapeutika und besonders Bestrahlungen können die Speicheldrüsen auch direkt schädigen – reversibel oder irreversibel. Krebspatienten leiden vor allem als Folge von Bestrahlungen und Chemotherapien deshalb besonders oft an den Folgen der Mundtrockenheit. Vielfach ist es einer der wichtigsten Faktoren für eine eingeschränkte Lebensqualität. Schmerzen durch eine Entzündung der Mundschleimhaut, Geschmacksstörungen, Schwierigkeiten beim Kauen und Schlucken sowie Übelkeit als Nebenwirkungen der Chemotherapeutika können zu schweren Ernährungsproblemen und sogar zum frühzeitigen Abbruch einer Behandlung führen. Von der Mundtrockenheit besonders stark betroffen sind Patienten mit Tumoren im Hals-Nasen-Ohren-Bereich, die lokal eine hohe Bestrahlungsdosis von 50 bis 70 Gray erhalten. Eine zweite besonders gefährdete Patientengruppe ist jene, die im Rahmen einer Stammzelltransplantation eine besonders starke Chemotherapie und zum Teil auch eine Ganzkörperbestrahlung erhält, wie dies zum Beispiel bei der Behandlung von Leukämien oft der Fall ist. Hier ist zusätzlich zu beachten, dass unter der Behandlung die körpereigene Immunabwehr für eine gewisse Zeit komplett zum Erliegen gebracht wird und Keime, die lokal im Mund vorhanden sind oder gar ins Blut gelangen, verheerende Infektionen auslösen können. In diesen Fällen kann die Speichelproduktion über Jahre oder gar lebenslang eingeschränkt bleiben. Engmaschige Kontrollen und intensive prophylaktische Massnahmen sind für die betroffenen Patienten von grosser Wichtigkeit und müssen derzeit laut dem Krankenversicherungsgesetz zum Teil auch von den Krankenkassen übernommen werden. Orale Infektionen werden vor der Krebsbehandlung von den Spezialisten gesucht und nach Möglichkeit saniert. Beim Auftreten einer Mundtrockenheit können sie mit Speichelersatzmitteln Linderung verschaffen. Die Mund- und Zahnreinigung wird mit antimikrobiell wirksamen Mundspülungen unterstützt. Mit fluorhaltigen Spülungen und Zahnpasten lässt sich die Remineralisierung des Zahnschmelzes fördern. Anschliessend führen die Zahnmediziner individuell angepasste Nachkontrollen für mehrere Jahre durch. Die internationalen Organisationen Multinational Association for Supportive Care in Cancer und International Society for Oral Oncology sind die wichtigsten Ratgeber auf diesem Feld. Das Institut für Präventivzahnmedizin und Orale Mikrobiologie der Universität Basel unterhält eine intensive und langjährige Zusammenarbeit mit diesen beiden Organisationen. Damit wird sichergestellt, dass die Patientenbetreuung den aktuellen weltweiten Richtlinien entspricht.

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