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University of Basel

Mundschleimhaut zur Frühdiagnose

Irène Hitz Lindenmüller

In der Zahnarztpraxis sollten nicht nur die Zähne, sondern ebenso sorgfältig auch die Mundschleimhaut beurteilt werden: Diese kann nämlich Veränderungen aufweisen, die mit einer Reihe von Erkrankungen zusammenhängen.

Oft ist es die Mundschleimhaut, die bei Patienten als Erstes Veränderungen zeigt und damit ein wichtiges diagnostisches Hilfsmittel zur Erkennung von Erkrankungen des Gesamtorganismus ist. Dank der Früherkennung einer möglicherweise schwerwiegenden Grunderkrankung beim Zahnarzt ist eine frühe Diagnose – bei Bedarf zusammen mit Gewebeprobe, Immunfluoreszenz, Röntgenbild, Magnetresonanzund Computertomografie oder Blutbild – und Therapie überhaupt möglich, was für die Lebensqualität der Patienten sehr wichtig ist.
Folgende Erkrankungen können sich an der Mundschleimhaut manifestieren: Erkrankungen des Blutsystems (Anämie, Leukämie, Lymphome); Hormonstörungen (Diabetes, Morbus Addison); Erkrankungen des Magen-Darm- Trakts (Morbus Crohn, Zöliakie, Peutz-Jeghers-Syndrom); Autoimmunerkrankungen (Sjögren-Syndrom, systemische Sklerodermie, Lupus erythematodes, Pemphigus/Pemphigoid); Erkrankungen der Lunge (Tuberkulose, Wegener- Granulomatose); onkologische Erkrankungen (Metastasen, vor allem durch Karzinome der Brust und der Prostata, der Nieren, der Lunge oder des Dickdarms – bei 25% sind Metastasen in der Mundhöhle das erste Anzeichen einer Metastasierung und bei 23% sogar der erste Hinweis auf einen bisher noch nicht entdeckten bösartigen Tumor); Infektionskrankheiten (HIV, Herpes- und andere Viren, Tuberkulose, Syphilis, Toxoplasmose); Mangelerkrankung (Vitamine, Spurenelemente) besonders bei älteren Personen, denen Zähne fehlen oder die eine schlecht sitzende Prothese tragen. Alle diese Erkrankungen können angeboren oder im Lauf des Lebens erworben sein. Beschwerden müssen nicht, können aber auftreten. So wird Diabetes oft spät bei einer Routineuntersuchung beim Hausarzt erkannt, da die Patienten keine oder nur geringe Beschwerden haben. Den Zahnärzten kommt daher eine wichtige Rolle bei der Früherkennung einer möglichen Diabetes-Erkrankung zu, obwohl die Symptome – Pilzinfektionen, Zahnfleischerkrankung, Mundbrennen und Mundtrockenheit, eingerissene Mundwinkel, allgemein schlecht heilende Wunden – relativ unspezifisch sind.
Die Veränderungen der Mundschleimhaut, die durch eine Grunderkrankung ausgelöst werden, sind dabei sehr unterschiedlich und an verschiedenen Stellen in der Mundhöhle zu sehen. Betroffen sein können etwa Zahnfleisch, Zunge und Wangenschleimhaut. Die Schleimhaut weist dabei Verhornungen (weisse Bezirke, die in der Regel nicht schmerzen), Ulzerationen (offene, schmerzhafte Schleimhaut, Erosionen (rote, schmerzhafte Verletzungen), Blasen, braune Flecken oder Wucherungen auf. Auch können einige Medikamente, die zur Unterdrückung des Immunsystems (etwa nach Organtransplantationen, bei Epilepsie und hohem Blutdruck) eingenommen werden, als Nebenwirkung zu Zahnfleischwucherungen führen. Eine frühe Diagnose ist entscheidend, um irreversible Schädigungen von Organen und letztlich einen tödlichen Verlauf zu verhindern. Die ausführliche Erfragung der Patienten über eingenommene Medikamente oder weitere Beschwerden (zum Beispiel an Lunge oder Haut) können in Kombination mit auffälligen Veränderungen der Schleimhaut von grossem Nutzen für eine Diagnosestellung sein. Bei nicht eindeutig zuordenbaren Veränderungen der Mundschleimhaut sollte jedenfalls immer eine Gewebeprobe entnommen werden, um ein bösartiges Geschehen ausschliessen zu können. Im Sinn der Patienten sollte zudem die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Hausärzten, Internisten, Dermatologen, Onkologen und Ärzten weiterer Fachdisziplinen gesucht werden.

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